An der Kreuzung Kemnater Straße/Schemppstraße geht es morgens vor Schulbeginn häufig chaotisch zu. Manche Eltern bringen ihre Kinder deshalb mit dem Auto zur Schule. Und tragen damit zu einem Teufelskreis bei.

Sillenbuch - Das Bild, das sich an diesem Januarmorgen um 7.30 Uhr am Sillenbucher Markt bietet, könnte Fahrschülern als Paradebeispiel für unübersichtlichen Verkehrssituationen dienen: Es ist noch dunkel, die ersten Schneeflocken des Jahres wirbeln durch die Luft. Auf der nassen Fahrbahn spiegeln sich Autolichter und Straßenbeleuchtung. Zur schlechten Sicht kommt der starke Verkehr: Auf der Kemnater Straße staut es sich. Von der Richard-Schmid- und der Klara-Neuburger-Straße wollen Autofahrer einbiegen. An der Kreuzung mit der Schemppstraße, die in einer Kurve liegt, treffen Linksabbieger von der Schemppstraße auf Linksabbieger von der Kemnater Straße. Und dazwischen sind Kinder und Jugendliche: Sechs- bis Zehnjährige der Grundschule Riedenberg, Geschwister-Scholl-Gymnasiasten, Schüler der Waldorfschule Silberwald. Zu Fuß, auf Fahrrädern, in Gruppen oder allein, mal mehr, meist aber gar nicht gut sichtbar durch entsprechende Kleidung streben sie ihrer jeweiligen Schule zu .

Es ist nun ziemlich genau ein Jahr her, dass die Stadt die Kemnater Straße wegen der dort ansässigen Bildungseinrichtungen zur während Schulzeiten zur 30er-Zone erklärte und digitale Geschwindigkeitsanzeigen installierte. Tatsächlich habe das zu einer „gewissen Drosselung“ des Verkehrs geführt, sagt Anke Köhler. Die Elternbeiratsvorsitzende der Grundschule Riedenberg sagt aber auch, dass das Problem gar nicht unbedingt die Geschwindigkeit der Autos ist: „Hier herrscht morgens ab kurz vor 7.30 Uhr nach wie vor Chaos.“ Mit den brenzligen Situationen, die ihr andere Eltern schildern oder die sie selbst bei der Begleitung ihrer beiden Kinder schon erlebt hat, könne sie ganze Bücher füllen.

Ein Teufelskreis

Den Hauptgrund für das regelmäßige Verkehrschaos sieht die Rektorin der Grundschule Riedenberg Daniela Noe-Klemm in den „überbehütenden Eltern, die meinen, ihre Kinder bis vor die Schultür fahren zu müssen“, wie sie sagt. Dennoch macht sie sich wegen des starken Verkehrs Sorgen um die Schüler, die nicht mit dem Elterntaxi kommen.

Die unübersichtliche Kreuzung Foto: StZ-Grafik zap
Was wie ein Paradoxon klingt, ist eher ein Teufelskreis: Angesichts der gefährlich wirkenden Situation bringen Eltern ihren Nachwuchs mit dem Auto zur Schule – und befördern damit den bisweilen chaotischen Zustand an der Kreuzung Kemnater Straße/Schemppstraße und in den Straßen an den Schulen noch. „Es geht nicht anders, wir wohnen in Sillenbuch. Weil kein anderes Kind von der Grundschule aus Sillenbuch kommt, können wir keine Laufgruppe machen“, sagt Daniela Bürkle. Sie hat gerade mit dem Auto ihren Erstklässler abgesetzt: „Ihn alleine laufen zu lassen, ist mir zu gefährlich.“

Ampel gewünscht

Auch Bürkle findet es am Zebrastreifen über die Kemnater Straße zu unübersichtlich und wünscht sich wie die Rektorin Noe-Klemm und die Elternbeiratsvorsitzende Köhler eine Ampel. Für diese gab es aber seitens der Stadt schon vor geraumer Zeit eine Absage, weil der Abstand zur schon vorhandenen Ampel zu gering sei.

Ob eine Ampel überhaupt die Lösung wäre, will Irmgard Brendgen, Schulleiterin des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, nicht bewerten: „Da müssten Verkehrsspezialisten schauen, was möglich ist.“ Eine zweite Spur für von der Kemnater Straße kommende Rechtsabbieger fände sie sinnvoll. Aber als wirklich gefährlich schätzt Brendgen die Situation unweit ihrer Schule ohnehin nicht ein. Die Sorgen ihrer Kollegin Noe-Klemm kann sie verstehen, zumal diese es mit jüngeren Schülern zu tun hat. „Aber eigentlich ist ja noch nie richtig was passiert“, sagt Brendgen und findet, „dass alle am Zebrastreifen halten“.

Das sieht die Polizei ähnlich: 2015 hat es in dem Bereich vier Unfälle gegeben, teilt sie auf Nachfrage mit. Drei davon seien mit Radfahrern gewesen, die über den Zebrastreifen gefahren sind, obwohl Radler an Fußgängerüberwegen kein Vorrecht haben. „Es ist kein Unfallschwerpunkt“, sagt der Polizeisprecher Thomas Geiger. Damit sie zu einem solchen erklärt würde, müssten an der Kreuzung per definitionem fünf gleichartige Unfälle passieren.