Sigmund Freud Die Entzauberung der Psychoanalyse

Sigmund Freud, österreichischer Arzt und Begründer der Psychoanalyse, auf seiner berühmten Couch. Die Aufnahme stammt vermutlich aus dem Jahr 1932. Foto: AP 2 Bilder
Sigmund Freud, österreichischer Arzt und Begründer der Psychoanalyse, auf seiner berühmten Couch. Die Aufnahme stammt vermutlich aus dem Jahr 1932. Foto: AP

Die neue Sigmund-Freud-Analyse, die Freuds Theorien kritisiert, erscheint auf Deutsch. In Frankreich wurde sie blitzartig zum Bestseller.

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Stuttgart - Neulich in Ollioules, einem Küstenort nahe Toulon, abends gegen halb sechs: die Straßen völlig verstopft, die Parkplätze überfüllt. 900 Leute lässt man in die örtliche Sporthalle. Um weiteren Andrang abzuwehren, braucht es die Police Municipal. Es ist kein Jahrmarkt, keine Messe, kein Wahlkampf, und es tritt auch keine Popband auf, sondern lediglich zwei Intellektuelle zum Thema "Kritik und Verteidigung der Psychoanalyse". Der eine ist Boris Cyrulnik, einer der bekanntesten Verhaltensforscher und Psychiater Frankreichs. Eingeladen hat er Michel Onfray, dessen "Le crépuscule d'une Idol", eine höchst kritische Auseinandersetzung mit Sigmund Freud, voriges Jahr innerhalb kürzester Zeit auf Platz eins französischer Bestsellerlisten gelandet ist. Jetzt ist das Buch unter dem Titel "Anti-Freud" auf Deutsch erschienen.

Was in Frankreich so gut ankommt, ist Onfrays Verve, mit der er seine Kritik vorträgt, und seine glasklaren Worte, mit denen er die Dinge beim Namen nennt. Sigmund Freud, ätzt der 1959 geborene Philosoph aus der Normandie, sei ein homophober Phallokrat gewesen, dessen Theoriegebäude auf völlig abstrusen Aussagen fuße. So unterstelle Freud den Frauen einen Penisneid und sehe darin das zentrale Problem der Frauen. Und Homosexualität sehe er als Unterbrechung einer normalen Entwicklung. "Freud ist kein Wissenschaftler", schreibt Onfray und begründet: "Er hat nichts Allgemeingültiges vorgebracht, und seine Lehre ist ein auf seine Hirngespinste, seine Obsessionen und sein vom Inzest gequältes und zerfressenes Innenleben zugeschnittenes Konstrukt."

Freud hielt sich für ein Genie

Das klingt aufrührerisch und will es auch sein. Dass Michel Onfray bloß behaupte und nicht nachweise, kann man ihm nicht vorwerfen. Auf den 544 Seiten seiner Freud-Analyse belegt er Aussage für Aussage mit Zitaten aus historischen Briefen und anderen Schriften. Die Schlüsse, die Onfray zieht, sind zweifellos kühn, aber deshalb müssen sie ja keineswegs falsch sein. Und es tut ihnen auch keinen Abbruch, dass der Autor mit seinen Zuspitzungen die Leute zum Lachen bringt. Etwa wenn er das gleich doppelte Paradoxon vorträgt, dass Freud eine Methode entwickeln wollte, die allgemein gültig sei, für die gesamte Menschheit - außer für Freud selbst. In Wahrheit sei es ganz genau umgekehrt: Die Psychoanalyse, so Onfray, eigne sich, um Freud zu verstehen, "und zwar nur ihn"!

Damit gesellt sich Onfray zu Nietzsche, der den Philosophen vorwirft, Wahrheiten zu deklarieren, wo doch alle Philosophie autobiografisch bestimmt sei. Dass Freud, der jeden Einfluss Nietzsches ohnehin "verdächtig kategorisch" abgestritten habe, damit nicht einverstanden wäre, stört Onfray nicht im Geringsten. Freud habe sich selbst als wissenschaftliches Genie gesehen in einer Reihe mit Kopernikus, der gezeigt habe, dass sich die Erde und damit der Mensch nicht im Zentrum des Universums befinde, und zweitens mit Darwin, der mit seiner Evolutionstheorie den Menschen als Affenabkömmling präsentierte. Als dritte Kränkung des Menschen habe Freud die - als höchste einzustufende - Entdeckung des Unbewussten betrachtet, die er außerdem zu Unrecht als seine ureigene dargestellt habe.

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