Der islamistische Terror spült schreckliche Weltbeglücker an die Macht – sie folgen einem altbekannten Muster, meint unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.

Stuttgart - Es muss etwas Ur-Menschliches sein, dieses Kopfabschneiden, Handabhacken, am Hals aufhängen, Foltern, Verbrennen, Erschießen, Vergiften, Hinrichten und in die Luft sprengen. Sonst käme es nicht so oft vor. Schon gar nicht in unseren angeblich aufgeklärten Zeiten, in denen die Nachrichten, auch die vom guten Auskommen der Menschen untereinander, sofort von einem Ende der Welt ans andere rasen können. Es wäre also durchaus möglich, im Irak oder im Nahen Osten daraus zu lernen, dass – etwa in der Schweiz – sehr verschiedene Leute mit sehr verschiedenen Gewohnheiten, Interessen und Sprachen diesseits und jenseits des Röschtigrabens seit vielen Jahren in einem Staat zusammen leben, ohne einander dauernd zu durchbohren, zu teeren, zu federn, zu vierteilen, zu rädern, aufzuspießen und auf Scheiterhaufen zu Tode zu quälen.

 

Aber dann fällt einem voll Schrecken ein, dass der ebenso fromme wie wirksame und – will man Max Weber glauben – für den Geist des Fleißes und das Wohlstandsbemühen der protestantischen Welt mitverantwortliche Herr Johannes Calvin genau dies getan hat. Gerade wegen seiner reformatorischen Frömmigkeit war er nicht nur ein begeisterter und grausamer Hexenverbrenner. Im Jahre des Herrn 1553 betrieb er auch die gnadenlose Hinrichtung des spanischen Arztes Michael Servetus auf dem Scheiterhaufen, der – unverzeihliches Verbrechen - in Glaubensdingen nicht ganz seiner Meinung war.

„Tut nichts. Der Jude wird verbrannt“

Das ist nun lange her, und es hat gedauert, bis es sich in Genf wie in ganz Europa und ebenso drüben auf der anderen Seite des großen Teichs herumgesprochen hat, dass es auch anders geht. Aber was zeigen uns die Iren mit ihren blutigen Glaubenskämpfen mitten im zwanzigsten Jahrhundert? Und welch unbegreiflichen Rückfall in einen Wahn von der reinen Lehre und der entsprechend rassisch reinen Gesellschaft leisten sich die gebildeten und zivilisierten Deutschen, angeführt von dem österreichischen Psychopathen Adolf Hitler? Immer wieder, bis auf den heutigen Tag, ist in solchen Vorgängen das Muster von Bewegungen zu erkennen, die sich – ausgestattet mit simplen Glaubenssätzen – als Retter der Menschheit ausgeben. Da sie die letzte und einzige Wahrheit für sich reklamieren – egal ob von Gott, der Vorsehung oder einer angeblich, wie im Marxismus, wissenschaftlich erarbeiteten Entwicklung abgeleitet – nehmen sie sich das Recht, alle, die ihnen nicht bedingungslos folgen, für des Teufels zu erklären: Tiere sind sie. Untermenschen. Ungläubige. Feinde des Fortschritts. Heiden. Ketzer. Was auch immer. „Tut nichts. Der Jude wird verbrannt.“

Just dort, in Jerusalem, wo Gotthold Ephraim Lessing in seinem „Nathan“ den Patriarchen dieses berühmte Wort sprechen lässt, war der Verbrannte jetzt ein Palästinenser. Fast noch ein Kind. Ein paar Tage vor dieser Untat wurden drei jüdische Jugendliche umgebracht. Alle Morde begangen von Leuten, die sich im Besitz einer Wahrheit wähnen. Radikale. Doch wie fühlt man sich danach, wenn man diese jungen Leben ausgelöscht hat? Glaubt wirklich jeder, der sich am Verbrennen oder Vierteilen beteiligt, an die Begründung, sprich: an die Ideologie, die das rechtfertigt? Manche tun es ein Weilchen und werden später klug. Andere bleiben ewig daran hängen.

Die Gewalt hat noch kein einziges soziales Problem gelöst

Es scheint ja gute Gründe für jede Art von Terror in der Welt zu geben. Und das ist nicht nur der Kampf für den einzig wahren Gott, der ganz bestimmt dankbar ist für all die Scheußlichkeiten, die Gläubige in seinem Namen begehen und der sie, sollten sie selbst bei einem Anschlag draufgehen, mit himmlischen Freuden belohnen wird. Natürlich – so wird vor allem von links argumentiert – ist auch die soziale Ungleichheit in der Welt daran schuld, dass Menschen derart ausrasten.

Da mag etwas dran sein.

Und doch springt vor allem ins Auge, wie sinnlos diese brutalen Taten sind. Sie haben noch kein einziges soziales Problem gelöst. Diesen Leuten fällt absolut nichts anderes ein, als zu morden, Autos und Gebäude in die Luft zu sprengen. Die Gewalt von Boko-Haram, Al Kaida, ISIS oder den Al-Shahab-Milizen genügt vor allem sich selbst, sieht man davon ab, dass die Attentate nicht nur zerstörerisch wirken, sondern durch Angsterzeugung auch Macht begründen. Und immer gebiert der Terror einen Führer, einen Adolf Laden, einen Bin Hitler. Jetzt heißt er Abu Bakr Al-Baghdadi, beherrscht große Gebiete im Irak und nennt sich Kalif, lässt Leute ans Kreuz schlagen, lässt auch Moscheen und Kirchen einreißen. Was für ein Fortschritt!

Es sind zumeist Männer, die sich da austoben

Offenkundig ist es eine Männersache. Es sind Männer, die am Ende als Herrscher profitieren. Es sind zumeist Männer, die sich da austoben, junge Männer, die sich als Henkersknechte hergeben, wahrscheinlich ohne Arbeit, auch noch ohne Familien, testosterongeladen. Und allemal lassen mich die Berichte über die islamistischen Täter und ihre Taten an das Wort von der Grausamkeit als der kleinen Schwester der Lust denken. Ja, es scheint diesem und jenem schlicht Spaß zu machen, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen, sie an Bäumen aufzuhängen oder hunderte von hilflosen Schülerinnen – wer denkt eigentlich noch an die armen Mädchen? - zu entführen, wenn man sonst nichts Besseres zu tun hat.

Manche Zeitgenossen, wie Margot Käßmann, glauben, man könnte die mörderischen Weltbeglücker mit gutem Zureden von ihrem Tun abbringen. Nach aller leidvollen Erfahrung hilft hier – wenn überhaupt - nur Gewalt gegen Gewalt. Und um die Geisteshaltung zu besiegen, die den Terror stützt, müsste sich der liebe Gott wahrscheinlich einen neuen Menschen einfallen lassen.