Siemens-Kraftwerkssparte Mitsubishi als Partner im Visier

Von Thomas Magenheim 

Der Siemens-Chef Joe Kaeser will den Befreiungsschlag im schwächelnden Kraftwerksgeschäft schaffen. Im Konzern wird daher wohl über einen Schulterschluss mit Mitsubishi Heavy Industrie nachgedacht. Die beiden Konzerne turteln nicht zum ersten Mal miteinander.

Das Gasturbinen-Geschäft bei Siemens   schwächelt. Es trägt inzwischen deutlich weniger zum  Konzerngewinn als  früher  bei. Foto: Siemens
Das Gasturbinen-Geschäft bei Siemens schwächelt. Es trägt inzwischen deutlich weniger zum Konzerngewinn als früher bei. Foto: Siemens

München - Wenn Siemens-Chef Joe Kaeser am 8. Mai Details für seine neue Strategie 2020+ verkündet, wird das ein Jahrestag sein. Zu diesem Datum 2018 haben die Münchner eine vermeintliche Lösung für ihr kränkelndes Gasturbinengeschäft präsentiert. Das zum Politikum erklärte ostdeutsche Werk Görlitz wurde verschont, aber knapp 3000 Jobs kostet die Sanierung in Deutschland dennoch. Der globale Trend weg von Großkraftwerken und hin zu dezentraler Energieerzeugung hält zudem an. Es gibt unvermindert Überkapazitäten beim Bau großer Gasturbinen. „Das Marktumfeld ist unverändert“, heißt es bei Siemens. Investoren haben Kaeser zur Hauptversammlung im Januar deshalb gedrängt, die Krisensparte mit einem asiatischen Wettbewerbern zu verschmelzen. So könnte es nun kommen.

Schulterschluss mit Mitsubishi Heavy Industries gilt als wahrscheinlich

Als wahrscheinlichste Variante gilt ein Schulterschluss mit Mitsubishi Heavy Industries in Japan. Mehrere Medien wollen erfahren haben, dass dazu hinter den Kulissen intensive Gespräche laufen, Siemens selbst schweigt. Die Konzerne kennen sich jedoch. Vor fünf Jahren haben sie gemeinsam versucht, die Kraftwerkssparte von Alstom zu übernehmen – vergeblich. Am Ende ist der US-Rivale General Electric (GE) zum Zug gekommen. Geturtelt haben Siemens und Mitsubishi dem Vernehmen nach auch später nochmals ohne Erfolg.

„Wir haben keine Entscheidung“, sagt ein Insider jetzt zu erwogenen Varianten für die Zukunft des Siemens-Kraftwerksgeschäfts. Als Partner in spe bieten sich neben Mitsubishi theoretisch GE, die italienische Ansaldo und chinesische Kraftwerksbauer an, von denen einer sich namhaft bei Ansaldo eingekauft hat. GE gilt als Sanierungsfall und bietet sich als Partner schon deshalb nicht an, weil die Amerikaner Weltmarktführer bei Großturbinen sind. Ein Schulterschluss hätte kartellrechtlich keine Chancen.

Bündnis mit Chinesen wäre politisch heikel

Ein Bündnis mit einem chinesischen Konzern wäre wirtschaftlich sinnvoller aber politisch heikel, zumal offenbar ein Rückzug von Siemens in eine Minderheitsposition bei einer Kraftwerksfusion zur Debatte stünde. Deutsches Know-how in chinesischen Händen hat nicht gerade Konjunktur.

Andererseits ist der Siemens-Chef Kaeser kein Manager, der vor der Politik katzbuckelt. Ein angenehmerer Partner wäre aber fraglos Mitsubishi. Eine zweite kritische Frage ist, ob Siemens im Kraftwerksgeschäft auf eine Minderheitsposition zurückfallen will und kann. Der Vorteil wäre, dass man die Sparte dann nicht mehr konsolidieren müsste, was Bilanz und Aktienkurs aufmöbeln würde. „Das wäre ein Befreiungsschlag“, meint ein Börsianer zu dieser Variante.

Operativer Gewinn ist drastisch eingebrochen

Experten fürchten ohnehin, dass das einstige Siemens-Vorzeigegeschäft nie mehr zu alter Stärke zurückfindet, weil dauerhaft andere Technologien nachgefragt werden. Um drei Viertel auf magere 377 Millionen Euro sind die operativen Gewinne der Kraftwerkssparte 2018 eingebrochen. Der Margenvergleich von drei Prozent gegenüber der neuen Siemens- Vorzeigesparte Digitale Fabrik mit 20 Prozent spricht Bände. Wirklich lukrativ bleibt auf Sicht nur das Service-Geschäft für große Gas- und Dampfturbinen. Deren Verkauf dagegen ist derzeit sogar defizitär.

Gibt Siemens aber die Kontrolle aus der Hand, drohen neue Konflikte mit IG Metall und Betriebsräten. Die gab es schon 2018 beim Kampf um Görlitz und andere große deutsche Kraftwerksstandorte wie Berlin und Mülheim. Bei möglichen künftigen Sparrunden müssten Gewerkschafter und Betriebsräte mit Mitsubishi verhandeln, falls die Japaner das Kommando übernehmen. Bei dieser Variante stünde deshalb wohl der Betriebsfrieden auf dem Spiel. Damit ist noch ziemlich unklar, wohin die Reise geht. Zugleich ist seitens Investoren die Erwartungshaltung groß, dass Kaeser Anfang Mai eine Lösung für das Siemens-Geschäft mit noch gut zwölf Milliarden Euro Umsatz präsentiert.