Sibylle-Krause-Burger-Kolumne Kein Gespür für den Tod vor der Tür

  Foto: Lichtgut

Zwei glückliche deutsche Generationen hatten alles und leisteten sich viel. Jetzt müssen sie zurückstecken, meint unsere Kolumnistin.

Stuttgart - Warum trafen sich junge Leute noch unbesorgt zu sogenannten Corona-Partys, obwohl es doch längst kein Geheimnis mehr war, dass ein Killer-Virus die Runde machte? Warum drängten sich die Menschen an den Supermarktkassen so dicht auf dicht wie vor der Krise, während Virologen und Politiker längst die Parole ausgegeben hatten, zwei Meter Abstand zu halten? Warum konnte sich das Gerede von der Panikmache auch dann noch so ungeniert verbreiten, als in Italien schon Hunderte auf dem Totenbett lagen?

 

Das alles versteht man nicht, und doch ist es nachvollziehbar. Denn die meisten Menschen in unserem schönen und verwöhnten Land haben keine Katastrophenerfahrung, folglich fehlt ihnen auch ein Katastrophenbewusstsein.

Es fehlt das Bewusstsein von unmittelbar bevorstehenden Gefahren, weil sie nie mit ihnen konfrontiert waren. Allenfalls beschäftigte man sich mit der Bedrohung durch die Klimaerwärmung, doch gemessen am Auftauchen von Corona lag diese in weiter Ferne. Da ging und geht es um die Zukunft, um etwas, das irgendwann in den kommenden dreißiger oder vierziger Jahren oder erst zum Ende des Jahrhunderts eintreten kann und das sich womöglich aufhalten lässt. Jetzt aber ist ein Gespür für den Tod auf der Türschwelle gefragt. Das ist viel verlangt.

Babyboomer und Handykids

Für etliche Zeitgenossen offenkundig zu viel. Denn mittlerweile sind es zwei Generationen, denen es, solange sie leben, gut gegangen ist. Gemeint sind die Babyboomer, die nun auch schon in die reiferen Jahre kommen, gemeint sind auch ihre Kinder, die Handykids. Sie alle, zumindest im Westen, kannten bisher keinen Mangel an Nahrung, Strom oder Kleidung, keinen Krieg, keine Bomben, nicht die Furcht, verletzt oder verschüttet zu werden. Und die Väter verlor man, wenn überhaupt, nur durch die Trennung der Eltern.

Wer heute zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig, ja sechzig Lebensjahre und mehr zählt, der durfte bis in diese Corona-Tage davon ausgehen, alles zum Leben Notwendige und unendlich vieles darüber hinaus werde stets vorhanden sein. Schmerzen würden ad hoc gelindert. Gegen die meisten Krankheiten lägen Medikamente bereit. Therapien wären möglich und erprobt. Kriege fänden allenfalls weit hinten in der Türkei oder im Nahen Osten statt.

Anspruch auf Amüsement?

Nun aber die Rückkehr des Mittelalters, eine Seuche, die um die Welt rast, die Tausende und Abertausende dahin rafft wie einst die Pest, eine Seuche, gegen die keine Pille, keine Spritze, keine Infusion hilft. Das ist doch unvorstellbar. Das gibt es nicht. Das kann nicht sein. Das ist lachhaft in unserer wunderbaren, auf das Wohlergehen und Vergnügen des Individuums ausgerichteten Zeit.

Fast jeder fühlt sich doch – zumindest nach außen hin – als kleiner König, jede als kleine Königin. Also hocken sie zu Dutzenden eng beieinander auf dem sonnigen Rasen, an der Isar, dem Neckar oder der Spree, stecken sich sogar mit Vorsatz an, in der Gewissheit, unverwundbar zu sein, treffen sich in Hinterzimmern, in geheimen Kneipen und auf öffentlichen Plätzen – gerade so, als sei die ganze Aufregung künstlich und nur ihr Amüsieranspruch berechtigt und real.

Uns kann keiner, das war die Losung

Die Anhänger dieses Lebensgefühls wollen sich alles leisten, müssen alles haben, alles erleben – und zwar sofort. Alles steht ihnen zu. Ihre Work-Life-Balance darf nicht wanken. Mindestens drei Reisen im Jahr sind angesagt, Flüge rund um den Globus ein Muss und Menschenrecht. Gefeiert wird aus jedem noch so nichtigen Anlass, weshalb man das nicht so einfach aufgeben mag. Wo kommen wir da hin?

Uns kann keiner, das war in Milieus, die sich für modern halten, bis jetzt die Losung des Tages. Uns kann kein Virus, keine Vorschrift, kein Gesetz, kein Bulle, kein Politiker und auch keine Bundeskanzlerin. Ich bin ich. Jeder und jede ein bisschen gottgleich. Solche vermeintlich coolen Haltungen beschädigten schon vor Corona den Alltag in unserer Republik – in der Verachtung gegenüber Staat und Politik, der Missachtung von Regeln und öffentlicher Ordnung, der Ellenbogenmentalität im Straßenverkehr, den Angriffen aufs helfende Personal, auf Polizisten, Ärzte, Sanitäter und Beamte in den Jobcentern. Doch dann kamen die Bilder aus Italien und Spanien, dann schreckten uns die Zahlen von Erkrankten und Toten aus Deutschland auf. Und siehe da: jetzt braucht man alle, die zuvor in dummem Größenwahn zur Seite geschoben und scheel angeschaut, ja niedergemacht wurden.

Der Staat wird gebraucht

Jetzt brauchen wir den Staat, die Krankenschwestern und Pfleger, die Ärzte und Polizisten. Jetzt brauchen wir verantwortungsbewusste Politiker, die sich etwas trauen. Jetzt brauchen wir Parteien der Mitte, die über den eigenen Tellerrand hinausschauen und sich die Hand reichen. Wir brauchen Macht, die sich dem Virus entgegenstellt. Nur Saskia Esken, die SPD-Vorsitzende mit der betonhaften Achtundsechziger-Attitude, die vor zu viel Staat warnt, Falschnachrichten nicht härter verfolgen will und Ausgangssperren a priori problematisch findet – diese Frau und Ihresgleichen brauchen wir nicht.

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