Sicher in die Ferien Ein Hoch auf die Pauschalreise

Wer sich im Urlaub schlecht benimmt, kann auch ein selbst organisierter ­Reisender sein, so wie Gerhard Polt im Film „Man spricht deutsh“ von 1988. Foto: imago/United Archives/kpa

Die als bieder verschriene Urlaubsform verspricht Ferienglück mit Netz und doppeltem Boden.

Leben: Susanne Hamann (sur)

Der Pauschalurlauber genießt nicht den besten Ruf. Im schlimmsten Fall erscheinen vor dem geistigen Auge Nervensägen wie aus den Filmkomödien „Club Las Piranjas“ oder „Man spricht deutsh“. Landsleute, die sich im Ausland formidabel danebenbenehmen. Beckenrandschwimmer, Liegenbesetzer und Büfettstürmer. Spießer, mit denen man noch nicht einmal kurz im selben Transferbus sitzen möchte.

 

Die erste Pauschalreise war eine Zugfahrt mit Schinkenbrot und Blasmusik

Alles Klischees, die aus den Anfängen dieser Reiseform in manchen Köpfen hängen geblieben sind. „Der organisierte Urlaub bedeutet nicht zwingend: Ich fliege irgendwohin, liege nur am Strand und fliege dann wieder zurück. Das kann alles Mögliche sein – Studienreise, Wanderreise, Fahrradreise, Kreuzfahrt, Rundreise mit wechselnden Quartieren, Fernreise mit Abenteuergehalt“, sagt Tourismusforscher Torsten Kirstges von der Jade-Hochschule in Wilhelmshaven.

Der Begriff Pauschale ist vom Wort Bausch abgeleitet, das bedeutet Polster oder Wulst. Im übertragenen Sinne gemeint ist ein Geldbetrag, der sich aus mehreren Posten zusammensetzt. Bei einer Pauschalreise kommen mindestens zwei Leistungen aus einer Hand, zum Beispiel Transport und Unterkunft. Weitere Komponenten wie Mahlzeiten kann man dazu buchen.

Als Erfinder der Pauschalreise gilt Thomas Cook. 1841 organisiert der baptistische Laienprediger und gelernte Schreiner eine Zugfahrt für rund 500 Leute. Es geht zwar nur von Leicester nach Loughborough, eine kurze Strecke von gerade mal 16 Kilometern, aber inklusive alkoholfreier Getränke, Schinkenbrot und Blasmusik. Die Tour, bei der zum ersten Mal touristische Leistungen zu einem Bündel zusammengeschnürt sind, wird ein voller Erfolg. Cook erweitert seinen Wirkungskreis: Erst schickt er seine Kunden nach Liverpool, dann steuert er „exotische“ Gegenden an wie Schottland oder London, später reisen Cook-Kunden bis nach Ägypten. Zum ersten Mal gehen einfache Arbeiter und nicht nur reiche Adlige auf große Fahrt.

Vor allem junge Menschen wollen so flexibel wie möglich sein

Veranstalter haben so zur Demokratisierung des Reisens beigetragen und Ferien für alle erschwinglich gemacht. Die Eisenbahngesellschaften und Hotels gewähren Cook einen Preisnachlass, weil er die Züge und Zimmer auslastet. Ein Win-win-Prinzip, das noch heute gilt.

Schon zu Cooks Zeiten gab es erste Kritik. Charles James Lever, ein irischer Romancier und für das britische Empire Konsul im österreichisch-ungarischen Triest, bemerkte im in Edinburgh erscheinenden „Blackwood’s Magazine“, dass Cook „sich schuldig gemacht habe, Europa mit allem, was unhöflich, vulgär und lächerlich ist, zu überschwemmen“. Doch seit dem ollen Cook ist viel Zeit vergangen und man sieht niemandem mehr an, wie und wo er gebucht hat. „Die Veranstalter haben die Pauschalreise modernisiert und individualisiert, sodass das nicht mehr wie eine Gruppenreise im letzten Jahrhundert ist“, sagt Tourismusexperte Martin Lohmann aus Kiel. Man hat sich den Wünschen der Kundschaft angepasst: Vor allem junge Menschen wollen so flexibel wie möglich sein. Moderne Reisende betrachten die Unterkunft als Ausgangspunkt, um vor Ort auf Erkundungen zu gehen. Sie suchen auf Tiktok nach Restaurantempfehlungen. Feste Essenszeiten, womöglich noch mit Büfett, sind ihnen ein Graus.

„Busreisen von Bochum über Nacht nach Barcelona lassen sich heute für den Urlaub kaum mehr verkaufen. Dafür gibt es jetzt Trekking in den Anden – komplett organisiert inklusive Esel, der vor Ort bereitsteht. Die Bandbreite der Pauschalangebote ist riesig“, sagt Martin Lohmann. Heute können sich Urlauber ihre persönliche Pauschalreise im Reisebüro ihres Vertrauens komplett flexibel zusammenstellen lassen.

„Der allgemeine Trend zur Individualisierung hat vor dem Tourismus nicht haltgemacht“, sagt Torsten Kirstges. Motto: maßgeschneidert statt von der Stange. Und nein, man bekommt nach der Unterschrift auf der Buchungsbestätigung nicht automatisch ein paar weiße Tennissocken zugeschickt mit der Anweisung, diese bitte nur in Sandalen zu tragen.

Der Sicherungsschein hilft im Falle einer Insolvenz

Stattdessen gibt es den begehrten Sicherungsschein. Die EU-Pauschalreiserichtlinie verpflichtet Reiseveranstalter, für den Fall ihrer Insolvenz die von den Reisenden erhaltenen Vorauszahlungen und den vertraglich zugesagten Rücktransport der Reisenden abzusichern. „Die Absicherung der Kundengelder ist eine wirklich gute Sache, die wir der EU zu verdanken haben, auf die sonst alle schimpfen“, sagt Torsten Kirstges. Sollte das Unternehmen in die Zahlungsunfähigkeit rutschen – der aktuelle Fall des insolventen Münchner Veranstalters FTI lässt grüßen –, gibt’s das angezahlte Geld zurück. Zumindest in ein paar Monaten.

„Wenn ich etwas im Voraus buche, habe ich immer die Gefahr, dass etwas nicht wie gewünscht und versprochen erbracht wird. Im schlimmsten Fall muss ich mich nach ausländischem Recht mit dem Leistungsträger herumschlagen. Bei einer Pauschalreise hingegen wird alles nach deutschem Recht geregelt und ich habe einen hiesigen Ansprechpartner. Das ist doch sehr sexy“, sagt Torsten Kirstges.

Flug storniert? Klimaanlage im Hotelzimmer defekt? Frühstücksbüfett nicht lecker? Individualreisende müssen sich um solche Imponderabilien selbst kümmern. Der Pauschaltourist hingegen beschäftigt die Reiseleitung vor Ort. Zugegeben, die Vertreter des Veranstalters im Zielgebiet sind nicht immer sofort greifbar, aber wenigstens winkt eine Rückerstattung nach den in der Frankfurter Tabelle festgelegten Regeln.

Wegen dieser Vorzüge erfreut sich der Pauschalurlaub allen Unkenrufen zum Trotz steigender Beliebtheit. Den Zahlen des Instituts für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa zufolge waren 48 Prozent der Urlaubsreisen im Jahr 2023 ab einer Dauer von fünf Tagen eine Pauschal- oder Bausteinreise. 2022 buchten 43,3 Prozent pauschal.

Je nach Reiseziel variiert der Anteil derjenigen, die pauschal buchen. Beim Urlaub an der Nordsee oder in den Bayerischen Alpen sind Veranstalter oder Reisebüro eher nicht gefragt. Urlaub am Mittelmeer beispielsweise ist hingegen nirgends so günstig wie bei einem Veranstalter. „Daher machen gerade jüngere Leute oft Pauschalreisen“, sagt Martin Lohmann.

Pauschalreisen müssen nicht teurer sein

Apropos Preis: Ein Touristikkonzern kauft Leistungen ein und kombiniert sie. Weil er diese Arbeit auch bezahlt haben will, schlägt er am Ende was drauf. Als Faustregel gilt: 25 Prozent vom Reisepreis gehen an den Veranstalter. Wer das sparen und direkt buchen möchte, stellt oft fest: So schlecht ist der Reisepreis gar nicht. „Denn der Veranstalter hat auf der anderen Seite Mengenvorteile und bekommt von den Airlines und Hotels entsprechende Preise. Der Aufschlag relativiert sich damit wieder“, sagt Torsten Kirstges. Außerdem müsse man den enthaltenen Service bedenken und zum Beispiel die Taxikosten vom Flughafen zum Hotel und zurück mit einrechnen.

Was kann noch besser werden? Vielleicht sollte man mal ein neues Wort erfinden. Nichts mit Bausch oder Pausch, was irgendwie nach Bierbauch und Omas Mottenkiste klingt. Wie wäre es mit: Sorglos-Ferien?

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