Debatte um Silvesterböller Stuttgarter Feuerwerkshändler appelliert an die Vernunft

Von Anja Widenmann 

Damit Haustiere an Silvester weniger Angst haben, geben ihnen ihre Halter auch Medikamente, berichtet eine Tierärztin aus Filderstadt. Ein Verkäufer aus Stuttgart-Degerloch hat derweil Böller im Angebot, die weniger Krach machen sollen.

Eine wichtige Tradition – oder nicht mehr zeitgemäß? Hierauf gibt es verschiedene Antworten. Foto: dpa/Christoph Schmidt
Eine wichtige Tradition – oder nicht mehr zeitgemäß? Hierauf gibt es verschiedene Antworten. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Filder - An Silvester scheiden sich die Geister. Für die einen gehören die farbenfrohen Feuerwerke am Nachthimmel dazu, um das alte Jahr zu verabschieden und das neue zu begrüßen. Doch diese Tradition gerät zunehmend ins Gerede. In Stuttgart ist es dieses Jahr erstmals verboten, auf dem Schlossplatz Raketen zu zünden. Grund ist, dass die Polizei es nicht mehr leisten kann, die Besucher zu schützen – sei es vor dem Feuerwerk oder vor Unruhestiftern.

Und wie handhaben das die Kommunen Filderstadt, Leinfelden-Echterdingen und Waldenbuch? „Bei uns hat sich seit dem letzten Jahr nichts geändert“, sagt Gisela Fechner, Sprecherin der Stadt Leinfelden-Echterdingen. Heißt: „Feuerwerke sind immer noch unmittelbar vor Kirchen, Krankenhäusern, Kinder- und Altenheimen sowie vor Reet- und Fachwerkhäusern verboten. Sonstige Verbote gibt es nicht.“ Dasselbe gilt in Filderstadt, wie das Ordnungsamt auf Anfrage mitteilt.

In Waldenbuch ist das Böllern in der Altstadt schon lang verboten

In Waldenbuch ist der Altstadtkern bereits im Jahr 2009 zur feuerwerksfreien Zone erklärt worden. Wer sich nicht daran hält, begeht eine Ordnungswidrigkeit und muss mit einem Bußgeld von bis zu 50 000 Euro rechnen. Auslöser für das Verbot war, dass ein Wohnhaus an der Danneckerstraße abgebrannt war. Die Feuerwehr hatte damals Mühe, zu verhindern, dass die Flammen nicht auf die benachbarten Fachwerkbauten übergesprungen sind.

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov würden es 57 Prozent der 2000 Teilnehmer befürworten, Feuerwerk an Silvester zu verbieten. Den Kritikern geht es dabei um den Umwelt- und den Lärmschutz, aber nicht nur. Ein weiteres Argument ist der Tierschutz. Denn für Tiere sei Silvester sehr stressig, wie die Filderstädter Tierärztin Dorothee Wiest erklärt. „Sie haben Angst. Die Schreie, der Lärm – sie denken wahrscheinlich, dass die Welt untergeht.“ Deshalb empfiehlt sie Besitzern von ängstlichen Tieren, ihre Liebsten an Silvester vor Licht und Lärm abzuschirmen und sie nicht allein zu lassen. Viele Tierhalter greifen laut Wiest mittlerweile auch zu anderen Mitteln: „Es gibt Medikamente, die beruhigend und angstlösend wirken sollen. Aber jedes Tier reagiert anders darauf.“ Sprich, es sei nicht gesagt, dass die Arznei hält, was sie verspricht. Besser fände sie: „Ein Feuerwerksverbot wäre ganz klar den Tieren zuliebe sinnvoll.“ Und zwar nicht nur für Haustiere, sondern auch für jene, die wild lebten.

Umwelthilfe warnt vor Feinstaub

Das bestätigt die Filderstädter Umweltreferentin Claudia Arold: „Es ist wichtig, Feuerwerke nicht in der Nähe von Grünanlagen, dem Rückzugsort vieler Tiere, zu zünden.“ Zudem sei der Verpackungsmüll, der an Silvester häufig in der Natur lande, ein weiteres Problem. Und die Deutsche Umwelthilfe warnt vor dem Feinstaub, der an Silvester entsteht. Er macht rund 15 Prozent des Feinstaubs aus, den der deutsche Straßenverkehr im Jahr produziert. Deshalb stellte die Organisation in 98 Städten – darunter auch Stuttgart – den Antrag zum Verbot oder zur Beschränkung der Silvesterböllerei.

Einen anderen Blick auf die Sachlage hat derweil Christof Gohl vom Veranstaltungs- und Pyrotechnikfachhandel „Feuerwerk Stuttgart“ in Degerloch. „Feuerwerk verursacht Dreck, keine Frage“, sagt Gohl, „aber es ist nicht so viel, wie oft in den Medien rüberkommt“. Fürs Tierwohl zum Jahreswechsel bietet Gohl, der selbst Hundebesitzer ist, mittlerweile vermehrt geräuschreduziertes Feuerwerk an. „Dieses Feuerwerk ist leiser und somit eher für Tierbesitzer und Familien mit Kleinkindern geeignet“, sagt er.

Es gehöre Verantwortung dazu

Ein Problem sieht er darin, dass jeder so viel Feuerwerk besorgen kann, wie er will. Derzeit seien Böller und Raketen für Volljährige ohne Beratung in vielen Super- oder Baumärkten erhältlich. „Es gehört Verantwortung dazu“, sagt Gohl. „Man muss in einer Fachberatung an die Anwender appellieren, das Feuerwerk richtig zu verwenden. Man bekommt ja in der Apotheke auch keine Medikamente ohne Beratung.“

Zudem sei Feuerwerk zu billig. „Das führt dazu, dass die Leute gleich große Mengen kaufen.“ Mehr als 130 Millionen Euro wurden vergangenes Jahr bundesweit in die Luft gejagt. Dass Feuerwerk für Silvester komplett verboten wird, wäre für Gohl undenkbar. „Ich finde, das hat eine lange Tradition. Die sollte erhalten bleiben.“ Gegen das Verbot auf dem Schlossplatz hat er aber nichts. „Das hätte ich schon vor 15 Jahren gemacht. Auf Plätzen mit Massenansammlungen gehört Feuerwerk einfach verboten.“

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