Vor kurzem schienen Japans Autoindustrie und der japanische Staat noch wie ein Herz und eine Seele. Ende Mai wurde öffentlich, dass es einen Schulterschluss mehrerer sonst konkurrierender Unternehmen geben werde. Diese wollen fortan zusammenarbeiten, um gemeinsam eine neue Softwareplattform für E-Autos zu entwickeln – alles mit Förderung durch die Regierung. Hintergrund ist, dass Japans Autobauer auf dem boomenden Elektroauto-Markt bisher hinterherhinken. Eine Aufholjagd hat begonnen.
Doch gleich an deren Anfang steht ein großer Rückschlag. In der Branche, die Japans Wirtschaftsministerium die „Schlüsselindustrie“ der Volkswirtschaft nennt, verkehrt sich die jüngst beschlossene Partnerschaft zwischen Unternehmen und Staat gerade in einen Widerstreit. Behörden haben bei führenden Autobauern Untersuchungen durchgeführt, weil Unregelmäßigkeiten beobachtet worden sind. Ein Skandal breitet sich aus, der schon mit dem deutschen Abgasskandal des vergangenen Jahrzehnts verglichen wird.
Toyota hat Tricksereien zugegeben
Bisher sind Honda, Mazda, Suzuki, Yamaha, Daihatsu sowie der weltweit derzeit größte Autobauer Toyota betroffen. Offizielle des Transportministeriums stürmten vor knapp einer Woche das Hauptquartier von Toyota. Dort wurde bereits zugegeben, dass bei standardisierten Tests zur Sicherheit von Autos, die vor der Massenproduktion stehen, getrickst worden ist. Ähnlich sieht es bei den anderen genannten Herstellern aus.
Der Skandal kommt auch deshalb zur Unzeit, weil Japan erst vor kurzem von China als größte Herstellernation der Welt überholt wurde. Ein wichtiger Grund hierfür ist die starke Stellung chinesischer Hersteller im boomenden Elektroauto-Segment – wo Japan, das neben Verbrennern bisher verstärkt auf Hybridantriebe und Wasserstoff gesetzt hat, noch kaum konkurrenzfähig ist.
Beim sich nun ausweitenden Skandal stehen zwar nicht konkret E-Autos im Mittelpunkt, sondern vielmehr Verbrenner oder Hybridwagen. Die angekündigte Aufholjagd der japanischen Autoindustrie ist hiervon also nur indirekt betroffen. Allerdings könnten die indirekten Effekte durchaus schwer wiegen. Denn ein Imageschaden für Japans Hersteller ist die Angelegenheit schon jetzt.
Im Hause Toyota etwa sind sieben Modelle betroffen, wobei einige davon schon ausgelaufen sind. Die Produktion des Corolla Fielder, Corolla Axio und Yaris Cross wurde nun jeweils ausgesetzt. Es geht um falsche Daten in Kollisionstests und die Funktionalität der Airbags sowie um Zahlen zu Abgasen. Teils seien Tests nur auf einer Seite durchgeführt worden, teils Daten von anderen Tests einfach übertragen worden.
Unregelmäßigkeiten bei Lärmtests
Bei Mazda, wo für passende Testergebnisse unpassende Software genutzt wurde, ist die Produktion der Modelle Roadster und Mazda 2 ausgesetzt worden. Auch bei drei weiteren Modellen, die nicht mehr hergestellt werden, wurde getrickst. Am Montag zeigten Untersuchungen bei Honda ein ähnliches Bild. Das Ministerium gab an, es habe bei Lärmtests von 22 Fahrzeugmodellen Unregelmäßigkeiten entdeckt, ebenso bei Angaben zum Gewicht. Hier handelt es sich um Fahrzeugtypen, die nicht mehr produziert werden.
Es ist bei weitem nicht der erste Skandal, der die Branche des ostasiatischen Industriestaats ereilt. Schon in jüngerer Vergangenheit haben Unregelmäßigkeiten fast regelmäßig Schlagzeilen gemacht. Erst 2022 kam heraus, dass der Lkw-Hersteller Hino über Jahre hinweg bei Abgaswerten getrickst hatte. Zuvor waren Unregelmäßigkeiten in den Häusern Mitsubishi, Nissan, Subaru, Suzuki, Mazda und Yamaha ans Licht gekommen.
Im vergangenen Jahr gab es dann Untersuchungen bei Daihatsu, ein in Japan führender Hersteller von Kleinwagen. Auf Daihatsu aufmerksam geworden waren Behörden durch einen Whistleblower, woraufhin herauskam, dass es bei 64 Modellen Tricksereien gegeben hatte. Dies gab den Anstoß für den aktuellen Skandal. Daihatsu sah sich gezwungen, monatelang die Produktion auszusetzen, ehe Behörden im April dieses Jahres grünes Licht gaben, als endlich alle Modelle die Sicherheitsstandards erfüllten.
Eine ähnliche Prozedur, die auch Zuliefererfirmen betreffen kann, erwartet nun die inländische Konkurrenz von Daihatsu. Allerdings vermuten mehrere Analysten, dass sich vor allem die größten Autobauer schon bald von dem Schaden erholen könnten, sofern die nun festgestellten Unregelmäßigkeiten behoben werden. Dies zeigt der Fall von Volkswagen, wo Daten zu Abgasen absichtlich gefälscht worden waren, was die Verkaufszahlen des Autobauers aber nur am Anfang deutlich sinken ließ. Die Autos sind eben beliebt.
Tiefe Verbeugung als Entschuldigung
Japans Hersteller folgen auch schon dem im Land üblichen Protokoll. Bei Toyota etwa tat der Vorstandsvorsitzende Akio Toyoda das, was Konzernchefs eigentlich immer tun, wenn sie einen Skandal kommunizieren müssen. Er trat vor die Presse, bat bei den Kundinnen und Autofans um Verzeihung und verbeugte sich sehr tief. Eine Geste, die nach tiefem Bedauern aussieht. Wobei die Verbeugung immer auch dazu dient, möglichst schnell wieder zum Tagesgeschäft überzugehen. Und das ist auch in Japan nicht ohne Skandale.