Siegel und Label zur Tierhaltung Ist das Fleisch vom glücklichen Schwein?

Welche Tierwohl-Labels sind wie zuverlässig? Die Verbraucherzentrale spricht von einem Verwirrspiel. Foto: sonia_ai , tamsindove/Adobe Stock

Wie zuverlässig sind Labels und Kennzeichnung auf Fleischprodukten? Die Verbraucherzentralen haben in einer Stichprobe Labels und Werbebotschaften auf Fleischprodukten überprüft. Die wichtigsten Punkte dazu im Überblick.

Stuttgart - Den Deutschen wird die artgerechte Haltung der Tiere immer wichtiger. Doch beim Kauf von Wurst und Fleisch ist es schwer, zuverlässige Aussagen über die Tierhaltung zu finden, zeigt ein Test der Verbraucherzentralen. Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu im Überblick.

 

Ist schon beim Kauf von Fleisch erkennbar, wie die Tiere gehalten wurden?

Wer das wissen möchte, muss zumindest aufwendig suchen. Labels und Slogans wie „Weidehaltung“ oder „mehr Platz“ versprechen zwar Fleisch aus guter Tierhaltung. Doch die Botschaften sind nicht unbedingt verlässlich: Das ist das Ergebnis einer bundesweiten Stichprobe der Verbraucherzentralen. Denn: Im Durcheinander aus unverbindlichen Siegeln und Werbebotschaften lasse sich kaum erkennen, unter welchen Bedingungen Tiere tatsächlich gehalten würden. Die Verbraucherschützer sprechen sogar von einem Verwirrspiel. Für den Test hat die Verbraucherzentrale bei 17 Handelsketten die Aussagen von Herstellern und Händlern überprüft.

Welche Regelungen und Verordnung gibt es in Deutschland in Sachen Tierwohl?

Gesetzlich geregelt und staatlich kontrolliert werden in Deutschland derzeit nur Mindeststandards für die Tierhaltung im Stall. Doch selbst der Wissenschaftliche Beirat des Bundeslandwirtschaftsministeriums hält diese für zu niedrig. Auf EU-Ebene gibt es die Verordnung für den ökologischen Landbau, gekennzeichnet mit dem Biosiegel. Die Tierhaltungsstandards sind dafür strenger als die gesetzlichen – beispielsweise sind mehr Platz und Stroh im Stall sowie Auslauf im Freien Bedingung. Bei Geflügelfleisch müssen für besondere Haltungsformen nach einer EU-Norm einheitlich geregelte Begriffe verwendet werden: Extensive Bodenhaltung (unter anderem etwas mehr Platz im Vergleich zur üblichen Intensivhaltung), Freilandhaltung, Bäuerliche Freilandhaltung (unter anderem mehr Auslauffläche) sowie Bäuerliche Freilandhaltung – Unbegrenzter Auslauf. Anders als freiwillige Siegel würden diese geschützten Begriffe zwar eine gute Orientierung geben, befand die Verbraucherzentrale. Doch im Test fanden sich kaum Geflügelprodukte mit solchen Hinweisen.

Verschiedene Handelsketten haben Kennzeichnungen eingeführt. Welche sind das?

Grundsätzlich lassen sich die verschienenen Tierwohl-Labels in zwei Gruppen unterteilen: In die Haltungskennzeichen der Handelsketten und in sogenannte markenunabhängige Labels. Handelsketten wie Lidl, Netto, Kaufland, Penny und Aldi haben im vergangenen Jahr eigene Kennzeichnungen eingeführt, die dem Verbraucher beim Kauf von Fleisch der jeweiligen Eigenmarke Auskunft über die Tierhaltung geben sollen. Ab April 2019 wollen diese Handelsunternehmen nun zusammen mit Edeka und Rewe die Kennzeichnung für verpacktes Frischfleisch von Schweinen, Rindern, Hühnern und Puten vereinheitlichen.

Schon jetzt aber sind auf allen Kennzeichnungen die Zahlen 1 bis 4 zu finden. Bei Fleisch mit der Kennzeichnung 1 erfüllen die Tierhalter die gesetzlichen Mindeststandards mit enger Stallhaltung. Bei Stufe 2 gibt es etwas mehr Platz im Stall und Beschäftigungsmaterial für die Tiere. Eine nach außen offene Stallseite oder einen überdachten Außenbereich am Stall gibt es ab Stufe 3. Die vierte Stufe entspricht der EU-Biorichtlinie und bringt noch mehr Platz im Stall sowie Auslauf im Freigelände.

Welche markenunabhängigen Labels gibt es?

Im Gegensatz zu den handelseigenen Kennzeichnungen bedeuten solche markenunabhängigen Labels einen geringeren Aufwand für Landwirte, Fleischwirtschaft und Handel, weil Dinge wie Kontrollen oder Marketing von Dritten übernommen werden. Angeboten wird ein solches Label zum einen vom Deutschen Tierschutzbund. Es nennt sich „Für mehr Tierschutz“ und ist auf abgepacktem Fleisch in den Stufen „Einstiegsstufe“ und „Premiumstufe“ zu finden. Die „Einstiegstufe“ bedeutet beispielsweise bis zu 50 Prozent mehr Platz für die Tiere im Vergleich zu den gesetzlichen Mindestanforderungen, kürzere Transporte und eine schonendere Schlachtung. In der „Premiumstufe“ findet sich dem aktuellen Einkaufstest der Verbraucherzentralen zufolge bislang nur Schweinefleisch im Supermarkt. Hier haben die Tiere noch mehr Platz und Zugang zu einem Außenbereich.

Was steckt hinter der „Initiative Tierwohl“?

Dieses Bündnis ist zwar auch markenunabhängig, dahinter stecken aber ganz verschiedene Verbände und Unternehmen der Land- und Fleischwirtschaft und des Lebensmittelhandels. Die Anforderungen hier liegen nur geringfügig über den gesetzlichen Mindestanforderungen – damit sich möglichst viele landwirtschaftliche Betriebe beteiligen. Und es ist kein Haltungslabel im eigentlichen Sinne, sondern eher ein Informations-Aufkleber. Die Verbraucher würden diesen aber wie ein Label wahrnehmen, kritisieren die Verbraucherschützer.

Hintergrund ist die Arbeitsweise der „Initiative Tierwohl“. Jene Landwirte, die ihre Tierhaltung verbessern, bekommen ein paar Cent mehr aus einem Fonds, in welchen der Einzelhandel einzahlt. Der Einzelhandel wiederum darf auf seine Fleischprodukte dann den Aufkleber „Initiative Tierwohl“ setzen. Ob das gekaufte Fleisch mit Aufkleber aber tatsächlich aus einem Betrieb mit besseren Haltungsbedingungen stammt, ist damit nicht gesagt. Für Geflügel gibt es seit April 2018 aber ein zusätzliches Tierwohl-Siegel. Es klebt nur auf Produkten von einem Betrieb, der seine Tiere nach den Kriterien der Initiative hält.

Wie zuverlässig sind Werbeversprechungen?

In ihrem Test haben die Verbraucherschützer die Slogans und Werbebotschaften auf konventionellen Fleischprodukten genauer unter die Lupe genommen – und sie mit den tatsächlichen Informationen zur Haltung verglichen. Das Ergebnis: Auf die Auslobungen auf den Produkten sollte man sich nicht verlassen. Christiane Manthey, Abteilungsleiterin Lebensmittel und Ernährung bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, nennt ein Beispiel: Ein Bild auf einer Fleischverpackung zeigt Schweine in Freilandidylle. Die daneben abgebildete Haltungskennzeichnung mit der Stufe 1 entspricht lediglich dem gesetzlichen Mindeststandard der Stallhaltung – ohne Zugang nach draußen. „Mit solchen Marketing-Tricks werden Kunden schnell hinters Licht geführt.“, sagt Christiane Manthey. Auch Begriffe wie „artgerecht“, „tiergerecht“ oder „Tierwohl“ seien nicht zuverlässig: „Diese Begriffe sind rechtlich nicht geschützt und werden daher willkürlich genutzt“, sagt Christiane Manthey. Tatsächlich stammt der Großteil des im Handel angebotenen Fleisches dem Test zufolge aus Haltungsform 1 – und entspricht damit gerade einmal den gesetzlichen Mindeststandards.

Wenn die Fleischsiegel so verwirrend sind: Lohnt es sich überhaupt, darauf zu achten?

Zumindest sollte man wissen: „Wirklich verlässlich ist nur, was gesetzlich geregelt und staatlich kontrolliert ist – und bei Verstößen geahndet wird“, sagt Sabine Holzäpfel von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Deshalb fordern die Verbraucherzentralen eine verpflichtende mehrstufige staatliche Tierwohlkennzeichnung oder eine Haltungskennzeichnung – ähnlich wie es sie bei Hühnereiern gibt. Derzeit plant die Bundesregierung jedoch nur ein Label auf freiwilliger Basis. Erste gekennzeichnete Produkte sollen frühestens 2020 auf den Markt kommen.

Um dem Label-Dschungel zu entkommen, gibt es für Verbraucher noch eine weitere Möglichkeit: Sich einen Direktvermarkter für Fleisch zu suchen – und sich beim Bauern vor Ort davon zu überzeugen, wie die Tiere im Stall oder auf der Weide leben.

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