Sharenting Kinderfotos im Netz – „Grundsätzlich kann jedes Bild folgenreich sein“
Die Bilder der eigenen Kinder stolz in den sozialen Medien posten? Längst ist bekannt, dass davon abzuraten ist. Durch KI werden die Gefahren nur noch größer.
Die Bilder der eigenen Kinder stolz in den sozialen Medien posten? Längst ist bekannt, dass davon abzuraten ist. Durch KI werden die Gefahren nur noch größer.
Auf den Seiten professioneller Influencer sind die Kommentarleisten häufig interessanter als die Posts. Nutzer lassen hier ihren Gefühlen freien Lauf. Sehr wütend kann man User erleben, wenn es um Kinder geht. Um Einmischung in die elterliche Entscheidungszone! Dann nimmt die affektive Dynamik Fahrt auf, Zahl und Vehemenz der Meinungen schießen in die Höhe.
So geschehen neulich bei einem Post von Julia Knörnschild, Influencerin, Bestseller-Buchautorin, Podcasterin mit knapp 200 000 Followern. Und zwei Kindern. Also hat sie ein Video gepostet: „Leute, hört auf, Kinderbilder auf Instagram oder sonst wo zu posten! Auch nicht mit Emojis oder zensiert. Einfach gar nicht!“ Ergebnis: 13 900 Likes, aber auch viel Gegenwind bis zur blanken Wut: Wie kannst du dich so oberlehrerinnenhaft in privaten Kram einmischen? Schürst übertrieben Panik! Das Posten von Kinderfotos grundlos zu problematisieren und zu verteufeln, einfach unverschämt!
Aber ja, Familie ist Privatsache. Gibt es Privateres als das eigene Kind? Aber sind die im Netz geteilten Bilder der eigenen Kinder denn noch privat? Wie könnten sie privat bleiben, wenn ich sie ins Internet stelle und der ganzen weiten Welt präsentiere? Werden sie nicht zum Statussymbol? Mein Haus. Mein Auto. Mein Kind.
Julia Knörnschild ist eine so kluge wie erfahrene Akteurin der Social-Media-Welt, und sie weiß genau, an wen sie sich richtet: an Eltern im Publikum, vielleicht aber auch an die ein oder andere penetrant sorglose Influencer-Kollegin.
Ein Kind reizt den Algorithmus wie Hund und Katze. Ein Kind bringt Klicks. Ein Kind generiert Herzchen. Das Teilen von Kinderbildern ist eine beliebte Nische und läuft unter dem Label: „Sharenting“, zusammengesetzt aus den Begriffen „parenting“ für Erziehung und „to share“ für teilen.
Das Deutsche Kinderhilfswerk hat 2025 eine Broschüre mit dem Titel „Sharing is not Caring“ herausgeben: Teilen ist nicht fürsorglich. Darin geht es unter anderem um den Schutz der Privatsphäre von Kindern im Internet und möglichen Datenmissbrauch durch arglos gepostete Kinderbilder, wenn Eltern den Familienalltag öffentlich machen. Kind mit Eis, Klick! Kind an Fasching, Klick!
Früher war das Bild vielleicht auf den lokalen Seiten der örtlichen Tageszeitung zu sehen. Heute lauert im Internet der KI-Generator mit schamlosen Finessen: Mit simpelster Handhabung erstellt „Grok“ Nacktbilder von Frauen und Kindern. Elon Musks Betreibergesellschaft xAI wird weltweit wegen dieser „Undressing“-Deepfakes zigfach verklagt. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen empört sich mit Recht über „unfassbares Verhalten“, das in Europa nicht toleriert werde.
Alle wissen es, aber den meisten scheint es wurscht zu sein: Mit einem einmal ins Netz eingespeisten Bild kann alles Mögliche angestellt werden. Und selbst wenn man das eine oder andere Motiv wieder löschen würde, weiß man nicht, wer sich schon eine digitale Kopie, einen Screenshot davon gemacht hat. Die Anzahl auf Tiktok gespeicherten private Videoschnipsel ist astronomisch hoch. Aber wer will schon Teil der Sammlung von Nerds und Typen mit finsteren Absichten sein?
Die Expertenmeinungen sind nicht annähernd so kontrovers wie die Debatte unter Eltern. Angelina Weber von der Abteilung Prävention im Landeskriminalamt Baden-Württemberg wird sehr klar: „Aus polizeilicher Sicht empfehlen wir Eltern grundsätzlich, beim Teilen von Kinderfotos im Internet sehr zurückhaltend zu sein.“ Aufnahmen, die im Familienalltag harmlos wirkten, könnten sich verselbstständigen. Seien Fotos oder Videos einmal verschickt oder in ein Profil hochgeladen, habe man es zumeist nicht mehr in der Hand, was mit den Dateien geschehe.
„Grundsätzlich kann jedes Bild folgenreich sein, ob im privaten Messenger-Chat geteilt oder auf Instagram gepostet“, sagt auch Elena Frense, Referentin für Medien und Digitales beim Kinderschutzbund. Mit steigender Reichweite wachse das Risiko. Posts auf öffentlich zugänglichen Social-Media-Kanälen unterlägen einem besonders hohen Risiko. Extrem riskant seien Aufnahmen mit viel nackter Haut oder eng anliegender Kleidung. Wer sich im Detail informieren möchte, findet im „Report: Kindheit Online“ auf dem Portal jugendschutz.net viele weiterführende Informationen.
Kein Problem, sagt sich die informierte Mutter, dann kommt aufs Gesicht zur Anonymisierung eben ein Emoji, ein Regenbogen oder ein Bärchengesicht. Beliebtes Thema in Elterngruppen: Welche Technik, welche Apps empfehlt ihr dazu?
Nun hat sich Julia Knörnschild in ihrem Post auch dazu geäußert und forsch behauptet: Zwecklos, KI macht das alles wieder weg! Das ist aber nur bedingt richtig. Denn zaubern kann die KI eben auch nicht. Wenn ein Motiv beispielsweise extern bearbeitet und als Screenshot ohne darunter liegende Datenschichten gespeichert und wieder hochgeladen wurde, bliebt der Bildinhalt unter dem Emoji allen Generatoren zum Trotz geheim.
In der Kommentarspalte unter Knörnschilds Eintrag wurde auch dazu reichlich gepostet. Die hitzige Diskussion zeigt, wie viel Verstörung mittlerweile beim Teilen von Bildern besteht. Mit der immensen Beschleunigung technischer Neuerungen wachsen die Unsicherheiten. Regeln und Ratschläge, die gerade noch galten, sind morgen schon wieder von gestern.
Technik allein wird den Zwiespalt zwischen öffentlich und privat, zwischen gestillter Eitelkeit und Schutz vor Missbrauch nicht lösen: Ich muss mir selber darüber klar werden, was ich verantworten kann, mir und meinem Kind gegenüber.
Die Leichtigkeit, mit der einst fotografiert wurde, ist jedenfalls verschwunden. Urlaubs-, Familien-, Partybilder – das war mal spaßig. Heute muss man als Schüler nach einer ausgelassenen Feier fürchten, kompromittierende Bilder im Klassen-Chat zu finden. Jahrbücher von Schulen sind voller Lücken, weil Eltern keine Fotoerlaubnis erteilt haben. Es geht so weit, dass diese Kinder im Zeltlager nicht dabei sein können, weil es heute unmöglich ist zu garantieren, dass im Zeltlager nicht fotografiert wird.
In Burladingen auf der Schwäbischen Alb hat ein Kinderaktionstag kürzlich einen Shitstorm ausgelöst. Die Stadt hatte arglos Bilder ganzer Kindergruppen auf Social Media gezeigt. Bizarr: Alle Eltern hatten schriftlich eingewilligt. Den Ärger machten stattdessen Unbeteiligte, die ein Fehlverhalten der Kommune vermuteten.
Wenn die Sensibilisierung solche Blüten treibt, ist es Zeit, einen Anwalt zu befragen. Medienanwalt Sebastian Deubelli, Vater zweier Kinder, zählt sich zur Fraktion Vorsicht: „Wir achten sehr genau darauf, wo die Bilder unserer Kinder landen. Auch wenn wir uns dem nicht generell und um jeden Preis verschließen, sind wir uns den Gefahren bewusst und versuchen.“ Ist das Kind schon 14 Jahre alt, braucht es für die Einverständniserklärung übrigens auch die Unterschrift des Teenies: Das Kind, sagt Deubelli, sei reif genug, um einer Einwilligung der Eltern zumindest zu widersprechen.
Viele Regeln, viel Aufwand für ein einzelnes, zuweilen in Millisekunden geschossenes Bild. Aber hinter jedem Kinderbild steht eine reale Person. Und der Missbrauch von Bildinhalten durch Fremde ist das eine. Doch manche Motive sind Kindern, die irgendwann groß sind, dann vielleicht schlicht peinlich. Besonders prominent ist ein Fall aus dem Jahre 2016, in dem eine 18-jährige Österreicherin ihre eigenen Eltern vor Gericht brachte, weil diese rund 500 Baby- und Kinderfotos von ihr auf Facebook gepostet hatten.
Bei der Diskussion um Kinderbilder im Netz geht es um die Frage, wo in Zeiten von Social Web und KI die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichen gezogen wird. Aber auch darum, wie wir den Spaß am Knipsen nicht ganz verlieren.
Viele Jugendliche machen inzwischen Fotos, auf denen Gesichter auf kreative Art und Weise verdeckt sind. Andere scheuen sich gleich ganz, in die Kameralinse zu schauen. Werden wir alle schleichend paranoid? Wer möchte Fotoalben einer Generation ohne Gesicht? Individualität verschwindet, weil sie identifizierbar und angreifbar macht. Stattdessen: Bilder aus dem Urlaub mit Regenbogen überm Gesicht, Fotos für eine anonyme Öffentlichkeit, aber nicht mehr für die private Souvenirschatulle.
Fangen wir also damit an, wieder mehr Fotos für uns selbst zu machen. Man kann Bilder ausdrucken und an die Wand pinnen. In ein Album kleben. Das geht. Kostet etwas Zeit, macht aber Freude und füllt einen verregneten Sonntagnachmittag.
Wenn wir das Kind in der Absicht aufnehmen, das Foto zu teilen, schauen wir auch mit den Augen der anderen auf das Kind: Der Blick verengt sich. Und er beginnt sich zu weiten, wenn das Bild privat und nur für mich ist. Dabei kann Unbeschwertheit entstehen. Ist der Druck weg, sind wieder persönlichere Momentaufnahmen möglich.
Wir sind mehr, als wir zeigen. Wir sind, wie wir uns sehen, wenn man keinem Follower der Welt etwas beweisen muss. Ein Geschenk ist es deshalb, jenseits von moralisierenden Vorschriften, dem eigenen Kind diese Unbeschwertheit der Bilder im Privaten, ohne fremde Blicke, so lange wie möglich zu gönnen. Kinderbilder im Netz zu posten heißt, eine Tür ins Private zu öffnen, die man vielleicht nie wieder richtig schließen kann.