Es war nicht nur Trauer unter den Menschen, die am Sonntag zu Hunderttausenden in Paris auf die Straße gingen. Sie feierten auch das freie Europa, meint unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.

Stuttgart - Drei Attentäter von der Polizei erschossen. Die überlebenden Geiseln, immerhin, gerettet. Das Satire-Blatt „Charlie Hebdo“ keinesfalls tot, wie die Mörder der Zeichner hofften, vielmehr auf dem Sprung, in dieser Woche mit einer Riesenauflage zu erscheinen. Und schließlich eine Trauergemeinde, wie es noch keine gab, die sich zum Volksaufstand wandelt für Freiheit und Demokratie.

 

Mehr als eine Million Menschen mitsamt dem europäischen Regierungspersonal auf den Straßen von Paris. Sogar Benjamin Netanyahu und Mahmoud Abbas sind mit von der Partie. Man könnte auf die Idee kommen, das Schlimmste sei nun vorbei, die Franzosen – und wir mit ihnen – wären an einem einigermaßen tröstlichen Ende dieser traurigen Geschichte angelangt. Aber wahrscheinlich markiert, was vor wenigen Tagen in Paris geschah, nur den Fortgang der Dauerserie von Gewalttaten, dieses ständigen Aufflackerns der Epidemie des menschenverachtenden islamistischen Terrors.

Gerade noch waren wir sicher, das hitzigste Fieber dieser Krankheit tobe sich vorweg in Syrien, im Irak, in Mali und Nigeria aus. Jetzt brechen mitten in Europa die Schwären auf. Hier ein Überfall, dort Morde, gern wieder an Juden, nur weil sie Juden sind, wie gehabt. Schon fliegt auch ein Brandsatz ins Haus der Hamburger Morgenpost, die es gewagt hat, Karikaturen aus „Charlie Hebdo“ nachzudrucken. Bei alledem schauen wir nicht nur auf abscheuliche Verbrechen, sondern auch auf eine erschreckende Hilflosigkeit des Staates. Und das ausgerechnet im zentralistischen Frankreich mit seinen, wie man weiß, nicht gerade zimperlichen Sicherheitskräften.

Die Täter suchen im Leid ihr Heil

Wir erleben eine Groteske, blicken via Bildschirm auf fast 90 000 schwer bewaffnete Beamte, die ganze drei Verbrecher jagen, im Leben gescheiterte junge Männer, polizeibekannt. Man hat sie schon lange im Visier und lässt sie doch machen. Wie das? Als sie schließlich eingekreist sind, scheitert zu allem Übel auch noch der Versuch, sie von dem abzuhalten, was ihresgleichen einen Märtyrertod nennt. Und so mag mancher andere unbedarfte und irregeleitete junge Moslem diese Schurken jetzt im Stande der Verklärung sehen, in der obersten Himmelsetage sitzend, umgeben von ein paar Dutzend Jungfrauen, die ihnen der Prophet aus Dankbarkeit für ihr Heldentum auf dem Tablett darreicht. Wenn das keine Ermunterung ist, diesen abscheulichen Verirrungen nachzueifern! Die böse Tat wird neue Untaten gebären.

Allerdings sind auch den zupackendsten, agilsten und wachsamsten Behörden – und zu solchen Höhen zu gelangen, haben die Europäer sich jetzt vorgenommen – Grenzen gesetzt. Wie will man die Bürger vor Terroristen schützen, die für ihren höchstpersönlichen Gott zu allem entschlossen sind und die vom Tod mehr erwarten als vom Leben? Sie sind, die Pariser Ereignisse zeigen es, durch nichts zu erschrecken. Ja schlimmer, gerade in der Bedrohung, im Leid suchen sie ihr Heil.

So etwas Masochistisches gibt es auch in anderen Religionen und Sekten, nicht zuletzt in der Geschichte des Christentums wird man da fündig. Aber Paris, wie es sich am vergangenen Wochenende dargeboten hat, erzählt uns zudem, dass wir weiter sind und dass etwas dran ist an Samuel P. Huntingtons viel kritisierter These vom Kampf der Kulturen. Während sich der französische Staat in dem ganzen Unglücksgeschehen erst einmal nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, führen Millionen Franzosen friedlich und doch kämpferisch der Welt den aufrechten Gang vor. 1789, beim Sturm auf die Bastille, können es nicht mehr gewesen sein. Und ob sie damals um so vieles leidenschaftlicher empfanden? Die Werte sind ja nicht abgewetzt. Sie strahlen nach wie vor.

Ein Sturm der Vernunft

Auch heute geht es um Liberté, Égalité und Fraternité wie bei jenem fernen Gründungsakt der europäischen Moderne. Und wieder ist der Funke übergesprungen. Bis nach Salt-Lake-City in den USA, bis in den Gorki-Park nach Moskau, bis nach Brüssel, Madrid, Lissabon und Berlin.

Es ist beileibe nicht nur die Trauer, welche die Menschen zusammengeführt und auf die Straßen getrieben hat. Es ist ein Sturm der Vernunft, der sie dazu bringt, sich hinter dem Logo „Je suis Charlie“ zu vereinen, sich mit der Kühnheit ihrer Redakteure und Zeichner zu identifizieren, gegen das Dumpfe anzutreten, gegen die Intoleranz, gegen den religiös überhöhten Mord, gegen das Kopfabhacken, gegen das Foltern, gegen das Steinigen, gegen die Sprengstoffanschläge hier und dort und überall, gegen diesen ganzen urdummen islamistisch aufgeladenen Terror.

Es ist die Feier der Aufklärung, es ist ein Hochamt dessen, was Europa ausmacht: seiner mühsam errungenen Menschenrechte und politischen Freiheiten Es ist die Selbstvergewisserung derer, die, wie Kant es einst forderte, den Mut haben, sich ihres Verstandes zu bedienen. Es ist das freie, intelligente und selbstbewusst Bürgerliche, das plötzlich und in Massen auf der Szene erscheint. Eine lächelnde, überwältigende, revolutionäre Kraft. Wir haben noch nicht verloren.