Fußballfans in Deutschland – wie hier die des VfB Stuttgart – fordern eine Versachlichung der Debatte und eine unabhängige Kontrollinstanz für Polizeieinsätze. Foto: IMAGO/Eibner
Die Stadionsicherheit ist ein Dauerthema. Die Politik fordert schärfere Maßnahmen, Fans mehr Transparenz und Sachargumente. Die Fronten verhärten sich – mal wieder. Ein Überblick.
Vorfälle in und rund um deutsche Fußballstadien häufen sich. Auch in Stuttgart. So flogen beim Spiel gegen Borussia Dortmund in einem kurzen Ausbruch von überraschender Vehemenz sogar Klappstühle aufs Feld. Vorausgegangen war ein provozierender Torjubel der Dortmunder Spieler, direkt vor der Cannstatter Kurve. Zwar darf man diesen Vorfall bei Weitem nicht mit der blinden Gewalt gleichsetzen, wie es sie am Samstag in Dresden oder vor einigen Wochen in Magdeburg gab.
Und auch nicht mit denen in Berlin, Wolfsburg oder Dortmund, wo es zuletzt zu vielfach dokumentierten Fällen mutmaßlicher Grenzüberschreitungen seitens der Polizei und Dutzenden teils schwer Verletzten kam, wie es unter anderem von den Fanhilfen der Herthaner und Bremer dokumentiert und angeprangert wurde. Aber festzuhalten bleibt: Die Zündschnüre scheinen aktuell recht kurz zu sein.
Bündnis der deutschen Fanszenen vermutet systematisches Vorgehen
Vor diesem Hintergrund haben sich die deutschen Fanszenen voriges Wochenende in Berlin getroffen, um sich zu beraten. „Aktuell vergeht kaum ein Wochenende ohne Vorfälle“, ließ sich im Nachgang Danny Graupner zitieren, ein Sprecher des Bündnisses. Das Bündnis sprach in einem Statement zudem von „alarmierender Entwicklung“ sowie von „unverhältnismäßiger Polizeigewalt“. Graupner vermutet ein systematisches Vorgehen, das aus seiner Sicht eine „Strategie der Hardliner aus Innen- und Polizeibehörden ist“.
Möglichst schockierende Bilder und rund um die Spiele in den deutschen Ligen „sollen das Narrativ unterfüttern, dass die Stadien nicht sicher seien“, sagte er der Sportschau. Zwar belegen die Zahlen der offiziellen Polizeistatistik (ZIS-Bericht der Saison 24/25) das Gegenteil. Doch seit die aktiven Fußballfans deswegen vor der letzten Innenministerkonferenz (IMK) auf die Straße gingen, geplante Maßnahmen seitens der Politik im Nachgang nicht beschlossen wurden und sich die Anhänger als Sieger der Debatte fühlen durften, haben sich die Dinge geändert.
Im Stuttgarter Stadion kam es am Wochenende zu unschönen Szenen Foto: Pressefoto Baumann/Hansjürgen B
Gut zwei Monate vor der nächsten IMK verhärten sich die Fronten deutlich und die Debatte hat sich nicht unbedingt versachlicht. So sprach Jochen Kopelke, der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft GdP, zuletzt von „zunehmender Gewalt in und um die Stadien“ in einer Mitteilung der Gewerkschaft. Er sieht die Verantwortung dafür alleine bei der Anhängerschaft. „Die aktuelle Situation zwischen Ultragruppierungen und Polizei ist alarmierend: Übergriffe auf Einsatzkräfte zeigen eine Zunahme der Eskalation. Gewaltbereite Ultras und Hooligans gefährden nicht nur Polizisten, sondern auch die Mehrheit friedlicher Fans“, wird Kopelke zitiert. Er forderte die Vereine auf, gegen „Krawallmacher aus den eigenen Reihen“ vorzugehen.
Gegenseitige Schuldzuweisungen
Die gegenseitigen Schuldzuweisungen sind die jüngsten Aussagen in der Debatte. Auch die Politik mischt mit. So drohten die Innenminister von Nordrhein-Westfalen und Sachsen, Herbert Reul und Armin Schuster (beide CDU), zuletzt in einem gemeinsamen Interview mit dem „kicker“ wieder einmal unverhohlen damit, die Kosten für die Polizeieinsätze rund um die Spiele auf die Clubs abzuwälzen. Hintergrund: Das Bundesverfassungsgericht hatte erst 2025 entschieden, dass Bundesländer den Profifußball an den Mehrkosten für Polizeieinsätze bei Hochrisikospielen beteiligen dürfen.
Im Kern der aktuellen Debatte geht es nun vor allem um Stadionverbote. Die Richtlinien hierfür sollen neu definiert werden. Der Kern des Vorhabens seitens DFB und DFL: Eine „Fachaufsicht“ beim DFB soll sicherstellen, dass die Kommissionen für Stadionverbote bei den Klubs unter gleichen Rahmenbedingungen arbeiten und die Richtlinien einheitlich anwenden. Also eine übergeordnete Stelle, die gegenüber denen an den Standorten weisungsbefugt ist, sie damit faktisch obsolet macht. Fanbündnisse kritisieren die mögliche Entmachtung der lokalen Kommissionen bereits jetzt. Der VfB Stuttgart sprach sich nach Informationen unserer Redaktion zufolge bei DFB und DFL gegen die neuen Maßgaben aus.
Das Bündnis der aktiven Fanszenen hat gleich einen ganzen Katalog an Forderungen ausgearbeitet. So fordert man, dass die Verschärfung der Stadionverbots-Richtlinien gestoppt werden müsse und mahnt gegenüber der Innenpolitik an, die Debatte zu versachlichen. „Es gibt keine Datengrundlage für den Kurs der Innenministerien […]. Jeglicher Realität entbehrende Zerrbilder, etwa dass jedes Wochenende Spiele wegen Pyrotechnik unterbrochen und Menschen hierdurch verletzt würden, haben einer Versachlichung der Debatte zu weichen“, heißt es etwa in einer Mitteilung. Zudem macht man sich für eine unabhängige Ermittlungsstelle stark, die „nach dänischem Vorbild für die Aufklärung von übermäßiger Polizeigewalt“ eingesetzt werden solle. Zum Schutz der zahlreichen Fans, die Woche für Woche deutsche Fußballstadien besuchen.