Verpackungen tragen nicht nur zum Müllproblem bei: Immer wieder gelangen über sie Schadstoffe ins Essen. Das zeigt nun ein Test der Stiftung Warentest: Sie fand in eingelegten Tomaten gesundheitsgefährdende Weichmacher. Sie erklären, warum Schadstoffe im Essen immer noch ein Problem sind.

Berlin/Stuttgart - Paprika in Plastik, Tiefkühlfisch im Karton, Oliven im Glas – es gibt kaum ein Lebensmittel im Supermarkt, dass nicht schon verpackt ist, allein um die Ware zu schützen und länger frisch zu halten. Doch in letzter Zeit zeigt sich immer öfter: Auch die Verpackung kann dem Lebensmittel schaden. Migration nennen es Experten, wenn schädliche Bestandteile der Verpackung wie Farbpartikel, Mineralöle oder Weichmacher in Käse oder in Babybrei übergehen. Schlagzeilen machte diese chemische Form der Einwanderung in den vergangenen Jahren meist zur Weihnachtszeit, weil in Adventskalendern regelmäßig Spuren von Mineralöl nachgewiesen werden.

 

In in Öl eingelegten Tomaten sind Weichmacher gefunden worden

Aktuell hat die Stiftung Warentest in Antipasti Weichmacher und Mineralölkohlenwasserstoffe entdeckt. Die Verbraucherschützer hatten 17 Gläser mit getrockneten in Öl eingelegten Tomaten verschiedener Hersteller untersucht und in acht Produkten diese Verunreinigungen und weitere unerwünschte Stoffe gefunden. Zwei sind beim Test mit der Note „mangelhaft“ durchgefallen: Die Mini-Perinotomaten von Feinkost Dittmann und die Tomaten in Öl des türkischen Herstellers Sera.

Wie die Schadstoffe in die Tomaten und in das Öl gekommen sind, können die Warentester zwar nicht mit Sicherheit sagen, aber: „Die Analyse deutet darauf hin, dass zumindest die Weichmacher aus den Dichtungen der Deckel kommen“, sagt Anke Kapels von der Zeitschrift „test“. Es sind aber auch andere Eintragswege möglich – etwa über Plastikschläuche, durch die das Öl während des Herstellungsprozesses fließt.

Manche der Stoffe können Krebserkrankungen begünstigen

Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bergen Mineralöle ein gewisses gesundheitliches Problem: So wurde in Tierversuchen nachgewiesen, dass Mineralölgemische im Körper gespeichert werden und zu Schäden in Leber und Lymphknoten bis hin zu Krebs führen können. Bislang gibt es aber keine einheitlichen Grenzwerte für diese Stoffe. Auch Phthalate, eine Gruppe von Weichmachern, schädigen die Leber, beeinflussen das Hormonsystem und die Fruchtbarkeit. Für die verschiedenen Phthalate gibt es unterschiedliche Grenzwerte, teilweise sind sie verboten, zum Beispiel in Kinderspielzeug und Babyartikeln.

Besonders fett-, salz- und säurehaltige Lebensmittel lösen Stoffe aus den Verpackungen

Grundsätzlich unterliegen Materialien, die dazu bestimmt sind, mit Lebensmitteln in Kontakt zu kommen, einer strengen gesetzlichen Regelung, heißt es beim BfR. Sie sollten so beschaffen sein, dass aus ihnen nach Möglichkeit keine Stoffe auf die Nahrungsmittel übergehen. Kommt dies dennoch vor, so dürfen laut Artikel 3 der EU-Verordnung 1935/2004 nur so geringe Mengen auf das Lebensmittel übergehen, dass sie nicht die menschliche Gesundheit gefährden. Doch gerade Produkte, die sehr fett-, salz- oder säurehaltig sind, lösen Substanzen aus den Verpackungen. So fanden die Warentester in den Jahren 2015, 2016 und zuletzt im Januar in Olivenöl Weichmachergehalte – ebenso bei folienverpacktem Käse und in Würzsoßen.

Das Chemische und Veterinärsuntersuchungsamt Stuttgart (CVUA) geht zudem davon aus, dass auch die Art der Lagerung eine Rolle spielt, ob und wie schnell die Schadstoffe auf das Lebensmittel übergehen: je höher die Umgebungstemperatur, umso mehr erhöht sich die auch die Wandergeschwindigkeit der Schadstoffe.

Stark verunreinigte Nahrungsmittel sind bislang noch nicht gefunden worden

Experten können beruhigen: Dass ein Nahrungsmittel so verunreinigt ist, dass es die Gesundheit der Verbraucher akut gefährdet, ist nicht zu fürchten. Auch die Stiftung Warentest gibt Entwarnung: „Die einzelnen Mengen an Schadstoffen, die in den Produkten gefunden worden sind, sind nicht in einem gesundheitsschädlichen Bereich“, sagt Anke Kapels. „Aber in der Summe sind die Werte nicht harmlos.“ Zumal jeder Schadstoffe auch aus anderen Quellen aufnimmt – etwa von anderen Verpackungen. „Es fehlt aber teils noch an Studien, um die Gesundheitsgefahr besser einschätzen zu können.“

Dass sich das Problem der chemischen Migration einfach lösen lässt, daran glauben Verbraucherschützer nicht. Es gibt zwar Höchstgrenzen, doch es mangelt an der Bereitschaft der Hersteller, den Übergang chemisch bedenklicher Stoffe in Nahrungsmittel zu bremsen. „Bestimmte Schadstoffe können in Verpackungen nicht ganz vermieden werden“, sagt Anke Kapels.

Schraubgläser, deren deckel einen blauen Dichtungsring aufweisen, sind sicher

Aber es ist möglich, sie zu minimieren. Das zeigen schon die Produkte beim Antipasti-Test, die die Stiftung Warentest mit gut bewertet haben: die eingelegten Tomaten von Bio-Zentrale und der Drogeriemarktkette dm. Das Produkt Cucina von Aldi Süd und die Tomaten von Rewe Beste Wahl waren auch frei von Weichmachern. „Vor allem die Produkte, die in Gläser abgefüllt waren, deren Schraubverschluss einen blauen Dichtungsring aufweisen, bestanden durchgehend unsere Tests“, sagt Kapels. Dieser wird ohne Weichmacher hergestellt.

Bei anderen Produkten bleibt es für Verbraucher schwer, die Gefahrenquellen von chemischer Migration zu reduzieren. Experten raten daher, Obst, Gemüse, Fleisch und Käse möglichst unverpackt einzukaufen, denn je weniger Verpackung das Lebensmittel umgibt, umso geringer ist auch das Risiko einer chemischen Migration.