Show „Pure“ im Friedrichsbau-Varieté Erotische Idylle, bebender Vulkan

Viel Haut, viel Akrobatik: Die Show „Pure“ im Friedrichsbau-Varieté Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Die harte Realität lässt sich bei der Premiere der neuen Burlesque-Show „Pure“ im Friedrichsbau-Varieté nicht völlig wegzaubern – zum internationalen Artistik-Ensemble zählen auch ukrainische und russische Mitglieder.

Wer hätte gedacht, dass der James-Bond-Titelsong „Skyfall“ einmal als Hymne für Mut und Widerstand in Kriegszeiten herhalten könnte? Bei der Premiere am Freitagabend von „Pure“, dem neuen Programm im Friedrichsbau-Varieté, ist das so. Zum Auftakt der Show singt die amerikanische Sängerin und Luftakrobatin Autumn Melody Thomas, mit riesiger Strahlenkrone auf dem Kopf und in ein aufregend geschlitztes Schlauchkleid gehüllt, die eigentlich banalen Zeilen „Let the sky fall/ When it crumbles/ we will stand tall/ and face it all together“.

 

Würde nicht seit knapp drei Wochen ein entsetzlicher Krieg mitten in Europa toben, könnte man sich einfach an Thomas’ eleganter Interpretation des Adele-Songs erfreuen, an ihrer zierlichen Erscheinung und ihrer umwerfenden Bühnenpräsenz. Doch unter den aktuellen Bedingungen fällt es schwer, in ihrem Aufritt nicht ein Statement gegen Putins Angriffskrieg sehen zu wollen.

Spendenbox an der Garderobe

Zu Beginn des Abends verweist Timo Steinhauer, Geschäftsführer des Varietés, auf den multikulturellen Hintergrund des Ensembles. Unter den Artisten und Artistinnen seien auch russische und ukrainische Mitglieder, die friedlich miteinander arbeiteten, sagt er. An der Garderobe steht eine Spendenbox für die Stuttgarter Hilfsorganisation Stelp parat.

Chantall, Conférencière des Abends, lässt sich von der harten Realität draußen aber nicht das lose Mundwerk verbieten. Zusammen mit Marco Noury, ihrem gekonnt auf Stilettos balancierenden Assistenten, führt die Berlinerin in wechselnden Glitzerfummeln durch den Abend.

Jonglage mit Popo und Reifen

Nach dem kämpferisch-lasziven Einstieg mit Autumn Melody Thomas geht es bodenständig-derb um den weiblichen Derrière, den sich Chantall mithilfe von Po-Pads im Handumdrehen selbst vergrößert. „Laut Kim Kardashian darf man als Frau ohne Hintern nicht mehr aus dem Haus“, erklärt sie, und zeigt dann, was ihre gepimpten vier Buchstaben können. Die folgende Jonglage mit Popo und Reifen ist so virtuos wie kurios und beweist Chantalls erotisch-komisches Talent. Obwohl es an diesem Abend einige Darbietungen aus der historischen Burlesque-Kunst zu sehen gibt, in der sich schöne Frauen sehr langsam bis auf wenige Accessoires ihrer Kleidung entledigen, steht die Erotik jedoch seltsamerweise nicht im Fokus.

Reminiszenzen an das alte Vaudeville-Theater

Die Russin Anja Pavlova wirkt mit ihren schwarzen, wie mit Schellack überzogenen Locken und den prächtigen historischen Kostümen wie einem keuschen Jugendstil-Gemälde entsprungen. Der Reifenartist Ethan Law aus den USA erinnert mit seinen nostalgischen Brust-Tattoos und dem gezwirbelten Moustache an einen Bilderbuch-Matrosen um 1900. Es sind diese Reminiszenzen an das alte Vaudeville-Theater, die den Reiz der Show ausmachen. Bis heute funktioniert die Mischung aus Eleganz, Exotismus und gezähmter Frivolität.

Kleine Fluchten aus der Gegenwart

Vor hundert Jahren erlebte das Varieté in Deutschland einen Höhepunkt in politisch harten Zeiten. In der Weimarer Republik nach dem Ersten Weltkrieg tanzten die Leute auf dem Vulkan und feierten, als ob es kein Morgen gäbe. Der „Pure“-Regisseur Ralph Sun feiert in seiner Show nun ein idealisiertes Gestern und versucht, dem Publikum kleine Fluchten aus der düsteren Gegenwart zu bescheren. Einzig die musikalische Gestaltung harmonisiert nicht immer mit den durchweg schönen Nummern, weil Sun auf bekannte Popsongs von Künstlern wie The Cure oder Beyoncé Knowles setzt, die allerdings von anderen Interpreten gesungen aus der Konserve kommen.

Wegträumen funktioniert aber nicht

Besonders schade ist das beim Auftritt der ukrainischen Jonglage-Künstlerin Natalia Ruzhylo, die als Pin-up-Girl der Fünfziger in babyrosa-farbenem Zweiteiler und Strapsen einen pink-irisierenden Reifen einhändig in der Vertikalen rotieren lässt. Zur harmlos erotischen Szenerie donnert knallharter House-Pop, der die Idylle ungewollt in Frage stellt. Als Timo Steinhauer anschließend erklärt, Ruzhylos Bruder könne nicht wie geplant ebenfalls auf der Bühne im Friedrichsbau stehen, zersplittert die Hoffnung, man könne sich im Varieté aus dieser Welt wegträumen. Es ist nicht leicht zu tanzen, wenn der Vulkan unter den Füßen bebt.

„Pure“ im Friedrichsbau-Varieté

Gattung
Die Burlesque entwickelte sich ab 1900 in den USA als eigene Gattung des Showtheaters und bot Frauen der Unterschicht die Möglichkeit, sich selbstbewusst auf der Bühne zu präsentieren und Geld zu verdienen. Während beim Striptease alle Hüllen fallen, entblößen sich Burlesque-Tänzerinnen nie komplett. In „Pure“ spielt die Burlesque eine zentrale Rolle, das Programm richtet sich deshalb an ein erwachsenes Publikum.

International
Die Show „Pure“ vereint Artistik-, Tanz-, Musik- und Comedy-Nummern, die Mitwirkenden stammen aus Großbritannien, den USA, Japan, Italien, Russland, der Ukraine, Australien und Deutschland

Vorstellungen
Freitag, 18. März und Samstag, 19. März, jeweils 20 Uhr. Sonntag, 20. März, 18 Uhr. Die Show ist bis zum 5. Juni immer am Wochenende im Friedrichsbau-Varieté zu sehen. Karten und Infos: www.friedrichsbau.de

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