Krimikolumne

Simon Beckett: „Totenfang“ Ganz nah am Obduktionstisch

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Dr. David Hunter ist wieder da. Sein jüngster Fall „Totenfang“ führt ihn in ein unwirtliches Mündungsgebiet in Essex, wo Leichen schnell mit der Flut verschwinden – oder eben nicht, wenn der Mörder Pech hat.

Simon Beckett hat Freude an der detailreichen Schilderung von Leichnamen. Foto: dpa
Simon Beckett hat Freude an der detailreichen Schilderung von Leichnamen. Foto: dpa

Essex - Vor der Küste von Essex muss eine Wasserleiche geborgen werden. Die örtliche Polizei holt Dr. David Hunter dazu, dem zwar wegen früherer spektakulärer Fälle ein fragwürdiger Ruf vorauseilt, der sich aber als forensischer Anthropologe gut auskennt mit Leichen, die lange in unwirtlichen Gegenden herumlagen und in einem entsprechend schlechten Zustand sind. Stark verwest, von Krabben und anderem Meeresgetier verunstaltet, präsentiert sich den Ermittlern die mutmaßliche Leiche des seit Wochen spurlos verschwundenen Leo Villiers, Spross einer einflussreichen Familie.

Villiers wiederum steht im Verdacht, eine Affäre mit der verheirateten Emma Darby gehabt und sie umgebracht zu haben. Doch David Hunter kommen Zweifel: Einen Tag später treibt ein einzelner Fuß im Wasser, der nicht zur soeben entdeckten Leiche gehört... Bei seinen Ermittlungen gerät Hunter nach und nach zwischen die Fronten bis zum spektakulären Showdown. Das hat auch mit einer Romanze zu tun, die unerlässlich zu Hunters Erlebnishorizont zählt.

Der Nur-noch-dieses-Kapitel-Sog

Mit seinem vierten Thriller rund um die Fälle des Anthropologen David Hunter präsentiert sich Simon Beckett in Bestform. Bisweilen etwas zu wort- und detailreich, aber immer mit hohem Tempo, treibt er „Totenfang“ voran. Die Cliffhanger am Ende der Kapitel wirken gelegentlich routiniert, funktionieren dann aber doch. Der Leser mag das Buch nicht aus der Hand legen und erliegt dem Nur-noch-dieses-Kapitel-Sog. Seinen besonderen Reiz hat „Totenfang“ durch die Landschaft. Das Mündungsgebiet Backwaters an der englischen Ostküste Essex, das bei Flut gelegentlich so voll läuft, dass Menschen kaum mehr weiterkommen, ist rau und unwirtlich, und oft ist ein Boot die bessere Wahl als das Auto.

Wer Hunters Abenteuer kennt, weiß: Simon Beckett spart nicht mit Details bei der Arbeit des forensischen Anthropologen. Was das so aus dem Wasser gefischt wird und auf dem Untersuchungstisch landet, ist meistens in einem höchst unappetitlichen Zustand, den Beckett ausführlich schildert. Das mag für manchen Leser effekthascherisch sein, auf andere wirkt es wie eine Beschreibung in einem medizinischen Fachbuch. Wer die Leichenprosa beiseite lässt, hat einen waschechten englischen Krimi in der Hand, den er bis zum Ende nur selten aus der Hand legen wird.

Simon Beckett: Totenfang. Thriller. Rowohlt Verlag Hamburg 2016. Hardcover, 557 Seiten, 22,95 Euro. Auch als E-Book, 19,99 Euro.