Sibylle-Krause-Burger-Kolumne Good Cops, bad Cops
Im Fernsehen sind alle Polizisten hilfreich und gut. Im wahren Leben werden sie beleidigt und angegriffen, kritisiert unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.
Im Fernsehen sind alle Polizisten hilfreich und gut. Im wahren Leben werden sie beleidigt und angegriffen, kritisiert unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.
Stuttgart - Das muss man gesehen haben: Ermittlerin Sarah Kohr im Einsatz, um die Tochter eines Kronzeugen zu retten. Ah, wie sie den Entführer, einen zottelhaarigen Bösewicht, zusammendonnert. Linker Haken, rechter Haken, es ist die reine Freude. Oh, wie sie den finsteren Kerl durch die Luft schleudert, stürzt, schlägt, geschlagen wird, über den Boden schliddert, fällt, in einstürzenden Kisten versinkt, wieder auf die Beine kommt, aufrecht steht, noch einen Schlag in die Magengrube verabreicht, selbst blutet – aber natürlich das Mädchen befreit.
Oder Hajo Trautzschke, der Supersympathische, Boss der Soko-Leipzig, braune Augen, wissender Blick, grau meliert, ein deutscher Barnaby. Gereift, abgewogen, führungsstark, gesetzestreu. Gott sei dank haben wir ihn in diesem Sommer zurück. Er war ja schon zu unserem Leidwesen in den Ruhestand entschwunden. Nun ist er wieder da. Beglückt vertrauen wir ihm und seinen Leuten allfreitaglich zu später Stunde die schönsten Morde zur Aufklärung an.
Und dann der Charles-Laughton-hafte Kommissar Erich Bo Erichsen aus der Nachtschicht des Kriminaldauerdienstes in Hamburg. Ich liebe ihn! Was für ein Genuss, ihm bei der Arbeit zuzuschauen, wenn er seinen Kugelbauch durchs Rotlichtmilieu schiebt, sich von Nutten und Junkies Informationen holt, die Ganoven jagt, ihnen – oft ohne Erfolg – hinterherjapst, im fetzigen Dialog jedoch immer Sieger bleibt. Da kann ihm keiner. Die harten Jungs sind zwar jünger, aber eben auch dümmer, und am Ende landen sie doch in der Glaszelle auf der Wache, bevor er sie wieder gehen lassen muss und ihnen mit seinen großen Kulleraugen skeptisch nachschaut. Ein Mann. Ein Mensch. Ein Held.
Das sind sie alle, Helden, zudem edel, hilfreich und gut, unsere heiß geliebten, bundesdeutschen Fernsehpolizisten. Die Münchner Batic und Leitmayr, die Kölner Ballauf und Schenk oder Lena Odenthal aus Ludwigshafen. Kaum einer, Alexander Bukow ausgenommen, schlägt mal zu, und keiner außer dem Jungspund Tom Kowalski aus Trautzschkes Team, lässt gesetzestechnisch mal Fünfe gerade sein. Das Fernsehvolk liegt den TV-Ermittlern zu Füßen. Deshalb flimmern jeden Abend zwei, drei oder mehr Krimis über den Bildschirm.
Die Wirklichkeit sieht anders aus. Von so viel Wertschätzung können die Polizisten im wahren Leben nur träumen. Ihnen fliegen Flaschen und Steine um die Ohren. In Stuttgart springt ein Rowdy einem Uniformierten ins Kreuz. Polizeibeamte werden verletzt und verleumdet. „ACAB“, „ACAB“ rufen die Randalierer, was „All Cops are Bastards“ heißen soll. Als „Bullen“ und „Hurensöhne“ müssen sie sich beschimpfen lassen. Die SPD-Parteivorsitzende Saskia Esken, in einem ihrer populistischen Anfälle, gießt noch Öl ins Feuer, verwechselt die Bundesrepublik mit den USA und vermutet „latenten Rassismus“ in den Strukturen der Polizei. Wie kann das sein?
Jeden Abend, den Gott gibt, erleben wir auf den Bildschirmen der Nation Polizisten als liebenswerte, bewunderungswürdige, heroische Kämpfer für den Sieg des Guten und der Gerechtigkeit auf Erden. Und im normalen Dienst treffen die Beamten auf Missachtung, ja Verachtung, Beleidigung und tätliche Übergriffe. Was ist das für eine Schizophrenie? Sind das dieselben Leute, die sich zuerst nach der Tagesschau ihren abendlichen Krimi reinziehen und anschließend auf Stuttgarts Schlossplatz oder vor der Frankfurter Oper die Sau raus lassen?
Es sind zwei Welten. Zwar streiten die Gelehrten noch, wer da und warum nachts in unseren Städten herumtobt. Doch eines ist offensichtlich. Es handelt sich um einen Riss durch die Generationen. Die Älteren hocken vor der Glotze und vergnügen sich mit der Suche nach dem Täter oder der Täterin. Auf den Straßen und Plätzen aber, wo es knallt und kracht, lassen sich junge und ganz junge Menschen im nächtlichen Räuber-und-Gendarm-Tosen rücksichtslos gehen. Die einen verharren rezeptiv auf dem Sofa, die anderen tummeln sich überaktiv auf dem Pflaster. Nichts verbindet sie. Kaum anzunehmen, dass der frustrierte und testosterongeladene Enkel zum Tatort-Schauen bei der Oma erscheint, und mindestens so wenig ist zu erwarten, dass sich der Großvater – anders als im Kampf um Stuttgart 21 – auf dramatische Auseinandersetzungen mit der Polizei einlässt. Aber war es nicht immer so?
Auf alle Fälle liegt etwas Seltsames in diesem Schisma verborgen. Offenbar gibt es viele, auf die eine überbordende positive, in Dramen gegossene Polizeipräsenz im Massenmedium Fernsehen nicht wirkt. Das schlägt nicht durch, das prägt nicht, das macht keine Stimmung, keine Atmosphäre. Nicht in Jugendclubs, nicht in Flüchtlingsheimen, nicht in manchen Familien mit und ohne Migrationsgeschichte. In solchen Milieus sieht man im deutschen Polizisten keinen Trautzschke, sondern irgendeinen bad Cop aus Amerika oder eine Figur aus dem Internet. Aber Trautzschke in seiner Biederkeit und Bo Erichsen in all seinen Vergeblichkeiten und Sarah Kohr mit ihrem Mut, sie alle spiegeln ein Stück vom Arbeitsalltag unserer Polizei. Eine bessere findest du nicht.