Shanty-Chor singt in Esslingen Unterhaltsames Konzert stellt eine ernste Frage

Eberhard Scharpf, Petra Güntert und Dieter Benze (von links) haben für den Shanty-Chor der Esslinger Marinekameradschaft Tsingtau das Konzept für ein Konzertprojekt zum Thema Umweltschutz erarbeitet. Foto: Gaby Weiß

„Kippen die Weltmeere?“ ist das Projekt des Shanty-Chors der Esslinger Marinekameradschaft Tsingtau überschrieben. Die Organisatoren sehen sich in der Pflicht und wollen etwas anstoßen.

Tief beeindruckt, zum Teil mit Tränen in den Augen, hat das Publikum bei dem Esslinger Kulturfest „Stadt im Fluss“ im vergangenen Jahr auf das Konzert des Shanty-Chors der Esslinger Marinekameradschaft Tsingtau reagiert: Dieter Benze, Eberhard Scharpf und Petra Güntert hatten die Idee, ein gesellschaftlich-politisches Thema mit maritimen Gesängen und westafrikanischer Trommelmusik zu verbinden, gemeinsam mit den Shanty-Sängern zur Bühnenreife entwickelt. Nun wird der rührige Chor das ambitionierte Konzert „Kippen die Weltmeere?“ am 6. April im Neuen Blarer noch einmal aufführen.

 

Dieter Benze, Vorstand der Marinekameradschaft Tsingtau, weiß aus seiner Zeit als Seemann mit Kapitänspatent, dass früher Atommüllfässer in einem tiefen Graben am Meeresgrund entsorgt wurden, bevor britische Seeleute dieses umweltschädliche Vorgehen boykottierten. Er erinnert sich an Fälle, in denen giftige Säuren aus der Industrie vor der Küste einfach „verklappt“, also ins Meer abgelassen wurden: „Damals hieß das schlicht ‚Unendliche Verdünnung, keine Gefahr für die Umwelt‘. Als jedoch nach ein paar Jahren in dem Gebiet Messungen am Meeresboden gemacht wurden, stellte man fest: Biologisch ist dort alles tot.“

Riesige Plastikstrudel im Meer

Die dreiköpfige Arbeitsgruppe hat sich in der Vorbereitung des Konzerts auch mit aktuellen Vorkommnissen wie den riesigen in den Ozeanen schwimmenden Plastikstrudeln beschäftigt. „Einer hat bereits die Größe von Mitteleuropa erreicht“, erzählt Benze: „Vögel sterben, weil sie nicht zwischen Plastikmüll und Futter unterscheiden können. Wale kommen an die Wasseroberfläche, auf der nur noch Plastik schwimmt, reißen das Maul auf, schlucken den Plastikmüll, den sie nicht verdauen können, und sie sterben.“

Die Meerestiere fressen das Plastik – und können daran sterben. Foto: imago

Auch Eberhard Scharpf aus dem erweiterten Vereinsvorstand hat sich kundig gemacht: „Es dauert 500 Jahre, bis eine Plastikflasche zerfällt. Heute weiß man, dass sich dieses Mikroplastik dann als Nanopartikel im Körper in den Organen und im Gehirn ablagert.“ Dem begeisterten Segler und Schnorchler ist klar, dass für Esslinger das Meer weit entfernt ist: „Aber wir müssen uns um die Meere kümmern. Denn auch wir hier bekommen es zu spüren, wenn es den Weltmeeren nicht gut geht.“

Dabei denkt er etwa an die Erwärmung der Meere durch immer mehr Treibhausgase. Dieter Benze ergänzt: „Die Meeresströme sind die Klimaanlage der Erde. Sie werden schon jetzt langsamer. Wenn sie woanders hinfließen, kann niemand vorhersagen, was das für das Weltklima bedeuten wird. Und wenn bei steigenden Temperaturen in der Arktis das Eis sehr viel schneller abschmilzt, werden die Meeresspiegel ansteigen, dann werden ganze Inseln überflutet und unbewohnbar.“

Dass deren Bewohner flüchten müssen, um ein neues Zuhause zu finden, liegt auf der Hand. Petra Güntert, Vorsitzende des Fördervereins des Berkheimer Altenpflegeheims, wo der Shanty-Chor ein gern gesehener Gast ist, hat mit Begeisterung an der Konzeption des ungewöhnlichen Konzerts mitgearbeitet. Besonders betroffen war sie von der Tatsache, dass die Meere vor Afrika immer häufiger von großen Trawlern leergefischt werden. „Der Fisch wird dann zu Tierfutter für die Industrienationen und ihre Massentierhaltung verarbeitet. Dabei brauchen die Menschen vor Ort die Fische als Nahrung, und die lokalen Fischer brauchen sie, um Handel zu betreiben. Dann fehlt ihnen und ihren Familien die Lebensgrundlage, und ihnen bleibt nur die Flucht nach Europa, für die sie ihr Leben riskieren.“

Diese schwere Kost, das versprechen die Macher, wird bei dem Konzert aber leicht und verständlich vermittelt: „Fröhliche Impulse zum Nachdenken“ heißt das Motto der Veranstaltung. Mit dem engagierten Projekt möchten die Shanty-Sänger auf die Gefahren für die Weltmeere aufmerksam machen. „Natürlich wissen wir, dass das nur ein kleiner Anstoß sein kann. Veränderung ist ein langer Prozess. Und es müssen viele mitmachen, um etwas zu erreichen. Aber wenn viele Menschen umdenken, dann denken auch die Politiker um“ – davon ist Dieter Benze überzeugt. Und Eberhard Scharpf ergänzt: „Wir haben eine moralische Verpflichtung unseren Kindern und Enkeln, unserer Gesellschaft und der Umwelt gegenüber.“

Der Verein und sein Umweltschutz-Konzert

Marinekameradschaft
Der Verein wurde im Jahr 1911 als „Marinebund Esslingen“ von ehemaligen Marinesoldaten zur Kameradschaftspflege gegründet und 1959 in „Marinekameradschaft Tsingtau“ umbenannt, um an den ehemaligen deutschen Handelsstützpunkt in Ostasien zu erinnern. Der 1960 gegründete Shanty-Chor hat ein Repertoire von rund 100 Shantys, maritimen Schlagern und Schunkelliedern.

Konzert
Am Sonntag, 6. April, um 17 Uhr lädt der Shanty-Chor der Marinekameradschaft Tsingtau nach Esslingen ins Neue Blarer (Franziskanergasse 4) zum Konzert „Kippen die Weltmeere?“ ein. Mit von der Partie ist die Band Safnama mit Musikern aus Gambia und dem Senegal. Weil es den Sängern wichtig ist, dass jeder an diesem engagierten Konzertprojekt teilhaben kann, ist der Eintritt frei. Spenden sind willkommen.

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