Sibylle-Krause-Burger-Kolumne Vom Sünder zum Vorbild in Europa?

Geflüchtete halten ein Schild mit der Aufschrift „EU, save us, please“ (EU, rette uns bitte) in der Nähe der Stadt Mytilene auf der nordöstlichen Seite der Insel Lesbos hoch. Foto:  

Wie sollte eine Flüchtlingsfülle bewältigt werden, wenn all die Rufe nach einer Aufnahme erhört werden? Der deutschen Politik bekommt es nicht, sich immer wieder als Weltmeister der Moral zu gebärden, meint unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.

Stuttgart - Es war ein Wunder: Als die Bürger im anderen Deutschland zu Hunderttausenden auf die Straße gingen, um das Gefängnis mit Namen DDR endlich verlassen zu dürfen, da hielt der liebe Herr Gorbatschow seine Panzer in den Kasernen zurück. Er gab einen Vasallenstaat frei und erlaubte dessen Armee sogar, vom Warschauer Pakt in die Nato überzuwechseln. Madame Thatcher und Monsieur Mitterand überwanden ihre Furcht vor einem wiedererstehenden Großdeutschland.

 

Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher fügten sich den Währungswünschen der Westeuropäer, um das möglich zu machen. Sie opferten die heilige Deutsche Mark. So viel Selbstaufgabe, Verzicht und politische Bescheidenheit war noch nie.

Wir zeigen schon selbst mit dem Finger auf uns

Der Bundesrepublik hat das nicht geschadet. Im Gegenteil. Dass sich ihre führenden Politiker im internationalen Konzert gegen jeglichen Größenwahn gefeit zeigten, dass sie in der Außenpolitik bisweilen sogar die Demut zu ihrem Markenzeichen machten, förderte ihr Ansehen in der Welt. Zu schwer wogen die Verbrechen der Vergangenheit. Bis heute kann deutsche Politik nur im Bewusstsein der historisch einzigartigen Untaten der Nazis gedacht und gemacht werden. Daran haben alle Regierungen bisher festgehalten, weshalb es unseren Neidern und Konkurrenten nicht leichtfällt, mit Fingern auf uns zu zeigen. Das tun wir schon selbst.

Allerdings geraten wir nun gerade durch unser ausgeprägtes und eben auch heiß geliebtes Sündenbewusstsein, um nicht zu sagen: durch unseren Sündenstolz, in die Gefahr einer neuen Überheblichkeit. Weil wir das Böse so gut kennen, weil es im Namen Deutschlands so einzigartig grauenvoll exekutiert worden ist, wissen wir natürlich auch am besten, wie man den Absturz in die Barbarei verhindern kann. Keine andere Nation hat diese Erfahrung, keine weiß aus leidvoller Erfahrung so genau, was gut ist. Und schon sind wir wieder auf einem Sonderweg. So gesehen macht es keinen Unterschied, ob wir den absoluten Anspruch auf Weltherrschaft oder den auf Weltverbesserung erheben. Am deutschen Wesen muss nun einmal die Welt genesen.

Den deutschen Alleingang mit großer Skepsis verfolgt

Also lassen wir im Krisenjahr 2015 fast anderthalb Millionen Flüchtlinge ins Land – unbesehen, unkontrolliert und ohne die Aktion mit den anderen Europäern abzustimmen. Natürlich sind wir es auch, die den Armseligen aus Moria helfen. Auf Biegen und Brechen haben wir gut zu sein, wenn es sein muss sogar auf Kosten anderer, der Griechen etwa, die gar nicht begeistert sind, weil sie absehen, dass je mehr Menschen wir aufnehmen, desto mehr sich bei ihnen neu einfinden. Auch in Brüssel, berichten EU-Abgeordnete, reagiere man auf den erneuten deutschen Alleingang mit hochgezogener Augenbraue.

Aber das ist den Humanitätseiferern in Kirchen, Parteien und anderen Organisationen, die hier Druck auf die Bundesregierung ausüben, völlig schnuppe. Sie haben sich auf die gute Tat spezialisiert, haben sie zu ihrem Markenzeichen gemacht. Das ist ihr Geschäft. Nicht nur bei Pro Asyl, auch bei den Grünen gehört diese Haltung zur politischen DNA. Folgerichtig verlangt ein Antrag der Bundestagsfraktion, unverzüglich alle „Geflüchteten“ von Lesbos sowie „perspektivisch“ auch die „Geflüchteten von den anderen griechischen Inseln“ in Europa zu verteilen. Dabei falle der Bundesregierung unter Berücksichtigung der besonderen Verantwortung während ihrer Ratspräsidentschaft die Hauptrolle zu. Sie solle vorangehen, solle „Vorbild“ sein.

Was im Klartext bedeutet, Deutschland solle die Fahne der Humanität vorantragen und gleichzeitig Retter sein, da die anderen Europäer bekanntlich nicht mitziehen.

Die Deutschen gebärden sich als die „moralische Leitnation Europas“

Wir waren die Schlechtesten, doch jetzt gebärden wir uns als die Besten, als die „moralische Leitnation Europas“, wie der Historiker Heinrich August Winkler kritisch anmerkt. Auch Horst Seehofer schaut seufzend auf die „Deutschen als Moralweltmeister“. Denn bei ihm als Innenminister branden die Forderungen der Dauerentrüsteten ja an. „Seehofer sei ein Christ“ halten sie ihm auf Plakaten entgegen. Die nun beschlossene Quote von gut 1500 Moria-Flüchtlingen, die aufzunehmen Deutschland sich hat hinreißen lassen, erscheint ihnen nicht ausreichend menschenfreundlich. Aber welche Zahl könnte denn genügen? Würde sich das Fordern nicht ewig weiter steigern? Und wie sollte eine zu erwartende Flüchtlingsfülle bewältigt werden – politisch, ökonomisch, in Fragen der Arbeit, der Wohnungen, der Bildung, der Integration, der Religionen, des gesellschaftlichen Friedens?

Selbstüberhebung durch Selbstkasteiung?

Merkwürdig auch, dass nur unser Herr Seehofer sein Christentum unter Beweis stellen soll? Was ist denn mit dem tiefkatholischen Polen? Sind die nicht die viel frömmeren Christen? Bedrängt dort niemand die Regierung, sich endlich zu etwas mehr Menschlichkeit und zur Aufnahme von Flüchtlingen durchzuringen? Bleibt das eine zutiefst protestantisch bewegte Angelegenheit? Selbstüberhebung durch Selbstkasteiung? Danach sieht es aus. Den einzelnen Aktivisten mag das gute Gefühle bescheren. Der deutschen Politik bekommt es gar nicht.

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