Sie bändigte den Wu-Tang Clan Vom Rock zur Rap-Legende: Eva Ries und der Wu-Tang Clan

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Eva Ries wurde als Marketing Managerin des unberechenbaren Wu-Tang Clans bekannt. Ihr Job: kein Zuckerschlecken. Foto: NDR/Imke Lass

Sie wurde von ihnen „Killer Bee Evil-E“ genannt. Eine Deutsche eroberte die Welt des Wu-Tang Clans: 25 Jahre voller Schießereien, Kämpfe und einer Familiengeschichte.

Stadtkind: Petra Xayaphoum (px)

Welche Frau hat es geschafft, den Wu-Tang Clan zu zähmen? Vermutlich keine. Am nächsten dran war aber mit Sicherheit ihre langjährige Marketing Managerin Eva Ries. Mehr als 25 Jahre hat die Deutsche, die sie irgendwann alle Killer Bee Evil-E nannten, mit GZA, RZA, ODB, Ghostface Killah, Raekwon, U-God, Inspectah Deck, Masta Killa und Method Man zusammengearbeitet, für sie Drogen bei Marilyn Manson geschnorrt, während eines Wu-Tang-Clan-Dokudrehs eine Schießerei miterlebt, ist einer Massenschlägerei auf einem Konzert in Harlem entflohen und hat später ihre Tochter, Melina Xanadu Boutris, mit zweitem Namen nach ODBs Namensvorschlag benannt. Ein kleiner Einblick in die von außen schwer greifbare Beziehung der gebürtigen Mannheimerin zur wohl berühmtesten Rap-Band der Welt, die irgendwo zwischen Familienmitglied, Kindergärtnerin und Problemlöserin für alles liegt, ist ab 16. September in der ARD Mediathek in der Dokumentation „Evil E – Eva Ries und der Wu-Tang Clan“ zu sehen.

 

Vom Rock zum Hip-Hop: Die ungewöhnliche Geschichte einer Annäherung

In 75 Minuten wird einem vor Augen geführt, wie eine junge Frau, die in Mannheim geboren und in Ladenburg aufgewachsen ist und die absolut gar nichts mit Hip-Hop am Hut hatte, sich nach und nach in die Position der Marketing-Managerin und Vertrauten des Wu-Tang Clans hineingearbeitet. „Unsere Story war am Anfang eher eine Hate als eine Love Story“, sagt Eva Ries lachend. Als sie die Rapper Anfang der 90er zu ihrem ersten gemeinsamen Shooting begleitete, sprach keiner der Männer mit ihr.

Doch die Musikmanagerin ließ sich nicht kleinkriegen. „Ich bin kein Quitter, ich bin ein Fighter“, stellt sie klar. Das wird auch bei einem Ausflug in die Vorgeschichte, als sich Ries noch mit den aufgrund eines Missverständnisses heftig randalierenden Sonic Youth auseinandersetzen musste, klar. Sie legte sich halt eine dicke Haut zu und machte weiter. „Ich habe gemerkt, dass ich mit dem Wu-Tang Clan – der ganz am Anfang im Grunde eine Street Gang war – nur erfolgreich sein kann, wenn ich super ehrlich und real bin“, erklärt Ries im Interview. Sie, die eigentlich aus einem gutbürgerlichen Haushalt kommt und zuvor mit Bands wie Nirvana gearbeitet hatte, legte also die Karten offen auf den Tisch. „Ich habe von Anfang an gesagt: ‚Leute, ich weiß überhaupt nicht, über was ihr redet, ich komme vom Rock und Heavy Metal, bitte helft mir.‘ – Und das haben sie akzeptiert.“

Keine Angst vor Gangkriegen: Die nervenaufreibendsten Momente

Verrückte Jahre mit der neunköpfigen Gruppe standen ihr danach ins Haus. Mit ihren Geschichten könnte Ries Bücher füllen, das hat sie auch bereits in ihrer Biografie „Wu-Tang is forever“. In der ARD-Doku sind unter anderem Filmausschnitte eines Drehs zu sehen, während dessen Schüsse in direkter Nachbarschaft fallen, es wird darüber gesprochen, dass das FBI gegen die Wu-Tang-Clan-Mitglieder ermittelt hat (erfolglos) und Ries selbst bezeichnet sie als „Gangster“. Angst hatte sie in ihrer Gegenwart trotzdem keine. „Vielleicht bin ein wahnsinniger Optimist, aber ich hatte immer das Gefühl, der Clan ist ein bisschen wie meine Bodyguards und mir würde einfach nichts passieren.“

Reakwon sagt, dass Eva Ries nie Angst gehabt habe im Umfeld des Clans – und es stimmt, bestätigt die Managerin. Foto: NDR/Thomas McKenna

Nach längerem Nachdenken fallen ihr dann doch zwei Situationen ein, die sie als brenzlig bezeichnen würde: ein Konzert in South Central Los Angeles, auf „Feindes-Territory“, sowie ein Konzert in New York, bei dem sie mit dem Mitgründer von Viva TV, Elmar Giglinger, der das Ganze filmisch begleitet hat, einer Massenschlägerei entkommen musste. „Es begann eine Schlägerei, die der Clan angezettelt hat und die sich ins Publikum fortgepflanzt hat“, erinnert sich Eva Ries. „Das ganze Publikum hat angefangen, sich zu schlagen.“ Die Situation eskalierte in wenigen Augenblicken. „Ich habe Elmar und sein Team an den Kleidern gepackt und Richtung Ausgang gezogen. Wir mussten rennen, jeder wollte raus und es gab eine Art Getrampel und Massenhysterie.“ Die Polizei wartete vor dem Club auf die Besucher, hatte zu viel Angst, reinzugehen.

Dysfunktionale Familie: Das Innenleben des Wu-Tang Clans

Selbst als Ghostface mal auf Ries selbst losgeht, behält die Managerin die Nerven. „Natürlich habe ich mich gewehrt und die Security gerufen“, berichtet sie. Das Ende der Zusammenarbeit bedeutete der Vorfall nicht. Anger Management, also Aggressionsbewältigung, sei keine der Fähigkeiten, mit denen die Rapper ausgestattet seien. Keiner vom Clan, betont sie, sei in einer Bilderbuchfamilie aufgewachsen („außer vielleicht Method Man“), sondern komme aus armen Familien in sozialen Brennpunkten, in denen Gewalt auf der Tagesordnung steht, alltäglich ist. „Es ist schwer, da auszubrechen“, sagt die Musikmanagerin.

Oft genug war sie selbst vor Ort auf den Straßen von Staten Island, kennt die miserablen Umstände und auch die diskriminierende Polizeigewalt, der die Menschen ausgesetzt waren und sind. „Solche Erfahrungen kannst du nur auffangen, wenn du dich in professionelle Hände begibst und daran arbeitest.“ Die meiste Zeit seien sie und der Clan aber wie gute Freunde, ja gar Familie, gewesen. „Aber manchmal eben eine dysfunktionale Familie“, fügt sie hinzu.

Ein Geschäft mit Schattenseiten: Eva Ries’ ehrliche Abrechnung

Evas Ries‘ Ehrlichkeit, ob bezüglich des Wu-Tang Clans oder der Musikindustrie, über die sie im Interview sagt, dass sie „nicht immer nur happy Days, Liebe und Sonnenschein“ sei, sondern „ein Business, in dem es böse, intrigante, machtgierige und machtmissbrauchende Menschen gibt“, ist erfrischend. Wer einen flüchtigen Blick auf die Geschichte einer Frau erhaschen möchte, die sich ihr Leben lang nicht verstellt hat, die mit endlosem Durchhaltevermögen, Furchtlosigkeit und einer gewissen Portion gesundem Pragmatismus den bekannterweise unberechenbaren Wu-Tang Clan sowie zahlreiche weitere großen Künstler gemanagt hat, hat ab 16. September in der Dokumentation die Gelegenheit dazu.

Neben Bandmitgliedern melden sich unter anderem Sophia Chang, Ex-Managerin von RZA, GZA und ODB, Radio-Legende Bobbito Garcia, die Stieber Twins aus Heidelberg, Ehemann Nico Boutris sowie (Viva-)Filmemacher Tyron Ricketts zu Wort.

Evil E – Eva Ries und der Wu-Tang Clan ist ab 16. September in der ARD Mediathek verfügbar. Im NDR wird sie am 18. September um 0.55 Uhr ausgestrahlt.

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