Shayna Steele im Bix Aretha Franklins wilde Erbin

Von Bernd Haasis 

Alle Stars haben einmal in Clubs angefangen. Eine spektakulären Auftritt hatte am Freitag im Jazzclub Bix eine Soul-Sängerin, deren Namen man sich merken sollte: Shayna Steele.

So eine Stimme hört man nicht alle Tage: Shayna Steele Foto: Veranstalter/Anna Webber
So eine Stimme hört man nicht alle Tage: Shayna Steele Foto: Veranstalter/Anna Webber

Stuttgart - Shayna Steele als neue Aretha Franklins zu bezeichnen, wäre noch ein wenig vermessen – die mächtige Stimme und den Tonumfang dafür hat sie aber zweifellos. Am Freitagabend im ausverkauften Bix explodiert sie beinahe vor Sangeslust, sie schmettert, röhrt, kiekst und säuselt den Soul, sie schüttelt ihr Haar, schwingt Hüfte und Schultern zum Beat auf dem schmalen Streifen Bühnenrand, den der Jazzclub Sängerinnen bietet. Shayna Steele steht unter Strom, und wenn sie singt: „I’m gonna be what I wanna be“, zweifelt niemand daran, dass sie es bis an die Spitze schaffen kann.

Angetrieben wird sie von einem überbordenden Temperament, das die Menschen unweigerlich mitreißt und in den Bann zieht. Shayna Steele pflügt mit ihrer vierköpfigen Band durch Soul, Blues, Rock’n’Roll und R&B, als wäre sie dort überall zu Hause. Sie variiert ständig die Lagen, baut kleine Kabinettstückchen ein wie Stimmüberschläge, und wie sie in Balladen barmt, klagt und fleht, ist ein Ereignis. Im nu herrscht im Bix eine elektrisierte Stimmung: Dies ist kein gewöhnlicher Konzertabend. Auch deshalb, weil Shayna Steele in ihren überwiegend selbstkomponierten Stücken und ihrer enormer Bühnenpräsenz ein durchweg positives Lebensgefühl vermittelt – und das am Ende eines Tages, an dem ihr Gepäck verlorenging: Sie habe ihr Bühnenoutfit früher am Tag auf der Königstraße gekauft, erzählt sie, und das komplette Makeup ebenfalls.

Keinerlei Zeichen von Anstrengung

Elf Shows in Folge habe sie gespielt ohne Pausentag, und doch zeigt sie keinerlei Zeichen von Anstrengung bei ihrer Stimmakrobatik. Enorm variantenreich interpretiert sie „Grandma’s Hands“, den Evergreen von Bill Withers, den schon Al Jarreau, Barbra Streisand, Gregory Porter und viele andere gesungen haben. Man versteht, wieso Rihanna sie als Backgroundsängerin engagiert, wieso das Jazz-Kollektiv Snarky Puppy sie zu einer Kooperation eingeladen hat. Auf Solo-Tour kann Steele sich auf eine anpassungsfähige Band verlassen, aus der der Jazz-Pianist Vit Kristan herausragt: Treffsicher setzt er Orgel und E-Piano ein, am Flügel spielt er sich beim Solo fast in einen Rausch.

Im letzten Drittel des Konzerts wird dann ein Handicap deutlich deutlich: Während Shayna Steele sich die Seele aus dem Hals singt, versucht sie ständig aufs Neue, sich selbst zu übertreffen, anstatt mit ihrer Kunsthauszuhalten und große Momente auch mal Weile wirken zu lassen. Am Ende singt sie tatsächlich noch ein Stück von Aretha Franklin, „bei weitem mein größter Einfluss“, und da ist sie wieder ganz bei sich. Wenn sie es schafft, ihre sprudelnde Energie in den Dienst einer Konzertdramaturgie zu stellen, kann es Shayna Steele gelingen, die die Queen of Soul zu beerben.




Unsere Empfehlung für Sie