Sibylle-Krause-Burger-Kolumne Gerhard Schröder – umstritten und doch ein Paradebeispiel
Gerhard Schröders Lebensweg zeigt, wie auch Kinder aus sozial schwachen Familien nach ganz oben gelangen können, sagt unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.
Gerhard Schröders Lebensweg zeigt, wie auch Kinder aus sozial schwachen Familien nach ganz oben gelangen können, sagt unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.
Stuttgart - Immer wieder mal werde ich gefragt, welche mächtige Person, aus Politik oder Wirtschaft, von den Vielen, die ich im Laufe meines Journalistenlebens portraitieren durfte, mich am meisten beeindruckt habe. Jedes Mal verweise ich dann auf Helmut Schmidt, seine intellektuelle und technokratische Brillanz, seinen politischen Mut, seine Geradlinigkeit, seine Schlagfertigkeit, seinen Sinn für Kunst und Musik. Aber schwierig war er eben auch, bisweilen sogar arrogant. Er pflegte das mit Vergnügen, nicht nur um andere in Schach zu halten, eher wohl, um sich abzuschirmen und eigene Verletzlichkeiten zu kaschieren. Man musste sich wappnen, wenn man mit ihm zu tun hatte.
Der vorerst letzte sozialdemokratische Kanzler hingegen gab sich entschieden umgänglicher. Gerhard Schröder war und ist stets vollkommen ungekünstelt er selbst, ein richtig netter Kerl, zugewandt und menschenfreundlich, einer der sich auf der Straße von Bürgern ansprechen und mit ihnen fotografieren lässt; oder der im Verlaufe eines Interviews, wenn das Tonbandgerät bockt, der Reporterin mit Rat und Tat zur Seite steht.
Das ist nicht selbstverständlich. In einem vergleichbaren Fall verlangte mal Teddy Kollek, zu jener Zeit Bürgermeister von Jerusalem, bevor er wutschnaubend den Raum verließ, der Schaden müsse in drei Minuten behoben sein, sonst könne ich auf der Stelle nach Hause fahren. Wiener Schmäh und norddeutsche Verbindlichkeit, zwei Machos und ein beträchtlicher Unterschied.
Doch Wut kann Gerhard Schröder auch. Dann läuft er rot an, taucht seine hellen Augen in ein tiefes Ultramarin. So erlebte ich ihn in seinen Kanzlerzeiten, wenn etwas im Amt nicht nach Plan lief. Nun ist er 75 geworden. Lob und Tadel brechen über ihn herein. Putin und Rosneft haut man ihm um die Ohren. Die Sozialdemokratie schmollt mit seiner unbekümmerten Art und mit seinen Taten, obwohl sie von Wahlergebnissen, wie er sie einfuhr, heute nur noch träumen kann. Mir aber kommt zu diesem Jubiläum als erstes seine außerordentliche Entwicklung in den Sinn, und vielleicht sollte ich, wenn mich wieder einmal jemand nach der eindrucksvollsten Politiker-Begegnung fragt, zur Abwechslung Gerhard Schröder nennen.
Denn seine Intelligenz funkelt nicht weniger als die des sozialdemokratischen Vorgängers. Seine Rede ist nicht nur ja, ja und nein, nein, sondern auch treffsicher, witzig, ausdrucksstark und charismatisch. Gegen den Willen der USA vermied er Deutschlands Teilnahme am Irak-Krieg – eine wahltaktische Entscheidung, die sich im Nachhinein als weise erwies. Mit der Agenda 2010 zeigte dieser Kanzler politischen Todesmut. Er tat, was getan werden musste, um die deutsche Wirtschaft aus ihrer Erstarrung zu lösen und die Arbeitslosigkeit zu mildern. Angela Merkel durfte dann die Früchte ernten. Deshalb ist sie auch an seinen besonderen Geburtstagen richtig nett zu ihm. Dabei hat er sie am Wahlabend 2005 doch so abscheulich gedemütigt. Vergeben, vergessen. 13 Regierungsjahre machen alles gut.
Willy Brandt litt unter seelischen Schwankungen, Helmut Schmidt war gelegentlich depressiv, Gerhard Schröder hat etwas anhaltend Heiteres an sich. Auch deshalb siegte er gegen den verkniffenen, verbissenen Oskar Lafontaine. Und wer von denen, die es bis nach ganz oben geschafft haben, hat schon einen vergleichbar steinig-steilen Weg zurückgelegt? Nicht einmal Joschka Fischer musste derart hohe Hürden nehmen, obwohl er in seiner Jugend vorübergehend ganz abgerutscht war und als Maler frommer Bildchen auf der Straße lebte. Auch von diesem Tiefpunkt bis zum Außenminister der Bundesrepublik ist es weit. Doch Fischer stammte immerhin aus einem kleinbürgerlichen Haus, hatte ein paar Jahre das Gymnasium besucht, bevor er als Pseudorevolutionär auf dem Rücken der Grünen nach oben schwimmen durfte, um die Welt zu verändern.
Gerhard Schröder wollte das nie. Als einer der vom äußersten Rand der Gesellschaft startete, wollte er erst einmal nur „da raus“. Der Vater Hilfsarbeiter, im Krieg gefallen, die Mutter Putzfrau. Für den Jungen gab es bloß Volksschule und die Lehre in einem Haushaltswarengeschäft. Über den zweiten Bildungsweg, angeregt durch Gewerkschafter, holte er die gymnasiale Bildung nach, bestand das Abitur, studierte Jura und wurde Rechtsanwalt. Im Fernsehen hatte er die amerikanische Serie mit Perry Mason gesehen. Eine Rolle dieser Art zu spielen und Schwächeren zu helfen war sein Ziel. Die Politik gesellte sich dazu, seiner Herkunft verpflichtet, versteht sich, also sozialdemokratische Politik. Am Ende war er Bundeskanzler. Eine Erfolgsgeschichte, ein Kraftakt ohnegleichen, geboren aus Intelligenz, Zielstrebigkeit, Fantasie, einem filouhaften Charme und ziemlich großen Ego.
Will man den Statistiken und den steten Klagen der Bildungspolitiker glauben, gibt es so etwas gar nicht. Vorgeblich können Kinder aus sozial schwachen Familien den Mangel an Anregung und Förderung, welche der bürgerliche Nachwuchs genießt, kaum ausgleichen. Das stimmt nicht. Sie können, wenn’s auch anstrengend ist. Unser wunderbar durchlässiges Schulsystem macht es möglich. Und 75 Jahre Gerhard Schröder beweisen es.