Sicherheit von Atommeiler Ministerium beruhigt im Fall Neckarwestheim

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An einem Informationsabend haben EnBW und Behördenvertreter über Schäden im Kernkraftwerk Neckarwestheim und deren Reparatur berichtet – Naturschützer bleiben besorgt

Das Kernkraftwerk Neckarwestheim soll Ende 2022 vom Netz. Foto: dpa/Marijan Murat
Das Kernkraftwerk Neckarwestheim soll Ende 2022 vom Netz. Foto: dpa/Marijan Murat

Neckarwestheim - Drei Jahre und zwei Monate Laufzeit hat der Reaktorblock II des Atomkraftwerks in Neckarwestheim noch, dann wird auch Deutschlands jüngster Atommeiler abgeschaltet. Der Regionalverband Heilbronn-Franken des Bundes für Umwelt und Naturschutz (Bund) hat auf die seiner Ansicht nach unverantwortliche Risiken des Reaktors hingewiesen, die seine Abschaltung erforderlich machen. In der Bevölkerung aber scheint diese Gefahr nicht besonders große Ängste auszulösen, denn eine öffentliche Tagung der Informationskommission des Gesamtkraftwerks Neckarwestheim (GKN) am Donnerstagabend in der Reblandhalle von Neckarwestheim ist nur von knapp zwei Dutzend interessierten Bürgern besucht worden, darunter einigen Kraftwerksmitarbeiter. Sie saßen einem Dutzend Vertretern von Behörden, Ministerien und dem Kraftwerksbetreiber EnBW gegenüber.

Die Schäden sind im Herzstück der Anlage

Das zentrale Problem der 1989 in Betrieb genommenen Anlage sind Schäden, die in den letzten drei Jahren an den Heizrohren der vier Dampferzeugern aufgetaucht sind – einem Herzstück der Atomfabrik. Aber schon die Bezeichnung der Schäden ist strittig: die Naturschützer sprechen von Rissen, das die Aufsicht führende baden-württembergische Umweltministerium sowie der Betreiber sprechen von „rissartigen Wanddickenschwächungen“. Tatsache ist, dass die Anlage 16 400 Heizrohre besitzt, die an der Schnittstelle vom radioaktiven Primärkreislauf des Kraftwerks und dem des konventionellen Sekundärkreislauf liegen. Eine Leckage könnte also gefährlich werden, kontaminiertes Wasser könnte aus dringen. 2017 waren 32 Risse erkannt worden, im Jahr 2018 dann 101 und bei der im August und September dieses Jahres laufenden Revision waren es gar 196 Befunde, wie Christoph Heil, der Geschäftsführer von Neckarwestheim II, berichtete. Allerdings führte Heil das Ergebnis von 2019 auf eine Besonderheit zurück: Man habe nach den Auffälligkeiten von 2018 „große Anstrengungen“ unternommen, um „eine verfeinerte Prüftechnik zu entwickeln“. Bei der Revision von 2019 sei man dann mit dieser „optimierten Prüftechnik“ an die alten Fundstellen gegangen: Mit der neuen Methode – dabei geht es um Sonden, die im Dampferzeuger die Rohre kontrollieren – habe man einige Wandschwächungen entdeckt, die man 2018 gar nicht erkannt habe. Jeder zweite bei der jüngsten Revision entdeckte Riss ist laut EnBW also eigentlich ein Altfall des vergangenen Jahres.

Verunreinigungen bringen die Korrosion

Die Schäden tauchen vor allem in Bodennähe der gut 21 Meter hohen und 500 Tonnen schweren Dampferzeuger auf. Verunreinigung und Materialspannungen sind Schuld daran, auch im Atomkraftwerk Lingen soll es ähnliche Probleme geben. Mit einem Spül- und Reinigungsprogramm versucht der Kraftwerksbetreiber in Zukunft der Wandschwächung vorzubeugen. „Schon jetzt haben wir eine Abnahme der Tiefe und Länge der Wandschwächungen feststellen können“, sagte Heil. „Wir werden 2020 wieder alle Heizrohre überprüfen und schauen, wie sich die Lage entwickelt hat.“

Laut Charlotte Vollmer vom Umweltministerium in Stuttgart stand einer Wiederinbetriebnahme von Neckarwestheim nach der Revision nichts im Wege. „Uns geht es darum, Menschen und Umwelt zu schützen, wir müssen uns aber auch an Recht und Gesetz halten“, sagte sie. Die sogenannte „Befundsicherung“ durch die EnBW sei „korrekt“ gewesen, „und alle Rohre, die verschlossen werden sollten, sind auch wieder verschlossen worden“. Aber auch in Zukunft, so Vollmer, seien wohl „Befunde“ – also das Auftreten von Schäden – nicht auszuschließen: „Es gibt Verunreinigungen, die kaum zu entfernen sind.“ Bei der EnbW wird daraufhin hingewiesen, dass man Störfallszenarien habe und selbst im Falle einer Leckage oder eines Heizrohrabriss das Kraftwerk kontrolliert herunter fahren könne.

Bei Gottfried May-Stürmer, dem Regionalgeschäftsführer des Bund Heilbronn-Franken, sind die Bedenken durch die Vorträge allerdings keineswegs ausgeräumt worden: „Ich sehe es weiterhin als unverantwortlich an, dass man den Reaktor zehn Monate hat laufen lassen, obwohl er 100 unentdeckte Risse hatte. Ich teile auch nicht die optimistische Einschätzung der EnBW, dass man mit Spülungen das Problem der Korrosion beseitigen kann“, sagt er am Ende der Sitzung unserer Zeitung. Das Wort vom „Schrott-Reaktor“, das der Bund Heilbronn-Franken noch auf seiner Webseite hat, wiederholte May-Stürmer in der Sitzung allerdings nicht.