Silicon Valley und die Folgen Was die Bankenpleite für Anleger bedeutet
Nach heftigen Turbulenzen auf den globalen Finanzmärkten hat sich die Lage beruhigt. Dennoch löst der Kollaps der Silicon Valley Bank weiter Unruhe auch in Deutschland aus.
Nach heftigen Turbulenzen auf den globalen Finanzmärkten hat sich die Lage beruhigt. Dennoch löst der Kollaps der Silicon Valley Bank weiter Unruhe auch in Deutschland aus.
Die Pleite der kalifornischen Silicon Valley Bank (SVB) und der New Yorker Signature Bank hat die Finanzwelt in Unruhe, aber nicht in Panik versetzt. Akut droht kein Dominoeffekt, und auch die Aktienmärkte zeigen sich widerstandsfähig. Demnach ist es der Washingtoner Regierung und den US-Finanzregulatoren gelungen, für Stabilität zu sorgen. Doch die Nervosität hat Bestand – nach wie vor halten skeptische Marktbeobachter sogar einen späteren Bankencrash für denkbar. Ein Überblick.
Warum ist der Absturz der Silicon Valley Bank so bedeutend? Die Silicon Valley Bank, ein Start-up-Finanzierer, sei von der Bilanzsumme her eine große Bank und spiele eine wichtige Rolle im Silicon Valley – an „einem der bedeutendsten Plätze für die wirtschaftliche Entwicklung der USA und eigentlich auch für uns“, sagt Hans-Peter Burghof, Lehrstuhlinhaber an der Universität Hohenheim. So berge die Pleite erhebliche Risiken: Wenn viele der Firmen im Silicon Valley einen Großteil ihrer liquiden Reserven verlören, könnte der Prozess der Generierung von Innovationen in den USA sehr geschwächt werden.
Doch ist die SVB auch eine sehr spezielle Bank – abhängig von relativ wenigen Investoren und mit Einlagen vieler junger Technologiefirmen. Hinter denen stehen große Venture Capital Fonds, also Risikokapital-Finanzierer, die auf das Geschäftsverhalten der Start-ups Einfluss nehmen. Bei denen habe sich, so Burghof, offenbar der Eindruck verfestigt, dass die SVB nicht mehr sicher sei – dann hätten sie quasi ihre Portfoliounternehmen gezwungen, ihre Einlagen zurückzufordern. „Das ist ein Bank-Run als konzertierte Aktion der Venture-Capital-Industrie.“ Dies habe die hohe Dynamik erzeugt.
Reicht es aus, was die US-Behörden zum Schutz der Anleger und ihrer Einlagen tun? „Ich denke, ja“, sagt der Finanzwissenschaftler. Kurzfristig habe man die Einlagen abgesichert – und zwar über die 250 000 Dollar hinaus, die in den USA ohnehin abgesichert seien. In der Abwägung, dass man damit die falschen Anreize setzen könnte, habe der Staat offenbar das Risiko, dass im Silicon Valley etwas schiefgehen könnte, für gewichtiger gehalten und sei eingesprungen.
Inwieweit hatte die SVB Probleme, die sich auf Deutschland übertragen lassen?
Eigentlich wollte die SVB eher Kredite an die jungen Technologieunternehmen im Silicon Valley vergeben. Die kamen aber so billig an Geld, dass viele große Reserven anhäuften und keine Kredite brauchten. Diese Mittel haben sie dann bei der Silicon Valley Bank geparkt, die mangels besserer Anlagemöglichkeiten in großem Umfang Anleihen erwarb. Diese haben durch den Zinsanstieg an Wert verloren, und nun war die Bank gezwungen, die Buchverluste zu realisieren.
„Das Problem mit dem Zinsanstieg haben alle Banken“, sagt Burghof. Tatsache sei aber auch, „dass den Verlusten in der Bewertung der Anleihen bessere Gewinnaussichten aus dem eigentlichen Zinsgeschäft gegenüberstehen“. In Deutschland leiden selbst die Sparkassen ein Stück weiter unter der Zinsentwicklung, weil sie umfänglich Staatsanleihen mit niedrigen Zinsen in den Depots haben – nun bleiben sie darauf sitzen, denn die Kunden wollen lieber Anleihen mit den höheren Zinsen erwerben. Also müssen die Ladenhüter abgeschrieben werden.
Insgesamt müssen die rund 360 Sparkassen für das Vorjahr 7,9 Milliarden Euro auf Anleihen, Aktien und andere festverzinsliche Papiere abschreiben. Das Geld ist nicht verloren, weil sie bei Endfälligkeit zu den Anschaffungskursen zurückgezahlt werden. Doch müssen entsprechende Rückstellungen vorgenommen werden. Der Sparkassen- und Giroverband hält dies aber für verkraftbar und kann folglich keine Auswirkungen der SVB-Pleite auf die Sparkassen erkennen.
Wie groß sind die weiteren Ansteckungsgefahren für europäische Banken? Nach US-Präsident Joe Biden hat sich Kanzler Olaf Scholz (SPD) in den Konflikt eingeschaltet. Die SVB-Insolvenz sei „wirklich kein Grund, dass sich jemand hier in Deutschland große Sorgen machen muss“, versichert er. Die Gefahr eines Bankencrashs hierzulande sieht auch Burghof nicht – „aber es ist eine Belastung und eine Erinnerung daran, dass im System latent bestimmte Risiken drin sind“. Denn erneut habe sich gezeigt: „Wenn Investoren das Vertrauen in eine Bank verlieren, ist sie pleite.“ Insofern funktioniere der Mechanismus als Bank-Run noch immer – „auch mit der besten Regulierung kriegen wir das Problem nicht raus“. Dennoch müsse man dieses Risiko eingehen, „weil Banken verdammt nützlich sind“.
Sollte die Europäische Zentralbank (EZB) das Tempo bei den Zinserhöhungen bremsen? Spekuliert wird nun, dass die US-Zentralbank Fed – anders als noch vor einer Woche angedeutet – nun doch nicht zu größeren Zinsanhebungsschritten zurückkehrt, sondern das Tempo wieder verlangsamt. Mit Spannung erwartet wird auch, wie die EZB an diesem Donnerstag reagieren könnte.
„Ich bin ein großer Fan des Euro“, sagt der Bankwissenschaftler Burghof. „Er ist eines der wichtigsten machtpolitischen Instrumente, die Demokratie und Freiheit auf der Welt noch haben.“ Damit müsse man sorgsam umgehen, indem die Währungsstabilität als Grundlage eines erfolgreichen Wirtschaftens gewährleist werde. „Die Inflationsbekämpfung ist da ganz zentral.“ Wenn nun eine globale Bankenkrise drohen würde, „verschieben sich die Gewichte wieder“. Aber „allein bei dieser leichten Androhung, das reicht für mich nicht, um das Ziel der Inflationsbekämpfung außer Kraft zu setzen“. Da sei die EZB in der Pflicht, zumal es weiterhin genügend Inflationstreiber wie den Ukraine-Krieg gebe, die ihm Sorgen machten.
Insofern fühlt sich der Bankwirtschaftsprofessor auch bestätigt in seinem Groll über den bisherigen Kurs der Zentralbank: „Wenn die EZB früher mit Zinserhöhungen auf die steigende Inflation reagiert hätte, hätte sie die Zinsen nicht so drastisch erhöhen müssen und uns damit nicht in eine solche Position der Verwundbarkeit unseres Finanzsystems hineinmanövriert“.