Wodkaflasche, Spezidose, Plastikbecher: Sie haben es sich gemütlich gemacht, die vier Männer am Bahnsteig der Schönbuchbahn. Das Dach schützt vor dem Regen und eine schmale Bank entlastet den Rücken. Der Mann mit der Lederjacke schüttet seinem Kollegen mit dem Piratentuch auf dem Kopf eine gute Ladung Schnaps nach, die Stimmung ist gut. Plötzlich wird das Zecher-Idyll am Bahnsteig der Schönbuchbahn gestört. Eine Gruppe Uniformierter gesellt sich zu dem fröhlichen Quartett: Personenkontrolle.
Die Bahnhofsbesucher nehmen den Aufmarsch gelassen. Ein Schwätzle mit den Sicherheitskräften und immer wieder ein Schluck Nachschub für den Becher überbrücken die Zeit, in der eine Polizeibeamtin die Ausweise kontrolliert. Einige Minuten später ist klar: alles in Ordnung mit den Wodka-Freunden. „Einen schönen Tag noch“, wünscht einer der Polizisten, nicht ohne dass er die Männer darauf aufmerksam macht, „nach dem Konsum“ den Platz doch bitte müllfrei zu hinterlassen. Die Mission für Sicherheit und Ordnung im öffentlichen Raum ist beendet.
Es vergeht kein Tag, an dem die Polizei hier nicht vor Ort ist
Es ist „Fahndungs- und Sicherheitstag“ im Land. Auch in Böblingen sind daher am Freitag die Sicherheitskräfte zum Sondereinsatz unterwegs: Mit einem Info-Pavillon vor dem Bahnhof, berittener Polizei auf dem Flugfeld und Kontrollen mit dem Schwerpunkt rund um den Bahnhof.
Für Dierk Marckwardt, Leiter des Polizeireviers Böblingen, und seine Leute ist dieser Bereich Alltag. Ladendiebstahl, Bettler, Betrunkene und die eine oder andere Rauferei: Es vergeht kein Tag, an dem die Polizeibeamte hier nicht vor Ort sind. Marckwardt nennt das Bahnhofsareal einen „Hotspot“. Hier ist was los, hier trifft man sich, hier gibt es kostenloses W-Lan und hier ist ein Verkehrsknotenpunkt, an dem viele Menschen tagtäglich unterwegs sind.
Ein wirklich gefährliches Pflaster ist der Bahnhof nicht
Auch wenn es viele Passanten anders wahrnehmen: Ein wirklich gefährliches Pflaster ist dieser Ort aus der Perspektive des Revierleiters nicht. „Ein Bahnhof wie jeder andere“, befindet Dierk Marckwardt. Harte Verbrechen wie Raub und schwere Körperverletzung seinen hier sehr selten, sagt er. Gewachsen sei hingegen die Erwartung der Bürger, dass die Polizei ausrückt, auch wenn keine Delikte vorliegen: „Eine Schubserei erfordert nicht immer gleich die Polizei“, sagt Marckwardt. Die Leute würden Dinge häufig dramatischer sehen, als sie wirklich seien.
Dennoch zählt das Areal rund um die Bahnhofstraße und das Flugfeld zu den Haupteinsatzgebieten der Böblinger Ordnungshüter. Die sind zwar nur zu Acht je Schicht und für sieben weitere Kommunen von Steinenbronn bis Hildrizhausen zuständig. Dass die Polizisten aber jederzeit einsatzbereit sind und auch Verstärkung erhalten, wenn notwendig, das soll dieser „Fahndungs- und Sicherheitstag“ deutlich machen: 20 Einsatzkräfte sind in der Böblinger Innenstadt unterwegs – in Uniform und in Zivil schwärmen sie an diesem Tag aus, um ein besonderes Augenmerk auf die Szene zu haben. Präsenz im öffentlichen Raum zeigen ist angesagt und dem Ganoventum klar machen, dass es nicht geduldet wird.
Die Pferdestaffel schaut auf dem Flugfeld nach dem Rechten
Auch auf dem Flugfeld: Dort ist Roman Kayers Einsatzort rund 1,80 Meter über dem Böblinger Boden. Zusammen mit drei Kolleginnen ist er auf dem Rücken von vier braunen Wallachen auf Streife. Haupteinsatzgebiete der Pferdestaffel sind Demos oder das Stadion. In Böblingen sind Kayser und sein zehnjähriger Fürst Fidelio immer mal wieder im Gebiet rund um die Panzerkaserne unterwegs – zum Objektschutz. Am Freitag lautet ihr Auftrag, ein Auge auf den Konsum von Betäubungsmittel rund um den Langen See zu haben, Laden- und Fahrraddieben auf die Schliche zu kommen und vor allem mit ihrer Anwesenheit für Sicherheit zu sorgen. Aber in erster Linie sind die Reiter in Uniform eine viel beachtete Attraktion. „Bei dem regnerischen Wetter ist nicht viel los“, erzählt Kayser. Zeit für das eine oder andere Gespräch mit Passanten. „Über die Tiere kommt man super mit den Leuten in Kontakt“, sagt er.
Am Info-Pavillon, den die Ordnungshüter vor dem Bahnhof aufgebaut haben, ist das Interesse indes überschaubar. Die Menschen rennen dem Polizistengrüppchen, das über Telefonabzocke aufklären und zur Zivilcourage animieren möchte, nicht gerade die provisorische Bude ein. Hier ein Bürger, der über das Thema Drogen diskutiert, dort ein Grüppchen Schülerinnen, das nach ihrer Zugverbindung fahndet. Und eine aufgelöste junge Frau, der ihre Geldbörse abhanden gekommen ist: „Kein Diebstahl“, stellt Polizeikommissarin Tanja Elbers schnell fest. Ein klärendes Telefonat der Ordnungshüterin mit der Mutter reduziert das Zittern der Hilfesuchenden umgehend. Auch das ist Fahndungs- und Sicherheitstag.