Eine Pilotka, ja, die sollten die Eltern besorgen, diese typische Soldatenmütze in Olivgrün. So hatten es die Lehrerinnen der Schule Nummer 56 in Moskau, gleich neben dem Hotel „Ukraina“, gesagt. Die Ukraine ist quasi überall in diesem Moskauer Stadtteil am westlichen Zentrumsrand präsent: Der Kiewer Bahnhof ist hier, der Ukrainski Boulevard, und das Denkmal für Lessja Ukrainka, diese ukrainische Dichterin und Feministin, steht unweit der Schule.
Der Krieg in der Ukraine aber, er ist in den Köpfen der meisten Russinnen und Russen sehr fern. Den eigenen Kindern eine Pilotka auf den Kopf setzen und sie Kriegslieder singen lassen? Wo sei das Problem? Habe das Gedenken an die Vorväter denn etwas mit der Gegenwart zu tun? Der 9. Mai sei heilig, erzählt Russlands Präsident Wladimir Putin seit Jahren. Dieser Gedenktag an den Sieg der Roten Armee über Deutschland, den das Land nicht am 8. Mai feiert, weil die bedingungslose Kapitulation in Berlin in der Nacht unterzeichnet wurde und in Moskau da bereits der 9. Mai angefangen hatte, war jahrzehntelang ein Tag gewesen, der die Russen quer durch alle politischen Lager hindurch geeint hatte. Doch aus dem identitätsstiftenden Tag ist längst eine überdrehte – militarisierte wie politisierte – Siegeswahn-Feier geworden.
Wer nicht mitmacht, wird weggesperrt
Der Staat hat die Erinnerung an die Vorväter ausgebrannt. Er missbraucht die entbehrungsreiche Zeit der Sowjets, mit unfassbaren 27 Millionen Opfern, zur Legitimation von Putins „militärischer Spezialoperation“ in der Ukraine. Am 9. Mai feiert der Kreml in fast orgiastischer Art seine aggressive Macht. Es ist das triumphierende Ich des Herrschers, der seit 25 Jahren – länger als alle sowjetischen Parteiführer und russischen Zaren seit dem 18. Jahrhundert – über Land und Leute bestimmt. Als durchaus raffinierter Taktiker, doch als erbärmlicher Stratege hat Putin sein Land, das er 1999 vom alkoholkranken, demokratisch gewählten Präsidenten Boris Jelzin mit dem Auftrag „Behüten Sie Russland!“ übernahm, in die Perspektivlosigkeit geführt. Sein Volk geht den Irrweg mit. Alle, die nicht mitgehen, werden weggeräumt, getötet, in die Strafkolonien gesperrt, aus dem Land geworfen.
Der große Rest sagt leugnend: „Wir haben diesen Krieg ja nicht angefangen!“ Es sind die Beruhigungsspritzen, stetig propagandistisch aufgefüllt, die sich die Mehrheit der Russen Tag für Tag, seit mehr als drei Jahren, gibt. Die eigenen Kinder singen Kriegslieder, sie schreiben Briefe an Soldaten und flechten Tarnnetze. Die Zerstörung der Ukraine geht derweil weiter, Tag für Tag. Die einstige Losung „Nie wieder Krieg“, mit der die Überlebenden des Zweiten Weltkrieges sich beim Zusammensein an jedem 9. Mai mit Tränen in den Augen zuprosteten, sie ist längst einem martialischen „Wir können den Krieg wiederholen“ gewichen. Der Staat „wiederholt“ es und bringt bereits den Kleinsten bei, dass Krieg Heroismus, Romantik und Siegesfreude sei, nicht Trauer und Schmerz. Die Menschen haben sich in der Erzählung eingerichtet, dass sie in der Ukraine lediglich den Kampf ihrer Vorväter gegen das absolute Böse, den Faschismus, weiterführten, weil die westliche Welt sich gegen sie gewendet habe und sie an ihren Grenzen bedrohe.
Wie jede staatliche Einrichtung beteiligt sich auch die Moskauer Schule Nummer 56 am landesweiten „Siegesfestival“. Monat für Monat sind Aufgaben zu erfüllen – solche wie „Soldatenbilder malen“, „Ausstellung des Museums der Spezialoperation besuchen“, „Denkmäler des Großen Vaterländischen Krieges putzen“. Die Schulleitung schickt brav Rechenschaftsberichte darüber ans Bildungsministerium. Anfang Mai stehen die Klassen in ihrer Aula, alle Schüler tragen eine Pilotka, die Kadettenschüler sind voll uniformiert. Sie tanzen, führen einen „Kriegstango“ auf. Die Kleinsten singen: „Tödliches Feuer erwartet uns. Die rote Rakete hebt an, das Maschinengewehr feuert unermüdlich. Das bedeutet, wir brauchen den Sieg.“ Eine Achtjährige sagt danach: „Die Mama hat den Auftritt auf Video gesehen, sie hat gesagt, dass ich schön gesungen habe.“ Was sie gesungen hat, hat das Mädchen nicht verstanden. Aber sie wird – ganz bewusst – zur Mitläuferin gemacht und kann sich nicht dagegen wehren. Die Eltern sind, wie die meisten im Land, Konformisten, die den Krieg in der Ukraine mittragen.
Das Gedenken an den verlustreichen Zweiten Weltkrieg ist zu plakativen Losungen verkommen, zu Parolen vom „einzigartigen und unbesiegbaren Russland“. Moskau ist in diesen Tagen in Rot getaucht. An den Gebäuden der zentralen Straßen flattern haushohe Fahnen. Nahezu jedes Geschäft im Zentrum hat Plakate mit „Sieg. 80“ an den Schaufenstern kleben. „Wir denken daran“, „Wir werden siegen“, „Wir sind stolz auf den Sieg“, steht darunter. Alles soll perfekt laufen bei der Parade zum 80. Jahrestag an diesem Freitag.
Drohnenangriffe auf Flughäfen
Als höchster Gast auf der Tribüne des Roten Platzes wird Xi Jinping sein. Auf vier Tage ist der Besuch des chinesischen Staatschefs angelegt. Die Abhängigkeit von China wird in Russland gern überspielt. Man sei gut Freund, heißt es in Moskau. Die Regeln dieser Freundschaft diktiert Peking. Gern hätte sich Putin als Friedensstifter präsentiert, eine dreitägige Waffenruhe über den 9. Mai hatte er angekündigt. Doch Kiew spielt bei diesem „Zynismus“, wie es der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ausdrückte, nicht mit. Seit Tagen werden Moskauer Flughäfen aufgrund von Drohnenangriffen im Moskauer Umland gesperrt. Während der Jahrestag-Inszenierung sollen sich die Menschen nicht sicher fühlen, sie sollen spüren – so das Ansinnen Kiews–, dass sie ein Kriegsland sind, kein friedliches Völkchen, das lediglich der Vorväter gedenkt.
Am 9. Mai zählt längst der Triumph. Die kleinen, persönlichen Geschichten über Väter, Mütter, Onkel, Tanten, Großeltern, Urgroßeltern, voller Schmerz und Gewalt und Tod, sie sind einem diffusen Kollektivmythos der siegreichen Vergangenheit gewichen. Stalin wird reingewaschen und ist nicht mehr der blutrünstige Diktator, sondern der Triumphator, der den Sieg gebracht hatte. Wer ihn kritisiert, kritisiert den Sieg, und das ist nicht vorgesehen im Land. Die Rolle der Alliierten wird gern vernachlässigt. „Wir hätten Erde gefressen, aber wir hätten gesiegt“, erzählte der Kremlsprecher Dmitri Peskow dieser Tage vor Jugendlichen auf einem Forum in Moskau. Der Land-Lease-Act, behauptete er, ein US-Gesetz, durch das auch die Sowjets von den Amerikanern während des Zweiten Weltkrieges eine milliardenschwere Hilfe an Nahrung, Waffen und Fahrzeugen bekamen, sei eine teuer zu erkaufende Leistung gewesen. Es ist eine glatte Lüge des Kremls, der die Erinnerung gekapert hat und mit vereinfachtem, plakativem Wissen über den Zweiten Weltkrieg seit Jahren Politik macht. Putin ist der Haupthistoriker des Landes, der in länglichen Ausführungen seine Sicht der Dinge zum Besten gibt: Russland sei immer von Feinden umzingelt gewesen, Russland werde sich stets verteidigen, Russland werde immer siegen.
Ideologie der Zerstörung
Der Kult des Sieges ist ein Kult der Gewalt. Am 9. Mai feiert Moskau mit Panzern und Soldaten seine Ideologie der Zerstörung. Es feiert das, was Putin wichtig ist: „Jedem einfach in die Fresse hauen“, so beschreibt er seinen Wunsch in einer Doku seines Hofberichterstatters Pawel Sarubin zu „25 Jahre Putin“. Dem Prinzip seiner Leningrader Hinterhof-Kindheit, wonach nur der Starke etwas gelte und nur der gewinne, der als Erster zuschlage, war der heute 72-Jährige stets gefolgt. Das Zuschlagen lehrt er nun jedes Kind im Land. „Jetzt brauchen wir einen Sieg, wir werden um keinen Preis Halt machen“, grölen Mädchen und Jungen beim „Siegesfestival“ von Kaliningrad bis Kamtschatka.