Sibylle-Krause-Burger-Kolumne Vom großen Schmerz, einen Nazi-Vater zu haben

Der Schauspieler Götz George (rechts)  spielt seinen Vater Heinrich. Foto: dpa
Der Schauspieler Götz George (rechts) spielt seinen Vater Heinrich. Foto: dpa

Wie fühlt es sich an, wenn der eigene Vater ein Nazi war? Götz George, Herta Däubler-Gmelin und Albert Speer jr. gehen mit dieser Konstellation in ihrer Familie ganz verschieden um. Eine Kolumne von Sibylle Krause-Burger.

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Stuttgart - Ich habe Glück gehabt. Unverdient. Meine Eltern verwöhnten uns Kinder, sie ließen uns alle nur denkbaren Freiheiten. Und sie waren keine Nazis. Außer dem üblichen Pubertätskram gab es nicht das Geringste, weshalb wir sie grundsätzlich hätten in Frage stellen oder ablehnen sollen. Wir waren einig mit ihnen und im Reinen mit unserer Herkunft.

Viele in unserer Generation hatten es entschieden schwerer. Ihre Eltern hatten sich in den Fallstricken des nationalsozialistischen Staates verheddert, sie hatten Adolf, dem Jahrtausendverbrecher, zugejubelt und begeistert mitgemacht. Sie waren aus Verblendung, aus Überzeugung oder beruflicher Verlockung zu Stützen eines mörderischen Staates geworden. Bis in die sechziger Jahre hinein war das nicht von allzu großem Interesse in Deutschland. Aber nach dem Ausschwitz–Prozess von 1963 und während der Studentenrevolte in den Jahren danach begannen die Jungen vermehrt zurückzuschauen auf die politische Vergangenheit ihrer Vorfahren. Sie stellten Fragen und bekamen entweder keine oder manch unerfreuliche Antworten. Das war für viele junge Leute schwer zu ertragen. Ja mehr, es war und ist bis heute ein bedrückendes Schicksal, Abkömmling eines Nazi-Vaters und einer Nazi-Mutter zu sein, in einer Zeit, die sich vollkommen gewendet hat. Manche sind ein Leben lang nicht fertig geworden damit.

Heinrich George war nicht nur ein Mitläufer

Auch Götz George hat das nicht geschafft, der viel geliebte Schauspieler, der in dieser Woche im Fernsehen das Leben seines Vaters Heinrich nachspielt, des berühmten Darstellers in den Propagandafilmen des Josef Goebbels. Für Götz war der Vater kein überzeugter Nazi. Er wollte doch nur spielen, der begnadete Künstler. Hat er nicht sogar jüdischen Kollegen geholfen? Auch sei er nicht in der Partei gewesen, sagt der Sohn über ihn in einem Interview: „Er wurde von der Staatsführung eingeteilt, gewisse Dinge zu tun, ein Theater zu führen, Schauspieler zu sein.“

„Von der Staatsführung eingeteilt, gewisse Dinge zu tun“ – ein schrecklicher Halbsatz, der entlasten soll und das Gegenteil bewirkt, auch wenn er präzise sagt, welche vergleichbare Harmlosigkeit damit gemeint war. Götz George gehört eben zu jener Kategorie der Kinder von Nazi-Unterstützern, denen die Kraft fehlt, ihre Eltern als das zu sehen, was sie waren – nicht Mitläufer, sondern Mittäter. Das mag daran liegen, dass es sehr gute, liebevolle Eltern waren. Würde man sich distanzieren, so müsste man auch zur eigenen Kindheit, ja in gewisser Weise sogar zu sich selbst auf Abstand gehen, um sich am Ende neu zu finden. Das hieße, erwachsen zu werden, unabhängig und souverän zu urteilen. Es hieße auf alle Fälle, die Wahrheit und die Ambivalenz solcher Familienkonstellationen mutig zu ertragen, sie zu leben und zu überwinden.

Damit ist Götz George nicht sehr weit gekommen, und vielleicht musste er in seiner Rolle als Schimanski vor allem deshalb so machohaft auf den Putz hauen, weil er vor dem überlebensgroßen Bild des Vaters so offenkundig schwach geblieben ist.

Die stärkeren Nazi-Söhne und Nazi-Töchter beschönigten und entschuldigten nichts. Sie schafften das Problem auf entgegengesetzte Weise, aber nicht minder unreif aus der Welt. Sie schlugen sich auf die andere Seite, warfen den Eltern ihre Vergangenheit vor, sagten sich von ihnen los und verschmolzen 1968 ihre pubertäre mit der politischen Wut der Zeit. Dabei gebaren sie ihren eigenen Radikalismus mit der irren Idee von der faschistischen Bundesrepublik, die es zu bekämpfen galt, bis hin zu den Auswüchsen des RAF-Terrors.

Albert Speer ist aus dem Schatten des Vaters herausgetreten

Gemäßigte aus der Kohorte der Nazi-Kinder, wie Herta Däubler-Gmelin – der Vater, Hans Gmelin, war in die Judendeportationen in der Slowakei verstrickt – , strebten in die Politik, gelangten in den Bundestag, wurden gar Minister und behielten doch etwas an sich von jener Unbedingtheit, mit der sie sich von nun an bis in alle Ewigkeit von ihrem kontaminierten Elternhaus unterscheiden wollten. Herta Däubler-Gmelins Abschied aus der großen Politik ist typisch dafür. Sie geriet ins Abseits, als sie beschuldigt wurde, in einer Wahlkampfrede die Außenpolitik des George W. Bush mit der von „Adolf Nazi“ verglichen zu haben. Während sich der Vater als Tübinger OB erstaunlich gut von seiner Vergangenheit erholte – manche Leute sind eben hochbegabte Verdränger – schien die Tochter trotz großer Karriere bis in die Gegenwart verfolgt von seinen Schatten. Als Bundesjustizministerin hat sie ihn überholt. Aber letzten Endes ist sie doch an der Aversion gegen seine Jugendsünden gescheitert.

Vielleicht muss man so intelligent und so begabt wie Albert Speer junior sein, um Sohn zu bleiben und mit der Vergangenheit des Vaters, unter der er sehr gelitten hat, trotz allem am Ende schmerzlos zu leben. Der junge Speer hat den Namen des alten Speer behalten, obwohl er sich von ihm und seinen Taten distanziert. Er ist Architekt geworden, wie Vater und Großvater. Aber er baut nicht nur Häuser, er baut Städte, und dies in der ganzen Welt. Er hat den Alten hinter sich gelassen und dem Namen Albert Speer seinen eigenen, unverwechselbaren Glanz gegeben. Der nette Götz George blinkt nur als mattes Lichtlein daneben.




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