Mit der Einladung von Autoren wie dem Israeli Tomer Gardi, der in Berlin lebenden schwarzen Britin Sharon Dodua Otoo, der Französin Sylvie Schenk oder des Wiener Serben Marko Dinic hat der Wettbewerb in diesem Jahr ein literaturpolitisches Signal gesetzt. Dass indes der in Köln geborene Selim Özdogan als Türke firmiert, geschieht wohl vor allem, um die multinationale Papierform etwas aufzubrezeln. In seiner Prosa treibt ein chipsfressender Hase im Kopf des Erzählers sein Unwesen, was als Leitmetaphorik weniger überzeugt wie als running Gag.
Der Israeli Tomer Gardi führt mit seinem in broken german verfassten Text an die realen und imaginären Transitzonen, an denen sich Sagbares und Unsagbares scheiden. Wie gut muss man als Autor eine Sprache beherrschen, um in ihr schreiben zu können? Die Performance sprachlicher Heimatlosigkeit hinterlässt den zwiespältigen Eindruck, dass ihr eigentlicher Autor gar nicht Gardi selbst, sondern der ihn einladende Juror sei, indem er nämlich den in Tel Aviv lebenden Spracheinwanderer gewissermaßen zum objet trouvé eines selbstgefällig vorauspreschenden Kunstwillens macht.
Heiterer Animismus
Anders liegen die Dinge bei Sharon Dodua Otoo, die ihre ersten Bücher auf Englisch veröffentlicht hat. Ihr Lesestück „Herr Gröttrupp setzt sich hin“ überschreitet noch ganz andere Barrieren als nur sprachliche. Es beginnt als loriothaftes Frühstücksscharmützel und endet als Rachefeldzug eines Frühstückseis, das sich weigert hart zu werden. Otoo erzählt gleichsam ab ovo, aus der Ei-Perspektive. Ihrer Geschichte entschlüpft ein heiterer Animismus, der die deutsche Ordnungsliebe narrt, alle Grenzen zwischen Totem und Lebendigem öffnet, um eine kategorial erstarrte Welt wachsweich zu verflüssigen.
Otoos Text ist nicht ohne Schwächen, aber gut genug, um die Entscheidung, ihm in diesem eher mittleren Jahrgang den Bachmann-Preis zuzuerkennen, nicht allein politisch fundiert zu sehen. Zumindest nicht politischer als die, den Kelag-Preis Dieter Zwicky zuzuerkennen. Denn irgendwie gehört auch das retardierte Deutsch des Schweizers zur aktuellen Sprachwanderungsthematik. Gemächlichen Schrittes geleitet er nach Los Alamos, das unter seinen Worten zu einem kauzig-vergnügten Erzähllabyrinth schrumpft. Erstaunlich eigentlich, dass einer dafür empfänglichen Jury, der doppelbödige Reiz von Jan Snelas orientalisch-migrantisch drapierter Seelenverwüstungsgeschichte völlig entging. Aber dafür gibt es in Klagenfurt die Gegenjury der Kritiker, Verlagsleute und Besucher. Nach den Lesungen im Garten vor dem ORF-Theater hat sie noch lange getagt.