Sibylle-Krause-Burger-Kolumne Viel zu tolerant gegenüber der Intoleranz

Von Sibylle Krause-Burger 

Im Burka-Streit haben auch die Liberalen die Freiheit vergessen, findet unsere Kolumnistin.

Voll verschleiert auch bei 30 Grad im Schatten – Foto: dpa
Voll verschleiert auch bei 30 Grad im Schatten – Foto: dpa

Stuttgart - Ab und an in unserer schönen Stadt und gar nicht so selten, huschen schwarze Zelte mit Augenschlitzen und flatternden langen Rockschößen an einem vorbei. Unter dem dunklen Tuch verbergen sich weibliche Wesen aus der Gegend von tausendundeiner Nacht. Derart verhüllt sind sie auch bei 30 Grad im Schatten unterwegs, abgeschottet von der Umwelt, unfähig zum Kontakt, während der Herr Gemahl im luftigen Outfit, in kurzen Hosen und mit freiem Kopf voraus schreitet. Wenn sich so eine verhüllte Gestalt in der Öffentlichkeit Nahrung zuführen will, lüftet sie ein Läppchen vor der unteren Gesichtshälfte und lässt es schnell wieder herunter, sobald der Bissen im Mund verschwunden ist. Kein Hosenladen, ein Gesichtsladen sozusagen. Wenn das kein demütigender, kein entwürdigender Vorgang ist. Und das geschieht hier in der Bundesrepublik, unter der Herrschaft des Grundgesetzes, wo wir die Würde des Menschen als unantastbar hochhalten.

Da müsste doch in der jüngsten Diskussion über ein Burka-Verbot in der Bundesrepublik ein Ja durch die Lande hallen, müsste ein Aufschrei durch die Reihen aller modernen, emanzipierten Frauen gehen. Empörung müsste sich breit machen unter denen, die freiheitlich denken – auch in den Parteien. Aber merkwürdig, der Zeitgeist hat sich der Diskussion bemächtigt und feiert die blinde Toleranz gegenüber allem und jedem. Ach, was sind wir doch für eine großzügige, bunte, offene Gesellschaft – da lassen wir uns von ein paar Burkas – in Wahrheit geht es um Niqabs – nicht aus der Fassung bringen. Gemessen an der Breite der Erscheinungen, die wir tolerieren – bis hin zur finstersten Intoleranz – sind das doch Petitessen.

Es geht um unsere Werte und unsere Freiheit

Millionen Frauen in aller Welt leiden darunter, dass sie sich verhüllen müssen, bei uns aber sollen sie diese totale Isolierung genießen. Was sie dort als Unterdrückung erleiden, dürfen sie hier als besondere Freiheit fröhlich entdecken. Auf diese Art von Tatsachenverwirrung muss man erst einmal kommen. Und so lesen wir im „Spiegel“ in der Überschrift eines Artikels aus der Feder von Christiane Hoffmann: die Forderung nach einem Burkaverbot sei falsch, denn Befreiung müsse von innen kommen. Im Text heißt es dann, man könne mit einem Burkaverbot weder den islamistischen Fundamentalismus bekämpfen noch die muslimische Frau befreien. Aber das hat sich ja auch niemand vorgenommen, und darum geht es auch gar nicht. Vielmehr geht es um uns in der Bundesrepublik, um unsere freie, demokratische, gleichberechtigte Gesellschaft und ihre Werte. Die mögen von innen kommen, ja, aber die außen installierten Gesetze und Institutionen garantieren allein, dass wir so leben können wie wir leben.

In der Wochenschrift „Die Zeit“ schreibt Elisabeth Raether, in Deutschland genössen Frauen jedes Recht – auch sich anzuziehen wie sie wollen. Aber gar nichts anziehen, nackt herumlaufen, was doch das Gegenteil des Lebens im Körperzelt ist, das darf man nicht. Oder? Und noch einmal in der „Zeit“ freut sich Dagmar Rosenfeld, die Ehefrau von FDP-Chef Christian Lindner, über den Aufzug der ägyptischen Beachvolleyballerinnen in Rio und behauptet: in ihren langärmligen Shirts, Leggins und mit der Kopfbedeckung hätte ihr Bedecktsein etwas Befreiendes gehabt. Was für ein zeitgeistiger Unsinn. Schon beim Lesen dieser Zeilen und beim Blick auf das beigefügte Foto einer dieser bedauernswerten textil eingesperrten Sportlerinnen bricht einem doch der Schweiß aus.

Der deutsche Staat muss sich das nicht gefallen lassen

Hinter so viel Tollheit steckt falsch verstandene Toleranz und ad absurdum geführter Liberalismus. Und natürlich beeinträchtigt diese Haltung das öffentliche Leben hierzulande. So etwa, wie wiederum der „Spiegel“ in dieser Woche berichtet, wenn totalverhüllte Frauen vor der Bundespolizei am Flughafen oder vor Gericht ihr Gesicht nicht zeigen wollen. Eine weibliche Amtsperson stellt dann in einem Nebenzimmer fest, um wen es sich handelt, bevor die angeblich oder wirklich gläubige Muslima geruht, vor den Polizisten oder Richtern wieder zu erscheinen. Muss sich der deutsche Staat das gefallen lassen? Muss er sich beugen? Muss er einer Forderung entsprechen, die nicht unbedingt etwas mit Religion, aber viel mit Politik und Provokation zu tun hat?

Und warum behaupten alle Gegner des sogenannten Burka-Verbots, sie wüssten schon, dass das Bundesverfassungsgericht es nicht zulassen würde? Der Europäische Gerichtshof hat doch die französische Entscheidung abgenickt. Nicht, dass damit alle Probleme beseitigt wären. Doch es wäre ein Fingerzeig für alle Provokateure und Parallelweltenthusiasten auf den guten Geist, der in unserer Republik herrscht. Mir ist es ganz unverständlich, dass Frauen, Journalistinnen zumal, nicht einmal bei uns gegen die Zwangsveranstaltung namens Totalverhüllung angehen. Das ist nicht tolerant, das ist gedanken- und fantasielos. Und warum überlassen die Liberalen das Thema den Rechten und Radikalinskis? Haben sie die Freiheit nicht mehr auf ihre Fahnen geschrieben? Warum lehnt die SPD sogar den ja nur halbherzigen Verbotsplan der Unionsinnenminister ab? Er nimmt sich doch nur das Mindeste vor, das es zu tun gilt, und selbst davon kann man sagen: eine Unterwerfung ist es auch.