Die Statue of Liberty ist wohl das bekannteste Wahrzeichen der Vereinigten Staaten und Symbol der Freiheit. Doch starre Ideologien, wie der amerikanische Mythos von der Freiheit, bringen Unheil – meint unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.
Stuttgart - Für die meisten Europäer sind Auftritte wie der jener Frau – nennen wir sie Mrs. Wright – schlicht unbegreiflich. Wir sahen sie dieser Tage in den Abendnachrichten des Deutschen Fernsehens. Nach Kleidung, Aufmachung und Ausdrucksweise gehört sie nicht gerade zur Upperclass, also zu denen, die sich auch ohne die Hilfe des Staates alles leisten und auf nichts als ihre Freiheit von jeglicher öffentlicher Unterstützung pochen können. Aber genau darauf kam es ihr offensichtlich an. Sie wolle ihre Freiheit behalten, bekannte sie kämpferisch – auch die Freiheit von der Auflage, sich von Gesetzes wegen gegen Krankheit versichern zu müssen.
Da fasst sich jeder in unseren Breiten, der halbwegs bei Verstand ist, an den Kopf. Denn auf dem alten Kontinent denken die Leute genau anders herum. Diese Art der Freiheit wird bei uns als selbstmörderisch angesehen. Was, wenn die Frau schwer krank wird und weder den Arzt noch Medikamente bezahlen kann? Wer wird ihr helfen? Wird sie nicht ohne Unterstützung leiden müssen? So kann es kommen. Deshalb gelten bei uns die sozialen Sicherungssysteme, die jeden auffangen, als Fortschritt. Barack Obama und seine demokratischen Parteifreunde sehen das ähnlich und haben in der ersten Amtszeit des Präsidenten eine Gesundheitsreform mit gesetzlicher Krankenversicherung durchgesetzt.
Doch vielen Amerikanern, besonders unter den Republikanern, erscheint diese Sicherung als sozialistische oder gar kommunistische Missgeburt im astreinen Kapitalismus. Für sie ist Freiheit immer Freiheit vom Staat. Für uns Europäer hingegen, nicht zuletzt für uns Deutsche, ist Freiheit ohne soziale Sicherheit nicht denkbar. Wer nicht die Kraft hat, um aufzusteigen oder sich oben zu halten, nicht die Ellenbogen, nicht das Vermögen, nicht die Bildung, der fällt hinten runter, verelendet und bleibt auf die Mildtätigkeit der Reichen angewiesen.
Warum verkennen viele ihre eigene Interessenlage?
Auf diesem Feld geschieht traditionell viel in den Vereinigten Staaten. Trotzdem wird es für Leute wie unsere Mrs. Wright immer zu wenig bleiben. Warum nur versteht sie das nicht? Warum gibt es so Viele, die denken wie diese eine, obwohl sie nicht zur Oberschicht gehören? Warum verkennen sie ihre eigene Interessenlage? Und umgekehrt: warum gibt es bei uns so viele Menschen, die dem Staat alles und jedes aufbürden und dem einzelnen zu wenig zutrauen wollen? Zwei verbündete demokratische Systeme in ein und derselben Zeit und doch zwei entgegen gesetzte Arten zu denken: da sieht man, was Ideologien auszurichten oder anzurichten vermögen.
Im Fall der Kampagne gegen Obamas Gesundheitsreform, die jetzt sogar in eine Zahlungsunfähigkeit der Weltmacht umzukippen droht, könnte man sogar ein Musterbeispiel der marxistischen Definition für Ideologien erkennen. Danach sind die herrschenden Gedanken in einer Gesellschaft immer die Gedanken der Herrschenden. Sie dienen der Verschleierung der Wirklichkeit. So gesehen ist Mrs. Wright das Opfer einer Klassengesellschaft und Obama wirklich ein Revolutionär.
Wir in Europa aber haben seine Revolution schon so lange hinter uns, dass wir ins andere Extrem verfallen sind. Frankreich ist in seiner Sozialstaatlichkeit erstarrt. Und Gerhard Schröder, der in der Agenda 2010 das Fördern auch mit dem Fordern verband, wurde abgewählt und wird auch heute noch von den eigenen Genossen dafür geschmäht, obwohl er mit seinem Konzept letztendlich erfolgreich war.
Die Tea Party blamiert die USA vor der Weltöffentlichkeit
Ohne seine mutige Tat wäre Deutschland wirtschaftlich nicht so gut durch die Finanzkrise gekommen. Aber wo Hilfe Not tut, denkt hier nach wie vor jeder sofort und fast ausschließlich an den Staat. Wenn es in den USA vorangehen muss, hofft man hingegen auf den Selfmademan und die Selfmadefrau, um der Wirtschaft wieder Leben einzuhauchen und Arbeitsplätze zu schaffen. Deshalb sollen sie möglichst viel Bewegungsfreiheit haben und möglichst wenig Steuern zahlen. Auch das sieht man hier bei uns völlig anders, wie gerade an den schwarz-roten Gesprächen in Berlin gut zu studieren ist, die vor allem um Steuern und Mindestlöhne kreisen.
Natürlich wird man da Kompromisse finden. Aber der Shutdown der Obama-Regierung zeigt, wie man an hartnäckig ideologischem Denken auch scheitern kann. Denn solche Positionen neigen dazu, sich absolut zu setzen. Als Legitimation muss dann ein Gott herhalten, wie bei den Islamisten, eine Wissenschaft, wie bei den Kommunisten, eine Vorsehung, wie bei Adolf, dem Jahrtausendverbrecher, oder der amerikanische Gründungsmythos, wie jetzt bei den Tea-Party-Adepten der Republikanischen Partei. Sie nehmen nicht nur den Präsidenten, sondern die ganze Nation in Haft für ihre starren Überzeugungen. Sie blamieren die mächtigen USA vor der Weltöffentlichkeit und richten wirtschaftlich ein Desaster an. Man will eben nicht nur an etwas glauben, und sei es noch so irrsinnig, man will auch recht behalten.
Wo derart ideologisch aufgerüstete und fanatisierte Leute Politik zu machen versuchen, droht allemal Unheil. Das Erschütternde dabei ist nicht nur, dass ein schlichtes Gemüt wie unsere Mrs. Wright solchen Verführern, die eigentlich ihre Feinde sind, auf den Leim geht. Auch Klügere sind oft nicht gefeit gegen die Versuchungen einer Ideologie, die das eigene Denken überflüssig zu machen scheint, die verzaubert, die vernebelt, die irgendeinen Himmel auf Erden verspricht, obwohl sie doch schnurstracks in die Hölle führt.