Sieghart Friz geht Mehr als drei Jahrzehnte Bürgermeister – wie geht das? „Das ist nun vorbei.“

Er hat dem Rathaus den Rücken gekehrt: 32 Jahre lang war Sieghart Friz Bürgermeister von Unterensingen. Foto: MA Markus Brändli

Als Helmut Kohl Bundeskanzler war, trat er sein Amt an. 1994 wurde Sieghart Friz Bürgermeister von Unterensingen. Nun ging er in den Ruhestand.

Reporterin: Simone Weiß (swe)

Wie oft wurde sein Name während seiner langen Dienstzeit falsch geschrieben? Das kam schon vor, meint Sieghart Friz. Im Rems-Murr-Kreis gebe es den Namen „Friz“ ohne „t“ häufiger – im Kreis Esslingen sei die Schreibweise nicht so geläufig. Doch ein Fehler im Namen – das ist nichts, was einen alt gedienten ehemaligen Rathauschef auf die Palme bringt. Eine gewisse Gelassenheit hat er sich in 32 Dienstjahren als Bürgermeister von Unterensingen angeeignet. Die nahm der 64-Jährige mit in den Ruhestand.

 

Vor einigen Tagen war er noch der „Herr Bürgermeister“. Nun ist er der „Herr Friz“. Ein Bedeutungsverlust? Wenn ja, dann kann er damit umgehen. „Demokratie lebt vom Wandel“, sagt Sieghart Friz. Bürgermeister sei eben ein Amt auf Zeit – das wisse jeder Amtsinhaber. Zudem könnten neue Köpfe wie sein Nachfolger Robin Schmitt neue Impulse setzen.

 

Dass aber auch er Impulse gesetzt hat, nimmt er selbstbewusst für sich in Anspruch. Er werde in Unterensingen wohnen bleiben. Denn als Gemeindechef habe er mit für eine gute Infrastruktur gesorgt, und die wolle er jetzt auch als Bürger genießen. Reinreden möchte er den neuen Verantwortlichen aber nicht: „Ich werde mich zurückhalten.“ Statt Kommunalpolitik stehen nun Wandern, VfB-Stuttgart-Spiele, Bücher und ein tieferes Eintauchen in sein großes Hobby Geschichte auf dem Tagesplan. Als Bürgermeister hatte er eine Sechs-Tage-Woche. Den Sonntag habe er sich meist aus religiösen Gründen und zur Regeneration frei gehalten. Nun hat er viel Freizeit. Seiner Frau sei nicht bange vor soviel Ehemann, meint Sieghart Friz: „Ich war zu Hause oft mit dem Kopf im Rathaus – das ist nun vorbei.“

Die Treppe zu seinem Büro im Rathaus ist er unzählige Mal rauf- und runtergegangen: Sieghart Friz war seit dem 1. März 1994 Bürgermeister von Unterensingen. Foto: Markus Brändli

Der Egoismus in der Gesellschaft habe zugenommen, sagt Friz

Denn Disziplin gehörte für ihn zum Jobprofil. Von 415 Gemeinderatssitzungen während seiner Amtszeit habe er nur in einer gefehlt. Wegen einer starken Erkältung. Der Tag habe um 7.45 Uhr im Rathaus begonnen, egal, wie lange Sitzungen oder berufliche Termine am Vortag gedauert hätten. Doch die Routine langer Dienstjahre, sagt der Vater zweier erwachsener Kinder, habe ihn nicht davor bewahrt, seine vierte, seine letzte Amtszeit als die herausforderndste und schwierigste zu empfinden – trotz seiner Routine und seiner langen Berufserfahrung.

Die Zeiten seien schnelllebiger geworden, sagt Sieghart Friz. Und der Druck von außen auf das Fällen von Entscheidungen, aber auch auf den Inhalt gefällter Entscheidungen sei immens gestiegen. Auch durch die sozialen Medien. Und der Egoismus in der Gesellschaft habe zugenommen. Doch: „Die Zeit der goldenen Wasserhähne ist vorbei.“ Die Kommunen könnten nicht mehr alle Wünsche der Bürger erfüllen. Die Finanzkrise lasse wenig kommunalen Spielraum. Gründe dafür seien immer mehr Aufgaben für die Kommunen, hohe Personalkosten, steigende Ausgaben etwa für den Unterhalt von Gebäuden. Eine umfassende Finanzstrukturreform tue Not.

„Die Zeit der goldenen Wasserhähne ist vorbei.“

Sieghart Friz, ehemaliger Bürgermeister

Die klassischen Ortsprobleme plagten auch Unterensingen. Kein Hausarzt. Ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) sei in Vorbereitung, erklärt Sieghart Friz. Zwei oder drei Ärzte könnten sich die Arbeit teilen und bürokratische, administrative Aufgaben an eine ausgelagerte Instanz abgeben. Vor Jahren sei er mit Ärzten im Gespräch gewesen, die nach Unterensingen kommen wollten. Doch dann sei einer der Mediziner aus persönlichen Gründen abgesprungen. Diese Absage, so sehr er sie auch nachvollziehen könne, habe ihn nach der intensiven Vorbereitungszeit sehr getroffen. Betroffen gemacht hat ihn auch ein wohl durch Brandstiftung gelegtes Feuer in der Asylunterkunft in der Bachstraße. Verletzt wurde niemand, sagt Sieghart Friz. Doch die Tat, deren Hintergründe wohl nie ganz aufgeklärt wurden, habe ihn belastet.

Als einen großen Erfolg seiner Amtszeit wertet Sieghart Friz aber vor allem den Neubau des Rathauses, das am 13. Mai 2023 gleich neben dem Altbau eingeweiht wurde. Im bisherigen Verwaltungssitz, der seit 1977 unverändert genutzt worden war, seien die Arbeitsbedingungen nicht mehr tragbar und auch bei Neueinstellungen nicht mehr wettbewerbsfähig gewesen.

Einzelhandel gehört in die Ortsmitte, meint Sieghart Friz

Mit Blick auf die Versorgung durch den Einzelhandel sieht Sieghart Friz die Gemeinde mit ihren ungefähr 4960 Einwohnern gut aufgestellt. Die kommunale Streitfrage Ortsrand oder Nicht-Ortsrand hat er zugunsten der Ortsmitte beantwortet. Handel im Außenbereich habe Vorteile – wie mehr Platz zum Bauen oder mehr Parkplätze. Doch das berge auch die Gefahr, dass die Ortsbewohner gleich in größere Städte im Umland zum Einkaufen fahren. Daher setzte Friz auf den Einzelhandel in der Ortsmitte von Unterensingen.

Seine Ansichten wurden wohl von der Mehrheit der Unterensinger geteilt oder zumindest gebilligt. Drei Mal wurde er im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit wiedergewählt. Den Ruhestand kann er nun ohne Gemeinderatssitzungen, Gegenkandidaten oder falsche Schreibweisen seines Namens in offiziellen Anschreiben genießen. Aber das erste hat er gern gemacht, mit dem zweiten konnte er umgehen und das dritte regte ihn nie auf.

Ein Leben für die Verwaltung

Person
Sieghart Friz wurde in Alfdorf im Rems-Murr-Kreis geboren und wuchs in Schwäbisch Gmünd auf. Er schlug die gehobene Verwaltungslaufbahn ein und nach Stationen in den Verwaltungen von Gschwend im Ostalbkreis, Ilsfeld bei Heilbronn und Weinstadt im Rems-Murr-Kreis wurde er im Dezember 1993 im ersten Wahlgang zum Bürgermeister von Unterensingen gewählt. Seine erste Wahlperiode begann am 1. März 1994. Drei Mal wurde er wiedergewählt – zum letzten Mal 2017 bei einem Gegenkandidaten mit 76,45 Prozent der Stimmen.

Kreistag
Der verheiratete Vater zweier erwachsener Kinder sitzt außerdem seit 1999 im Kreistag und wurde 2019 zum CDU-Fraktionsvorsitzenden bestellt. Dieses Amt möchte er bis zum Ende der Wahlperiode 2029 weiterhin ausüben. Sein Nachfolger als Bürgermeister ist Robin Schmitt.

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