Vor den Orthodoxen jeglicher Couleur muss sich der freie Mensch fürchten – meint unsere Kolumnistin.

Stuttgart - Den Kopf gesenkt. Das Haar unter dem Schleier bis tief in die Stirn völlig verborgen. Bodenlange, schwarze Gewänder um den zierlichen Mädchenkörper. Die Hände brav zusammengelegt. So trat eine 13-jährige Muslimin vor wenigen Tagen in einem Saal des Bundesverwaltungsgerichts zu Leipzig auf und sprach von Freiheit. Gemeint war die Religionsfreiheit, die wolle sie leben und deshalb nicht einmal im Burkini am Schwimmunterricht ihrer Schule teilnehmen. In diesem Ganzkörperbadeanzug wäre sie doch ausgegrenzt und zudem den Blicken halb nackter Jungen preisgegeben. Möglicherweise käme sie sogar mit gleichaltrigen Mädchen in körperliche Berührung. Das alles verbiete ihr der Koran. Zur Verstärkung dieses leibfeindlichen Kanons stand der Vater der Schülerin hinter ihr, ein kräftiger Mann mit Glatze, Vollbart und offenem Hemdkragen – die drohende Männermacht in Person. Seine zarte Tochter indes kämpfte vor diesen Schranken nicht für irgendeine Freiheit, sondern für das krasse Gegenteil, für weibliche Unterwerfung.

 

Die Richter taten ihre Pflicht und verordneten die Teilnahme am koedukativen Schwimmunterricht im Burkini. Das sei zumutbar. Die deutsche Öffentlichkeit nahm es gelassen zur Kenntnis. Mir aber zog es beim Anblick dieses moslemischen Huschchens und beim Hören seiner ganz und gar unglaubwürdigen, offensichtlich einstudierten Rede das Herz zusammen. Vielleicht glaubte die Kleine in diesem Moment wirklich, was sie im Auftrag von wem auch immer vorbrachte. Ich musste dabei an Kindesmissbrauch denken – nicht den sexuellen, nein, aber an den Missbrauch einer Dreizehnjährigen zur Propagierung und Durchsetzung mittelalterlicher und frauenfeindlicher Orthodoxien mitten in unserer gleichberechtigten und bunten europäischen Welt. Was für eine Gemeinheit!

Die Hölle auf Erden

Denn an der Lebenswirklichkeit des Mädchens ändert der Richterspruch nichts. Eher bestätigt er, dass der Alltag dieses Kindes mit dem Leben der Mehrzahl seiner Klassenkameraden sehr wenig zu tun hat. Wehe, du wirst in so etwas hineingeboren. Von Teilhabe am gesellschaftlichen Leben der Bundesrepublik, die bei uns doch so hochgehalten und über die in so vielen Talkshows debattiert wird, kann da keine Rede sein.

So oder ähnlich geht es freilich nicht nur in streng muslimischen Kreisen und in islamisch geprägten Weltgegenden zu. Das gibt es ebenso in christlichen Sekten oder bei den Ultraorthodoxen unter den Juden – vorweg in Israel. Hier wie da sollen die für heilig erklärten, das Leben einzäunenden Regeln solcher Orthodoxien direktemang zu Gott und in den Himmel führen. Dafür erscheint es gerechtfertigt, auf Erden die Hölle zu erleiden.

In der urchristlichen Sekte der „Zwölf Stämme“ in Bayern, deren Untaten dieser Tage bekannt geworden sind, hat der Tugendfuror, so viel man vorerst weiß, vor allem die Kinder getroffen. In islamischen Parallelgesellschaften sind meistens Mädchen und Frauen die Opfer. Die sollen gebären und den Männern dienen. Das ist dann nicht nur im Sinne Allahs, sondern auch praktisch. Und hier wie da gibt es Versuche, den Nachwuchs vom staatlichen Schulunterricht fernzuhalten, weil dort – sei es beim Schwimmen, sei es in der Sexualkunde – die Sünde lauert.

Talibanesien ist nicht weit

Vor allem die Sexualität gilt solchen Leuten als teuflische Versuchung, dazu Musik, Sport und Tanz, Kunst und Kultur, also das Kreative, das Begeisternde, alles, was den Menschen wachsen und werden lässt. Auch Bildung und das selbstständige Lernen sind den Orthodoxen jeglicher Couleur verdächtig, denn in der Freude daran steckt ein Stück Aufruhr. Mit der Erweiterung des Herzens und mit dem Schärfen des Verstandes droht die Revolution.

Es geht also, ob in Familien oder einer ganzen Gesellschaft, stets um Macht: um die Macht über aufmüpfige Kinder wie bei den „Zwölf Stämmen“ und anderen Sekten, über pubertierende und möglicherweise ausbrechende Töchter wie im Leipziger Gerichtssaal, über aufbegehrende Ehefrauen, über andersdenkende Minderheiten.

Dazu braucht man Glaubenssätze, welche die Unterdrückung rechtfertigen, seien sie noch so irrsinnig. In streng christlichen Sekten waren und sind Theater, Kino, Tanzen des Teufels. Bei den orthodoxen Juden dürfen Männer fremden Frauen nicht die Hand geben und auch keine fremde Frau singen hören. Männer und Frauen sollen im Bus getrennt sitzen wie einstmals in den USA Schwarze und Weiße. Bei den Orthodoxen aller Religionen und Pseudoreligionen ist Talibanesien nicht weit. Man quält sich gerne, aber noch lieber quält man andere und Schwächere. Der Wahn findet viele Gelegenheiten, sich der Menschen zu bemächtigen, und es ist schwer, sich daraus zu befreien. Umso schlimmer, dass solche Geisteshaltungen auch in unserer säkularen und freiheitlichen Gesellschaft so fordernd auftreten können wie das in Leipzig der Fall war. Wir sind sehr tolerant mit den Intoleranten. Auch löst der Burkini das Problem nicht. Ganz im Gegenteil, er macht es auf groteske Weise anschaulich. Die Totalverhüllung im Bad für ein paar bedauernswerte Mädchen, während alle anderen zur Sommerzeit auf den Straßen halb nackt herumlaufen: Verrückter geht es doch gar nicht.