Silvester in Esslingen Leiser Jahreswechsel steht ins Haus

Schön, aber umstritten: Ein großes Feuerwerk über Esslingen wird es auch zum Jahreswechsel 2021/2022 nicht geben. Foto: Roberto Bulgrin

Coronabedingt ist der Verkauf von Feuerwerkskörpern zum Jahreswechsel untersagt. Die Kliniken sollen durch von Böllern verursachte Verletzungen nicht zusätzlich belastet werden. Die Meinungen über die strengen Regeln gehen auseinander.

Esslingen - Silvester 2021 wird wieder kein Kracher werden. Denn zum Jahreswechsel gilt mit Blick auf die Pandemie erneut ein Verkaufsverbot von Böllern. Die Meinungen dazu sind geteilt.

 

Die Stadt Esslingen

Die Stadt Esslingen Gut so, meint die Esslinger Stadtverwaltung, die das Verkaufsverbot laut ihrem Sprecher ausdrücklich begrüßt. So könne eine weitere Belastung des Klinikums verhindert werden. Auch ohne die Patienten mit Verletzungen durch Böller und Raketen sei die Notaufnahme stark ausgelastet. Zudem sorge das Verbot für eine Entlastung der Rettungskräfte, die an Silvester jedes Jahr enorm gefordert seien. Sprecher Niclas Schlecht betont zudem, dass das Abbrennen pyrotechnischer Gegenstände in der gesamten Esslinger Altstadt mit ihren brandempfindlichen Gebäuden sowieso seit Jahren untersagt sei. Zudem gelte ein Böllerverbot in unmittelbarer Nähe von Kirchen, Kliniken sowie Kinder- und Altersheimen.

Der Landkreis Esslingen

Landkreis Esslingen Das Esslinger Landratsamt verweist darauf, dass das Böllerverkaufsverbot aus gesundheitspolitischen Gründen ausgesprochen wurde. Was die Entlastung der Feuerwehr anbelangt, sind die Zahlen hingegen nicht so eindeutig. Laut Andrea Wangner, der Sprecherin der Kreisbehörde, wurden zum Jahreswechsel 2018/2019 in der Zeit zwischen dem 31. Dezember um 18 Uhr und Neujahr um 8 Uhr acht Brandeinsätze gezählt. Zum Jahreswechsel 2019/2020 gab es neun Einsätze. Zu Silvester 2020, als coronabedingt erstmals der Böllerverkauf untersagt war, wurden die Wehren zu drei Brandeinsätzen gerufen. Wangner stellt jedoch klar: „Damit scheint die Zahl der Einsätze um rund zwei Drittel zurückgegangen zu sein. Dieser Schluss kann aber letztlich nicht gezogen werden, weil die Datenmenge der Vergleichszahlen insgesamt zu gering ist, um daraus eine Folge abzuleiten“. Für den Rettungsdienst hätten sich die Einsatzzahlen zum Jahreswechsel in den drei letzten Jahren auf einem vergleichbaren Niveau eingespielt.

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Handelsverband Württemberg

Handelsverband Württemberg Als „wirtschaftlich tragisch“ bezeichnet Sabine Hagmann vom Handelsverband Baden-Württemberg das erneute Böller-Verkaufsverbot an Silvester. Etwa 30 Millionen Euro würden in Baden-Württemberg normalerweise mit pyrotechnischen Sortimenten umgesetzt – diese Einnahmen würden erneut wegfallen. Weil die Produkte frühzeitig bestellt werden müssten, bleibe der Einzelhandel auf Ware sitzen. Die Lagerung sei aus sicherheits- und versicherungsrechtlichen Gründen schwierig. Durch das Verbot bestehe die Gefahr von Alternativkäufen im Ausland. Die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands betont auch die optischen Vorzüge des Feuerwerks: „Viele Menschen finden es schön, wenn bunte Raketen in die Luft gehen.“

Esslingen-Feinstaub-Lärm

Initiative Esslingen-Feinstaub-Lärm Ganz offen begrüßt die Gruppe Esslingen-Feinstaub-Lärm das Verkaufsverbot von Pyrotechnik: „Die hemmungslose Vernichtung von Ressourcen gehört nicht mehr in unsere Zeit.“ Luftverschmutzung, schwerste Verletzungen, Brände, Überlastungen von Krankenhäusern und Feuerwehr, Lärmbelästigung für Mensch und Tier sowie die Vermüllung der Städte seien Folgen des Silvester-Feuerwerks. Das Verkaufsverbot im vergangenen Jahr habe sich positiv auf die Luftqualität ausgewirkt, meint Jörg Sanzenbacher von der Initiative: „Messgeräte von Luftdaten.info konnten schon wenige Stunden nach Mitternacht wieder Grün anzeigen. In anderen Jahren konnte das Tage dauern.“ Baumärkte hätten schon 2019 angekündigt, künftig keine Feuerwerkskörper mehr verkaufen zu wollen.

Klinikum Esslingen

Klinikum Esslingen Mehr noch als das Verkaufsverbot von Böllern befürwortet das Klinikum Esslingen die Kontaktbeschränkungen zum Jahreswechsel. Die Arbeitsbelastung durch Verletzungen durch Böller sei zu Silvester überschaubar, sagt Sprecherin Anja Dietze. Viel höher sei die Zahl der Patienten, die an Neujahr aufgrund der Folgen von zu hohem Alkoholkonsum in das Krankenhaus eingeliefert würden.

Tierschutzverein Esslingen

Tierschutzverein Esslingen Haus- und Wildtiere würden auf den Feuerwerkslärm mit Stress, Panik, Verstörung, Zittern und Verhaltensauffälligkeiten reagieren, hat Horst Theilinger als Leiter des Esslinger Tierheims beobachtet. Das Knallen um Mitternacht sei schlimm genug. Doch meistens werde an Nicht-Corona-Silvestern bereits den ganzen Tag über geschossen: „Das ist nicht gut für unsere Tiere.“ David Koch, Vorsitzender des Tierschutzvereins, regt an, das sonst für Böller ausgegebene Geld für gemeinnützige Zwecke zu spenden.

Feuerwehr Esslingen

Feuerwehr Esslingen Silvester sei im vergangenen Jahr weniger brenzlig gewesen, hat Esslingens Feuerwehrkommandant Oliver Knörzer beobachtet: „Die Anzahl der Kleinbrände in Mülleimern, Abfallhaufen oder sehr trockenen Bäumen ist spürbar zurückgegangen.“ Zum Jahreswechsel 2019/ 2020 seien in der Stadt neun Brände durch Feuerwerkskörper entstanden. Im Vorjahr wurde kein einziger gezählt. Auch das Böllerverbot in der Altstadt sei zu begrüßen.

Verband Pyrotechnischer Industrie

Feuerwerkshersteller Von einem Todesstoß für die Branche spricht Klaus Gotzen vom Verband der Pyrotechnischen Industrie. Feuerwerksfirmen, Händler und Logistiker würden ihrer Lebensgrundlage beraubt, etwa 3000 Menschen könnten ihren Arbeitsplatz verlieren: „Aktuell befinden sich rund 200 000 Paletten Feuerwerk in den Lagern. Bundesweit bedeutete das Vernichtungskosten von etwa 100 Millionen Euro – und darin sind Logistikkosten noch nicht eingeschlossen.“ Die Bankverbindlichkeiten der Branche würden sich nach zwei Jahren ohne Umsätze auf etwa 200 Millionen Euro belaufen. Dabei seien nur etwa fünf Prozent der Krankenhausbesuche zum Jahreswechsel auf Feuerwerke zurückzuführen.

Gefahr durch Knaller aus dem Ausland

Die Einfuhr
Kein Verkauf von Böllern im Inland auch zu Silvester 2021. Doch vor einem Ausweichen auf die Nachbarländer kann Oliver Buttler von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg in Stuttgart nur warnen. Nicht alle Feuerwerkskörper aus dem Ausland dürften in Deutschland eingeführt werden. Der Import aus bestimmten Länden wie etwa Polen müsse beim Zoll angemeldet werden. Die illegale Einfuhr nicht zugelassener Feuerwerkskörper ziehe Strafen nach sich.

Gesundheitsgefahr
Problematisch ist es laut Verbraucherzentrale auch, dass es gerade in Polen oder Tschechien viele Feuerwerkskörper gebe, die in Deutschland wegen der zu hohen Sprengkraft nicht zugelassen sind. Das CE-Zulassungszeichen sei teilweise falsch. Man könne daher nicht sicher sein, zulässiges Feuerwerk gekauft zu haben.

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