“Shitbürgertum“ von Ulf Poschardt War Franziskus ein Gutmensch?
Ulf Poschardt übt sich in anti-linksbürgerlicher Schaumschlägerei – und trifft damit auch den verstorbenen Papst. Unser Kolumnist hat in dem Bestseller wenig Argumente entdeckt.
Ulf Poschardt übt sich in anti-linksbürgerlicher Schaumschlägerei – und trifft damit auch den verstorbenen Papst. Unser Kolumnist hat in dem Bestseller wenig Argumente entdeckt.
Wenn es nach Ulf Poschardt geht, trägt der verstorbene Papst Franziskus eindeutig Züge von „Shitbürgertum“. Dieses unflätige Wort ist eine Erfindung des Autors, auf die er ungemein stolz zu sein scheint. Gemeint ist eine linksgrüne Variante des Spießbürgertums. Jedenfalls war Franziskus ein klarer Fall von Gutmensch. Er sorgte sich um die Armen, um Migranten, den Klimawandel, die Verschmutzung der Meere, die Zerstörung der Urwälder, den Frieden. Kurzum: Der Papst war ein sehr unfreier Mensch, den der Anblick frei fliegender Menschen wie Donald Trump und Elon Musk gequält haben muss.
Dabei hätte es Franziskus („Hoffe“, Spiegel-Bestseller Sachbuch Hardcover Platz 17, Kösel, 384 Seiten, 24 Euro) besser wissen können, wenn er auf den deutschen Journalisten Ulf Poschardt gehört hätte: „Der Freiheitsneid ist der Antrieb aller totalitären, autoritären und egalitären Bestrebungen.“ Die Tausenden von Ermordeten und Verschwundenen der argentinischen Militärdiktatur: alles Opfer des Freiheitsneides. Die Freiheitsthese gehört zu den absurdsten in dem Buch „Shitbürgertum“ des „Welt“-Herausgebers Ulf Poschardt (Spiegel-Bestseller Sachbuch Hardcover Platz 2, Westend, 176 Seiten, 22 Euro). Sollte er sie wirklich ernst meinen? Oder ist es nicht eher so, dass Milliardäre sich die Freiheit nehmen, weniger reichen Menschen die Freiheit zu rauben?
Poschardt lässt es so aussehen, als seien diejenigen, die in den letzten Jahrhunderten auf den amerikanischen Kontinent zugewandert sind, allein getrieben gewesen von Abenteuerlust und dem Wunsch, einengender bürgerlichen Normen in Europa zu entkommen. In Wirklichkeit waren es Armutsflüchtlinge, so wie der Großvater des verstorbenen Papstes, der aus dem Piemont nach Argentinien ausgewandert ist, weil er zuhause keine Hoffnung mehr sah.
Zumal sich Poschardt in seinem sogenannten Essay argumentativ selbst ein Bein stellt: Wenn jene Migranten, die sich damals aus ihren verelendeten Gesellschaften aufmachten, um andernorts ihr Glück zu suchen, die genetische Selektion der Mutigen und Ideenreichen waren – gilt das dann nicht heute genauso? Selbst wenn sich unter diese Einwanderer ein paar Verbrecher gemischt haben sollten, sind schließlich auch Australien und der Wilde Westen von zahllosen Verbrechern besiedelt worden.
Es entbehrt nicht der Ironie (von der, zumindest in der Form der Selbstironie, dieses Buch völlig frei ist – anders als die Autobiografie von Franziskus), dass der bürgerliche Beamtensohn Poschardt seinem Werk den provokanten Titel „Shitbürgertum“ gegeben hat. Der ursprünglich vorgesehene Verlag lehnte das Manuskript ab, woraufhin es Poschardt im Selbstverlag und inzwischen im Neu-Isenburger Westend-Verlag herausgebracht hat. Kein Wunder, dass es mit einem solchen Titel und einer solchen Genese ein Bestseller geworden ist – schließlich muss man sich ja dagegen wehren, dass man angeblich nicht mehr alles sagen darf, was einem so unreflektiert durch den Kopf schießt.
Dabei ist „Shitbürgertum“ ein typisches Beispiel intellektueller Selbstinszenierung des nationalkonservativen Bürgertums. Während man schon längst den neuen Mainstream repräsentiert, behauptet man weiterhin unentwegt, gegen den Mainstream zu argumentieren – und sich in einer Außenseiterposition zu befinden, wo man aber schon längst mehrheitsfähig ist.
Sicherlich: Ulf Poschardt bewegt sich nicht auf dem Niveau des intellektuellen Schrumpfkopfes Peter Hahne. Er wirft mit philosophischen Anspielungen und Zitatfetzen von Nietzsche bis zum Gangsta-Rap um sich. Viele seiner Befunde sind sogar zutreffend. Und das sprachlich anstößigste am ganzen Buch ist vermutlich der Titel. Zugleich aber offenbart es die Methode Poschardts, die der Autor auch in seinem publizistischen Werk und in seinen Talkshow-Auftritten pflegt: Schaumschlägerei. Denn „Shitbürgertum“ ist voll mit Thesen, mit Meinungen und mit Passagen, die so tun, als seien sie tiefgehende gesellschaftliche Analysen, während sie bereits voraussetzen, dass man inhaltlich mit dem Autor einig ist. Es mag ja sein, dass der Ausstieg aus der Atomenergie oder die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel ein Fehler waren.
Aber wenn man dieser Ansicht ist, dann bedarf es Argumenten: Warum war es ein Fehler? Wie hätte man anders reagieren sollen? Ist die Atomenergie wirklich eine sowohl saubere als auch günstige Energieform? Und wie genau findet man einen Konsens zwischen gesellschaftlicher Vielfalt und gesellschaftlicher Gemeinsamkeit? Arm ist das Buch an harten Argumenten, an Zahlen und an Fakten. Die hätte man nämlich recherchieren müssen.
Je mehr man in diesem Buch liest, desto stärker bekommt man den Eindruck, dass seine Anti-Grün-Haltung mehr Teil eines Geschäftsmodells für den Bestseller-Markt ist, als dass sie auf festen Überzeugungen gründet. Hingegen kommt, selbst wer nicht mit all seinen Werten und Einschätzungen übereinstimmt, nicht umhin, dem verstorbenen Papst Franziskus eine zutiefst menschliche, menschenliebende Haltung und einen eindeutigen moralischen Kompass zuzugestehen. Vor allem aber – und dieses Motiv durchzieht die gesamte Autobiografie – besaß Franziskus eine Eigenschaft, die Ulf Poschardt abgeht: Demut.