Feinstaub und Müll Sollte das Silvester-Feuerwerk verboten werden?

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Die Böllerei produziert Müllberge und Feinstaub. Dennoch werden wieder Millionen von Euro verpulvert. Doch ein Verbot ist schwierig, das Thema unbeliebt.

Auch in diesem Jahr werden auf dem Stuttgarter Schlossplatz  wieder zahlreiche Raketen gezündet. Ein zentrales Feuerwerk wird es aber nicht geben. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Auch in diesem Jahr werden auf dem Stuttgarter Schlossplatz wieder zahlreiche Raketen gezündet. Ein zentrales Feuerwerk wird es aber nicht geben. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - An diesem Freitag stürmen sie wieder die Geschäfte: die Feuerwerksenthusiasten, für die es nicht Schöneres gibt, als das neue Jahr mit einem Höllenspektakel zu begrüßen. Immer stärker werden Batteriefeuerwerke nachgefragt: Die kleinen Kisten müssen nur einmal gezündet werden – und hinterlassen wegen der vielen Raketenschüsse einen großen Eindruck. 137 Millionen Euro werden die Deutschen wohl auch in diesem Jahr ausgeben, so viel wie 2016 und 2017. In den Jahren zuvor waren die Umsätze stets leicht gestiegen. Nur 2004 gab es einen deutlichen Einbruch, die Bundesregierung hatte nach dem verheerenden Tsunami in Asien dazu aufgerufen, das Geld lieber zu spenden als in Schall und Rauch zu investieren.

Die Feinstabwerte explodieren in der Silvesternacht

Die moralische Debatte über den Sinn der Knallwut wird seit Jahrzehnten geführt. Bereits Anfang der 80-er Jahre hat die evangelische Kirche die Aktion „Brot statt Böller“ gestartet. Auch über die Müllberge wird regelmäßig geklagt. Seit ein paar Jahren führen die Kritiker der Knallerei ein weiteres Argument an: Nicht nur, dass Geld in die Luft geblasen werde, sei verwerflich, sondern auch die damit einhergehende Luftverschmutzung ein Gesundheitsrisiko. Steigen doch die Feinstaubwerte in der Silvesternacht explosionsartig. Am ersten Tag des neuen Jahres sei die Konzentration vielerorts so hoch wie sonst im ganzen Jahr nicht, warnt das Umweltbundesamt. Bei der Böllerei würden rund 4500 Tonnen Feinstaub frei gesetzt, diese Menge entspreche in etwa 15,5 Prozent der jährlich im Straßenverkehr abgegebenen Feinstaubmenge und mehr als zwei Prozent aller Feinstaub-Emissionen.

Insbesondere Großstädte sind betroffen. Im fränkischen Fürth etwa wurde am 1. Januar 2018 nach Mitternacht der Spitzenwert von 1331 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft gemessen, gefolgt von der Nachbarstadt Nürnberg mit 1181 Mikrogramm. Als Grenzwert in der EU gilt ein Tagesdurchschnittswert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter, er darf nur an 35 Tagen im Jahr überschritten werden. Die Nebel haben sich Anfang 2018 zumindest schnell verzogen, weil ein kräftiger Wind blies und anhaltender Regen die Luft reinwusch. Bei Inversionswetterlage kann das deutlich länger dauern.

In manchen Altstädten ist das Böllern verboten

In Stuttgart, aufgrund der Lage im Talkessel besonders gefährdet, war schon häufiger ein Böller-Verbot im Gespräch. Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) hatte auch prüfen lassen, ob das angesichts hoher Feinstaubwerte möglich sei. Das Ergebnis: Dafür fehlt die rechtliche Grundlage. Nur an historischen Orten wie Schloss Solitude und der Grabkapelle auf dem Württemberg gilt für die Besucher in der Silvesternacht ein generelles Feuerwerksverbot.

Feuerwerksverbote gibt es in Deutschland trotz aller Risiken nur wenige: So ist das Böllern nur in unmittelbarer Nähe von Kirchen, Krankenhäusern, Altenheimen und Reet- und Fachwerkhäusern verboten. Die schärfste Waffe gegen die Lunte bleibt der Brandschutz. Etliche Kommunen mit historischen Altstädten haben beschränkte Verbote erlassen, im Südwesten beispielsweise Tübingen, Rottweil, Herrenberg und Esslingen. Zu groß ist das Risiko, dass eine Rakete den Dachstuhl eines historischen Gebäudes in Brand setzt– so wie vor zehn Jahren in der Tübinger Altstadt. Damals hatte der grüne OB Boris Palmer nur wenige Tage nach Silvester entschieden, dass auf dem Marktplatz keine Raketen mehr abgeschossen werden dürfen.

Das Thema Böller-Verbote ist unpopulär

Seit Jahren wird auch in Berlin über Verbotszonen diskutiert. Von bürgerkriegsähnlichen Zuständen in einigen Bezirken sprachen Politiker. Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte hätten angesichts der Vielzahl der Einsätze sicher nichts dagegen, der Knallerei Einhalt zu gebieten. Doch so richtig ist man in der Bundeshauptstadt noch nicht vorangekommen: Auch dieses Jahr darf fast überall und so viel wie immer geböllert werden.

Landes- und Bundespolitiker halten sich auffällig zurück, wenn es darum geht, das Böllern zu untersagen. Sie wissen genau: Das Thema ist etwa genauso populär wie Fahr- oder Fleischverbote. Da appelliert man lieber an die Einsicht der Bürger. Vielleicht geben die ja mal Ruhe.

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