Plastikstuhl Monobloc Billig, wacklig – und ein Kultobjekt

Der Plastikstuhl „Monobloc“ wird weltweit genutzt – auch an der Hamburger Imbissbude Surf-Station. Foto: Pier 54/Boris Mahlau

Nicht schön, aber sehr praktisch: Warum verkauft sich kein Stuhl so gut wie der Plastikstuhl aus einem Guss? Haben die Menschen keinen Geschmack?

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Es ist sogar schon zu Verletzungen gekommen. Mag sein, dass der Mann ein paar Kilos zuviel hatte, in jedem Fall brach der legendäre Monobloc-Stuhl kurzerhand unter seinem Hinterteil zusammen. Der Mann verletzte sich am Rücken und musste sogar ins Krankenhaus. Seither, sagt er, sieht er rot, wenn ihm Plastikstühle unter die Augen kommen.

 

Kein Stuhl wurde so oft produziert wie der weiße Plastikvierbeiner

Er wird noch oft rot sehen, denn es ist kaum möglich, dem Monobloc zu entkommen. Man kann ans hinterste Ende der Welt reisen und doch sicher sein, dass der Plastikstuhl schon da ist. Denn die meist weißen, stapelbaren Baumarktstühle haben die Welt komplett überflutet. Kein Stuhl wurde häufiger produziert als der Monobloc. Eine Milliarde Exemplare soll es derzeit geben, Tendenz steigend.

Was wurde nicht schon über diesen Stuhl geschimpft, der das Leben sehr vieler Menschen doch auch besser gemacht hat. „Thron der Armut“ und „Plastikalbtraum“ haben ihn Journalisten genannt und sehen im Monobloc vor allem „visuelle Umweltverschmutzung“. Auch Hauke Wendler ging mit Vorurteilen ans Werk. Der Hamburger ist Fernsehjournalist und ist dem Siegeszug des Monobloc hinterher gereist. Es kamen sehr viele Kilometer zustande. Denn der Monobloc steht nicht nur auf deutschen Terrassen oder vor Imbissbuden. In Ruanda und Israel hat Wendler den angeblich „meistgehassten Stuhl“ entdeckt, auf dem orientalischen Basar wie auch im Beachressorts in der Dom Rep. Der Monobloc ist überall.

Viele halten den Stuhl für einen Plastikalbtraum

Vielen Menschen leistet er gute Dienste

Kürzlich hat Hauke Wendler einen Dokumentarfilm zu Monobloc fertig gestellt und nun auch noch einen Bildband zu ihm herausgegeben. Nach acht Jahren Recherche sei es ihm „peinlich, mit welcher Arroganz wir im Westen oft auf den Rest der Menschheit schauen“, schreibt er. Denn er hat nicht nur Stühle fotografiert, sondern auch Menschen dazu kennengelernt, für die der Monobloc kein billiger Wegwerfartikel aus dem Baumarkt ist, sondern Freiheit und Luxus bedeutet. „Wollen wir uns weiter über den einzigen Stuhl mokieren, den sich diese Menschen leisten können?“, fragt Wendler – und liefert mit seinem kurzweiligen Bildband die Antwort.

Polypropylen macht es möglich

Dass es diesen Plastikstuhl gibt, war Anfang der Fünfzigerjahre eine Sensation. Denn erst mit der Erfindung des Polypropylen wurde es möglich, Stühle zu produzieren, die stabil waren – zumindest halbwegs. Das Besondere am Monobloc ist, dass er zudem aus nur einem Stück besteht und deshalb extrem billig produziert werden kann. Einer der ersten Stühle aus einem Guss war der legendäre Panton-Chair. 1955 entwickelte der dänische Designer Verner Panton einen eleganten Freischwinger in S-Form, der nicht auf vier Beinen steht, sondern auf einer gebogenen Fläche. 1967 brachte Panton den Stuhl mit Vitra zur Serienreife und schrieb mit dem ersten aus einem Stück gefertigten Vollkunststoff-Stuhl Designgeschichte.

Der Erfinder hätte schwerreich werden können – mit Patent in der Tasche

Den Erfinder des weißen Vierbeiners kennt dagegen kaum jemand: Henry Massonnet (1922–2005) gründete 1948 die „Societé de Transformation des Matières Plastiques“ und erhielt 1974 sogar einen Möbel-Oscar für seinen Plastikstuhl aus einem Stück. Hätte er sich das Produktionsverfahren patentieren lassen können, wäre er ein steinreicher Mann geworden, denn der Monobloc eignet sich wie kaum etwas zur Massenproduktion.

Die Vorteile sind zugleich die Nachteile

Die Vorteile des Billigstuhls sind zugleich seine Nachteile: Der Monobloc macht es möglich, in Minutenschnelle leere Plätze in Zuschauerräume zu verwandeln. Er ist extrem leicht, weshalb die Transportkosten günstig sind – dafür fegt es den Monobloc beim ersten Windstoß davon, weshalb Wendler in Kroatien Stühle entdeckte, die jemand mit Betonschuhen versehen hatte, um die Standfestigkeit zu erhöhen.

Allzu belastbar ist er nicht. „Wenn man einen Abend auf so einem Stuhl sitzt, weiß man nie, ob der auch hält“, erzählt jemand in dem Buch von Hauke Wendler. „Das ist immer ein Lacher, aber es ist halt auch ein Risiko und Roulette, so ein Stuhl.“ Auch wenn der Monobloc nicht schön altert, ist er doch zumindest recycelbar. Aus dem wiedergewonnenen Polypropylen können erneut Stühle gefertigt werden, die qualitativ aber weniger hochwertig sind – und wiederum billiger, also für noch mehr Menschen erschwinglich.

Man kann den Monobloc sogar zum Rollstuhl umbauen

So ist die Bilanz dieses besonderen Stuhles durchaus zwiespältig: Weil er so günstig ist, profitieren viele Menschen von ihm. Sogar zum Rollstuhl wird der Monobloc umgebaut. Die „Free Wheelchair Mission“ hat bereits 1,2 Millionen Rollstühle gefertigt, die in 94 Ländern kostenlos verteilt wurden.

Massenprodukt mit Kultstatus

Roboter
Die Herstellung eines Plastikvierbeiners dauert nur eine Minute. Das Polypropylen wird auf 220 Grad erhitzt und die flüssige Masse in eine Gussform gespritzt. Das Verfahren ist so präzise, dass am fertigen Stuhl nichts nachgebessert werden muss. Im italienischen Rogeno zieht der Roboter pro Stunde rund sechzig Stühle aus der Kunststoffspritzgießmaschine – und am Tag an die 1500 Stück.

Buch
Hauke Wendlers Buch „MONOBLOC“ ist im Hatje Cantz Verlag erschienen und kostet 22 Euro. adr

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Buch