Sibylle Krause-Burger Griechenlands Größenwahn

Auf dem Weg zum Referendum: Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras begründet im Parlament, warum er das Volk abstimmen lassen will. Foto: AFP
Auf dem Weg zum Referendum: Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras begründet im Parlament, warum er das Volk abstimmen lassen will. Foto: AFP

Die griechische Regierung wollte nicht wirklich verhandeln, sie wollte die anderen Europäer ihrer Ideologie unterwerfen – meint unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger

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Stuttgart - Herr Tsipras ist ein ehrenwerter Mann. Lässt nicht wie sein Finanzminister, die guten Sitten verspottend, das Hemd aus der Hose hängen. Sagt die bösen Sachen von wegen Erpressung, Unterwerfung und Entwürdigung seiner heiligen Griechen durch die schlimmen Europäer nicht coram publico in Brüssel, sondern nur im Athener Parlament. Hat auch nichts dagegen, dass ihn die so Gescholtenen drücken, tätscheln, ja küssen – der mit französischem Charme gesegnete Kommissionspräsident vorweg. Und doch ist dieser in seinem Auftreten durchaus ansprechende Grieche ein Brutus. Er trägt den Dolch im Gewande, will Europa, unsere friedenstiftende Schöne, morden, ein bisschen, aber immerhin.

Warum, um Gottes willen, warum? Was treibt ihn? Ausgerechnet Europa, unsere mittlerweile grenzübergreifende, geliebte Nachkriegsheimat! Trägt sie nicht sogar einen Namen aus der griechischen Mythologie? Und weshalb meucheln, nachdem man zunächst partout dazugehören wollte? Doch was zählt das alles, wenn einer die Welt verbessern und nach seiner Vorstellung gestalten will, und das heißt: mit lockeren Regeln, mit der Vergemeinschaftung von Schulden und der Gewissheit, dass nichts anderes zählt als man selbst und die eigene Überzeugung.

Syriza will den ganzen Laden umkrempeln

An solchen Vorhaben sind zwar schon ganz andere gescheitert, und ein Gutteil des politischen und gesellschaftlichen Unheils im Verlaufe der Geschichte kam und kommt von Eiferern im Größenwahn, welche die Menschen und ihre Verhältnisse, koste es, was es wolle, nach ihrem Sinn zum vermeintlich Guten, zum rechten Glauben, zu den richtigen Eigentumsregeln, zu der einzig tolerablen Gesinnung bekehren wollten und wollen. Ist das je gut gegangen? Und wie viel Blut musste, ja muss dafür fließen?

Aber immer wieder findet sich einer, der es aufs Neue versucht. Aus ihrem kleinen Griechenland heraus wollen die Anhänger von Syriza nicht nur ihre Beziehung zu den sogenannten Institutionen, vormals Troika, ändern, nein, sie wollen auch den ganzen Laden umkrempeln.

Mich erinnert das an einen Witz aus der Zeit des Dritten Reiches, dem zufolge ein ungebildetes Bäuerlein – im Krieg und voll beladen mit der Propaganda der Nazis – aufs Rathaus zu seinem Bürgermeister geht und ihn bittet, ihm auf einer Weltkarte Lage und Umrisse seiner großartigen deutschen Heimat zu zeigen. Der Schultes legt das Papier auf den Tisch, deutet auf ein vergleichsweise kleines Gebiet in der Mitte Europas, und der Bauer erschrickt: Weiß das der Führer?

Weiß Alexis Tsipras – und wissen es alle, die ihm folgen –, dass es noch andere Parlamente in der EU gibt? Andere Abgeordnete, die von anderen Wählern abhängig sind? Andere Regierungschefs, die für Milliarden Steuergelder, mit denen ihre Länder nun für Griechenland haften, verantwortlich zeichnen?

Gefangen in der kommunistischen Ideologie

Sicher weiß er das und wissen es seine Anhänger. Aber es ist ihnen egal. Sie nehmen zwar gerne das Geld, das aus der angeblich teuflischen neoliberalen Politik der Geberländer in ihre Kassen fließt, aber sie verachten die Kapital erzeugenden Kapitalisten, beschimpfen und verleumden sie und übersehen großzügig das administrative Chaos in ihrem Land, denn sie sind gefangen in ihrer kommunistischen Ideologie. Das macht sie unfähig, die Interessen der anderen zu sehen. Ja schlimmer: sie wollen sie gar nicht sehen. Sie wollen auch keinen Kompromiss. Sie wollen die Überwältigung, den Sieg.

Natürlich küsst niemand gern die Hand, die gibt. Die gegenwärtige griechische Regierung spuckt jedoch darauf. Die anderen Europäer – diese geduldigen Merkelianer, Schulzianer und Junckersleut – haben es viel zu lange geschehen lassen, denn hier trafen sich nicht zwei Seiten, um ernsthaft zu verhandeln, eine der beiden tat nur so. Da konnte sich die andere noch so abmühen. In Brüssel prallten zwei Welten aufeinander.

Madame Lagarde hat es gespürt. Wolfgang Schäuble, der Scharfsinnige, der Vernunftmensch, hat es wohl schon lange erkannt, hat dagegengehalten, um seine geliebte politische Braut Europa nicht weiteren Demütigungen auszusetzen. Doch die anderen fühlen sich im Recht. Sie sind sich sicher, die Wahrheit auf ihrer Seite zu haben, Ideologen, die sie sind. Was sollen ihnen da Vernunft und Wirklichkeit?

Der Glaube macht’s.

Ein Volksverdummer und Volksverführer

Ideologien sind Gedankensysteme, um zu rechtfertigen, dass man Macht will oder sie schon ausübt. Sie vernebeln die Köpfe der Politiker ebenso wie die der Wähler. Wir Deutschen können ein Lied davon singen, auch davon, wohin es führt, wenn eine Nation sich für etwas Besseres hält und aus dem System des gesitteten Umgangs unter den Völkern ausbricht.

Nun ist der Alexis beileibe kein Adolf, und für den Mord an Europa ist er viel zu schwach. Aber ohne Zweifel ist auch er ein Unglücksbringer, ein Katastrophenerzeuger, ein Volksverdummer und Volksverführer.

Die Frage jedoch, warum sich ein cleveres Volk wie die Griechen von diesem Rattenfänger locken und leiten lässt, gibt so viele Rätsel auf wie jene nach dem Sündenfall der hochkultivierten Deutschen anno 1933, die hinter einem verhinderten Kunstmaler jubelnd in den Untergang marschierten.




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