Siegfried Lenz in Marbach Tauchfahrt in die Erinnerung

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Kein deutscher Autor hat eine solche Breitenwirkung wie er: am Wochenende hat Siegfried Lenz seine privaten Korrespondenzen dem Marbacher Literaturarchiv anvertraut und dem Gedächtnisort einen denkwürdigen Besuch abgestattet.

Ein Leben in tausend Kladden: der Jahrhundert-Autor Siegfried Lenz bei seinem Besuch im Marbacher Literaturarchiv. Foto: FACTUM-WEISE
Ein Leben in tausend Kladden: der Jahrhundert-Autor Siegfried Lenz bei seinem Besuch im Marbacher Literaturarchiv. Foto: FACTUM-WEISE

Stuttgart - Das Marbacher Literaturarchiv inspiriert die Fantasie immer wieder neu. Was hat man nicht schon alles darin gesehen: einen Hades der Bücher, ein Pantheon des Geistes, ein Zwischenreich aus staubigem Papier und blitzender Gelehrsamkeit! Doch an diesem Tag ist die Leitmetaphorik eindeutig maritimer Natur. Den Fischern im Ozean der Erinnerung ist wieder einmal ein wahrhaftiges Prachtexemplar in die Netze gegangen: das persönliche Archiv des Schriftstellers, Seefahrers und passionierten Anglers Siegfried Lenz. Und als wäre das nicht erfreulich genug, ist der Autor, in dem seinerseits ein bedeutendes Stück der deutschen Nachkriegsliteratur anschaulich wird, trotz seines hohen Alters von 88 Jahren selbst angereist, um sich ein Bild vom künftigen Aufenthaltsort seiner Besitztümer zu machen – oder um einzutauchen in die Tiefen des Archivs.

Unter den großen deutschen Autoren ist Lenz vielleicht jener mit der größten Breitenwirkung, woran Lehrpläne und zahlreiche Verfilmungen seiner Werke ihren Anteil haben. Mit Erzählungen wie das „Feuerschiff“ oder dem Roman „Die Deutschstunde“, in dem ein junger Mann einen Aufsatz über die „Freuden der Pflicht“ schreiben soll und stattdessen den Terror bedingungslosen Pflichtbewusstseins entlarvt, hat sich Lenz in den Kanon eingeschrieben. Doch sein feines Sensorium für das Nachbeben der Vergangenheit in der Gegenwart ist selbst von Zeitlichkeit geprägt. In seinem Roman „Fundbüro“ aus dem Jahr 2002 betrachtet er eine von Fremdenfeindlichkeit und Rationalisierung umgetriebene Welt aus dem Blickwinkel der verlorenen und liegen gebliebenen Dinge. In seiner detailgenauen, sorgsamen Schreibweise finden sie ein ähnliches Asyl wie die Hinterlassenschaften der Dichter in den grünen Kästen des Marbacher Magazins.

„Willkommen in der Unterwelt“, begrüßt der Direktor derselben, Ulrich Raulff, seinen Gast, der – obwohl an den Rollstuhl gefesselt – nicht den Eindruck macht, sich demnächst in der Unterwelt dauerhaft einrichten zu wollen. Schon allein deshalb nicht, weil sie sich in Marbach nicht gerade als barrierefrei erweist. Die entscheidende Schwelle aber, jene zur Vergangenheit, verschwimmt in dem magischen Fluidum des Ortes, den der Leiter des Archivs, Ulrich von Bülow, launig als „Tiefsee der deutschen Literatur“ beschreibt. Mit dem lose umgeschlungenen Schal unterhalb des grau umwallten, von einer Baskenmütze barettartig bekrönten Charakterkopfs erscheint Lenz in diesem Ambiente selbst wie ein Vexierbild ehrwürdiger Künstlerposen – wovon sich freilich sein bescheidener, knitzer Charme sympathisch abhebt.

Das Meer ist allgegenwärtig

Aus den besagten grünen Kästen beschwört von Bülow nun frühere Weggefährten des Autors herauf. Seinen akademischen Lehrer Hans Wolffheim beispielsweise. Aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrt, versorgte er den jungen Lenz nicht nur mit literaturwissenschaftlichen Einsichten, sondern auch mit einem Mantel: „Das war nicht unwichtig in dieser Zeit, es war kalt und jeder fror“, erzählt Lenz, während er Wolffheims Porträt in dessen Dienstausweis betrachtet: „Ja, genau so sah er aus, mit diesem leicht spöttischen Zug um den Mund.“ Weit zurück reicht auch die Freundschaft mit dem Kritiker Marcel Reich-Ranicki. Der erste Satz eines Briefs von Lenz an ihn könnte als Motto der archivalischen Erkundungen dienen: „Das einzige, was uns bleibt, lieber Marcel, ist ein Aufbruch in die Erinnerung.“

Lenz’ literarische Karriere begann in den fünfziger und sechziger Jahren mit Kurzgeschichten. Sie wurden in Zeitungen veröffentlicht. Ein Kontobuch verzeichnet minutiös in Mark und Pfennig seine Einkünfte im Jahr 1966. Allein im April wurde die Erzählung „Augenbinde“ fünfmal in verschiedenen Zeitungen publiziert – mit erstaunlichen Schwankungen des Honorars zwischen 93 und 184 Mark. Versonnen lässt Lenz diese Zeugnisse durch die Finger gleiten und eher leicht belustigt einen Schuber voller Postkarten, die ausnahmslos Schiffsmotive zeigen. „Ich war bei der Marine und konnte es nicht unterlassen, meinen Freunden Bilder dieser seegerechten Fahrzeuge zu schicken.“ Und wenn dies auch etwas gewunden klingt, so leuchten seine Augen umso lebhafter, wenn er die Freuden ausmalt, die ein ordentliches Fischessen auf hoher See an Bord verheißt.

War die Tauchfahrt ins Dunkel des Archivs der Wiederbegegnung mit Freunden vergangener Tage gewidmet, so gilt die vom Literaturkritiker Ulrich Greiner moderierte öffentliche Matinee am nächsten Tag der Wiederbegegnung mit dem Werk. Auch hier ist das Meer allgegenwärtig: der weite graue Himmel, das Watt, der Rhythmus der Gezeiten. Wie sich an dessen unerschütterlichem Gleichmaß das menschliche Begehren bricht, entwickelt die von der Stuttgarter Schauspielerin Nathalie Thiede gelesene Erzählung aus dem Jahr 1953 in karger Schönheit: „Die Flut ist pünktlich“, so der Titel – was den Ehemann einer zerrütteten Beziehung das Leben kostet. Warum spielen so viele Geschichten, die dieser Autor erzählt, an der oder auf der See? „Es ist die lakonische Art der Widerlegung, die sich das Meer vorbehält, die Widerlegung durch eine Macht, mit der man nicht gerechnet hat“, antwortet Lenz seinerseits lakonisch.

Lenz: „Sachkenntnis ist die Voraussetzung des Schreibens“

Auch sein bekanntestes Werk, „Die Deutschstunde“, partizipiert an diesen atmosphärischen Gegebenheiten. Die Lesung daraus offenbart zudem die staunenswerte handwerkliche Perfektion des Autors. „Sachkenntnis ist die Voraussetzung des Schreibens“, sagt Lenz. Wer Priele, Strömungen, Schlicklöcher, Muschelkrebse, Scherenasseln und Sandwürmer mit solcher Präzision zu zeichnen vermag, dem nimmt man auch die unterschwelligen Motive seiner Figuren ab. Und das schließlich, so Lenz, ist die höchste Aufgabe der Literatur: eine vergleichende Erfahrung einzuräumen, aus der jeder seine Schlüsse ziehen kann.

Die Realien, die dieses Schreiben ermöglicht haben, gehen nun einem zweiten Leben im Magazin entgegen. Lenz, dem schon viele Titel verliehen wurden, unter anderem eine Ehrenschleusenwärterschaft, darf sich zum Dank nun mit einem weiteren schmücken: dem eines Marbacher Ehrenarchivars.




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