Bietigheim-Bissingen - Ausgerechnet jetzt! Gerade in dem Moment, in dem Shindy seinem Freund und Produzenten Nico Chiara von den Vorzügen seines neuen Duschöls erzählen will („Wie sich deine Haut anfühlt danach, Alter? Es ist einfach unfassbar, Bro!“), kommen sie von hinten angefahren – die „Bullen“, so nennt man die Polizei in Gangsterrapperkreisen.
Die Szene ist zu hören auf dem neuen Album des Rappers Shindy. „Drama“ ist seit einer Woche auf dem Markt und hat sofort das neue Rammstein-Album von Platz eins der Charts verdrängt. Die Fans feiern es, die Kritik liebt es, selbst die Wochenzeitung „Die Zeit“ zählte „Drama“ zu „den interessantesten Deutschrap-Alben, die 2019 bisher erschienen sind“.
Shindy ist nicht frei von Ironie
Musikalisch orientiert sich Shindy am harten Gangster-Rap der frühen 2000er-Jahre in den USA à la 50 Cent. Er gibt sich, wie seine amerikanischen Vorbilder, arrogant, fährt dicke, protzige Autos (ein „koksweißer Mercedes Drop-Top made in Affalterbach“), trägt teure Uhren („70 000 an meim Handgelenk ist nichts“) und umgibt sich mit hübschen Frauen.
Nun sind das im Gangster-Rap-Milieu alles keine Innovationen. Hiphopper sind eben einfach supergeile Typen. Der Unterschied bei Shindy ist jedoch, dass das alles nicht hundert Prozent ironiefrei daherkommt wie bei seinen Kollegen. Denn Shindy kokettiert zwar auf eine sehr unschwäbische Art und Weise mit seinem Reichtum. Andererseits feiert der bekennende Bietigheimer – Michael Schindler mit bürgerlichem Namen – das Spießerleben in der schwäbischen Provinz – und nimmt damit das ganze Gangster-Gepose wieder ein wenig auf die Schippe. Dieser Widerspruch macht es so herrlich, seinen Texten zuzuhören.
Shindy – eine Mischung aus Hartmut Engler und 50 Cent?
Beispielsweise bezeichnet er sich selbst als „Young Hartmut Engler in nem Maybach“ oder „Bissingens 50 Cent“, er macht durch seine Anwesenheit eine schnöde Tankstelle an einer Bietigheimer Hauptverkehrsstraße zu einem Club („Fotoshooting jedes Mal, wenn ich tanken muss“) und fährt unerhört schnell in seinem „Viertel-Mio-Benzo“ vom McDonalds bis zum Bietigheimer Bahnhof. Der Song „Bietigheim Sunshine“ auf dem neuen Album ist von vorne bis hinten eine Hymne an Shindys Heimatstadt, Erwähnungen berühmter Bewohner, beispielsweise Wendelin Wiedeking oder Eberhard Bezner, inklusive. Es scheint, als sei Bietigheim das ideale Pflaster für einen Angeber, denn„die ganze Stadt riecht nach Milliarden dank Olymp“. Ein klarer Stilbruch in einer Stadt, die es stets schwäbisch-bescheiden ablehnte, als reich bezeichnet zu werden – trotz einer prallen Stadtkasse.
Und dann sind da noch diese drei köstlichen Interludes auf dem Album, kleine Hörspiele, wie sie auch US-Rapper früher auf ihren Alben hatten. Eine Märchenonkel-Stimme trägt in Benjamin-Blümchen-Manier das kontrastreiche Leben Shindys vor: Er steht kurz vor der Abgabe seines Albums und erzählt seinem Freund etwas über Duschöle. Welcher US-Rapper würde sich so darstellen? Es folgt ein humorvoller Schlagabtausch mit einem schwäbischen Provinz-Polizisten, der den Verkehrssünder ziehen lässt, sobald er Shindy erkannt hat – natürlich nicht, ohne vorher ein Foto mit ihm gemacht zu haben.
Für die Stadtverwaltung sind die Rapper ein Phänomen
Für Bietigheim-Bissingens Kulturamtsleiter Stefan Benning ist Shindy ein Phänomen. Er hofft, ihn zusammen mit seinen Kollegen Rin und Bausa, die ebenfalls bekennende Bietigheimer sind, im kommenden Jahr auf eine Bietigheimer Bühne zu bringen. „Was wir uns die ganze Zeit fragen: Was macht unsere Stadt aus, dass hier sowohl Pur als auch Shindy oder Bausa oder Rin nicht wegwollen?“ Noch hat Benning keine Erklärung dafür. Es könnte die hohe Lebensqualität sein, mutmaßt er. Der kommt bekanntlich vom Wohlstand – und den trägt Shindy ja gerne zur Schau.