Simon Glocker: vom Model zum Bäcker Laugenweckle statt Laufsteg
Als Simon Glocker beschließt, in seinen Heimatort Gomadingen zurückzukehren, ist er ein Model mit Jobs in ganz Europa. Doch er übernimmt lieber die Bäckerei der Eltern.
Als Simon Glocker beschließt, in seinen Heimatort Gomadingen zurückzukehren, ist er ein Model mit Jobs in ganz Europa. Doch er übernimmt lieber die Bäckerei der Eltern.
Gomadingen - Im Zentrum von Gomadingen ist am Samstagmittag nicht viel los. Ein Mann führt seinen Hund Gassi, eine Frau fegt den Gehweg. Die Lauter plätschert vor sich hin. Am Morgen war das anders. Da standen die Kunden Schlange auf dem Marktplatz, bis runter zum Flüsschen, erzählt Simon Glocker. Ihr Ziel: die Mühlenscheuer. Ein denkmalgeschütztes Schmuckstück, in dem seit fast zwei Jahren die Bäckerei Glocker zu Hause ist. Für Simon Glocker ist es Ansporn und Lohn zugleich, wenn die Kunden eine halbe Stunde Wartezeit in Kauf nehmen, um bei ihm Brötchen zu holen. Der 33-Jährige hat an diesem Samstag mit seinen Mitarbeitern 2500 Brezeln geschlungen, 1500 Brötchen und 400 Brote gebacken. „I hann scho älles“, sagt ein Mann zur Frau hinterm Verkaufstresen. Kurzes Nicken. Man kennt sich.
Die Bäckerei ist Simon Glockers Welt. Im Januar hat er den Betrieb von den Eltern übernommen. Die Liebe zum Brot ist ihm schon als Kind in Fleisch und Blut übergegangen. Er setzt auf alte Handwerkstradition. Klasse statt Masse. Er kann über Brot philosophieren wie andere über den Sinn des Lebens. Über Teigreife und die damit verbundenen „krassen Aromen“. Über die Möglichkeit, mit wenigen Zutaten ein perfektes Brot zu kreieren. Über Baguette, das – richtig gemacht – ohne Belag auskommt. „Brot darf nicht belanglos sein“, sagt er. „Ich möchte nicht, dass die Leute sagen: ,Ich hol mir schnell ein Brot, damit was auf dem Tisch steht.‘“ Er freut sich darüber, wenn Kunden nachfragen, was drin steckt, woher die Zutaten kommen. „Das möchte ich salonfähig machen.“ Sein Lieblingssatz: „Die Zukunft des Brots ist seine Vergangenheit.“
Simon Glockers Geschichte ist keine gewöhnliche Bäckergeschichte. Sie hätte anders enden können. Auf den Laufstegen dieser Welt, mit Glamour und Bling-Bling. In New York, Mailand oder Paris. Sein Vater Klaus-Dieter jedenfalls hatte kaum noch zu hoffen gewagt, dass der Sohn in seine Fußstapfen treten würde.
Zwar macht der Spross nach der Schule eine Bäckerausbildung im elterlichen Betrieb, doch danach zieht es ihn weg. „Ich muss noch was anderes sehen.“ In Metzingen wird Simon Glocker Banker. Fünf Jahre arbeitet er am Serviceschalter, bis er merkt: Die Backstube fehlt. „Da gibt es Sinnhaftigkeit, darin gehe ich auf.“ Er macht eine Kehrtwende, in einer Bäckerei in Ludwigsburg nimmt er einen Job als Geselle an. Gleichzeitig besucht er die Meisterschule. Zeit, um Ideen zu spinnen. Neue Brotsorten zu erfinden. Mit Gleichgesinnten zu fachsimpeln. „Für mich war das ein perfektes Jahr.“
In dieser Zeit lernt Simon Glocker noch eine andere Welt kennen. Er wird als Model entdeckt, da ist er 23. Ein Freund nimmt ihn mit in die Stuttgarter Agentur Brody. Völlig unbedarft sei er da rangegangen. „Am Anfang fühlte sich das surreal an. Ich hab nie über mich gedacht: Ich sehe super aus, ich werd jetzt mal Model.“
Doch die Agenturleute sehen Potenzial in ihm. Die Kunden offensichtlich auch. Glocker dreht einen Werbespot für die französische Bahn, steht für Breuninger vor der Kamera, für Nike, Nivea, Puma und Rodenstock. Eine zweite Agentur in Frankfurt nimmt ihn auf, schickt ihn zum „Playboy“-Casting nach Berlin, vermittelt Modeljobs im Ausland. Er modelt für eine Modemarke aus Dubai, läuft mit Boris Beckers Tochter Anna Ermakowa auf einer Fashionshow, und auch die Herren Joop und Lagerfeld interessieren sich für den brünetten 1,83-Meter-Mann mit dem breiten Lächeln und dem Sixpack.
Simon Glocker zeigt ein Selfie auf seinem Handy: Seite an Seite mit Bastian Schweinsteiger. Er traf ihn beim Dreh für Adidas. Die gesamte Nationalmannschaft war dabei. „Da segelten die Fußballschuhe am Fallschirm hängend auf den Platz, das war grandios.“ Es sei sein emotionalster Modeljob gewesen. Glocker hat das Modeln nie gelernt. „Ich glaube, entweder hat man das Talent oder nicht. Das ist Learning by Doing.“ Man müsse wandelbar sein, offen und stets griffbereit.
Zwei Jahre schafft er den Spagat zwischen Kamera und Backstube. Als er immer öfter für Schauen gebucht wird und die Agentur ihm anbietet, für sechs Monate nach Südafrika zu gehen, hat er das Gefühl, sich entscheiden zu müssen. Das Modeln macht ihm Spaß, das Reisen, die vielen neuen Bekanntschaften, „aber letztendlich ist es auch nur ein Job“. Er steht kurz vor der Meisterprüfung und spürt: Bäcker sein und Model, das passt auf Dauer nicht zusammen. Ihm ist bewusst, dass er Karriere machen könnte auf dem Laufsteg. Doch er weiß auch, dass alles vom Blick Einzelner abhängt. „In einem Moment ist man jemand, im nächsten ein Niemand.“ Glocker erzählt von Fotografen, die einem ins Gesicht schleudern: „Das, was du machst, ist Scheiße!“ – „Dann fühlst du dich wie eine Gurke.“
Nachdem er 2014 den Meisterschein in der Tasche hat, macht er noch eine Weiterbildung zum Betriebswirt. Dann kehrt er zurück nach Hause. Auf die Alb. Ins Dorf seiner Kindheit. Für manche mag das ein Rückschritt sein. Für Simon Glocker ist Gomadingen Lebensqualität. Die Natur. Die Luft. Der Ort, so unaufgeregt wie seine 2200 Bewohner. Er ist gerne in der Natur, in den Bergen. „Das bringt mich runter, da vergesse ich den Stress.“ Er fährt Ski, spielt Tennis und Fußball. Früher war er Trainer der Ersten Herrenmannschaft in Gomadingen. „Das Verankert-Sein in der Heimat, das gibt mir innere Ruhe“, sagt er.
Es gibt im Ort viele Rückkehrer wie ihn. Abwanderung und Stillstand? Kennt man in Gomadingen nicht. „Ganz viele haben die Welt gesehen und erkannt, wie schön es hier ist.“ Das Land biete genügend Potenzial für Innovation. Man müsse sich nur trauen. Glocker hat etliche Bekannte, die wie er das Geschäft der Eltern in die Zukunft führen oder eines neu gegründet haben. Er sagt, die Alb habe einen Imagewandel vollzogen. Viele Städter ziehe es hierher. Gefühlt gebe es Hunderte Direktvermarkter, denen die Produkte aus den Händen gerissen würden. Schmunzelnd merkt er an, dass die Älbler, die als Bruddler gelten, offener geworden seien.
Simon Glocker ist verheiratet mit einer Älblerin. Auch seine Frau Vanessa ist eine Rückkehrerin. „Ich dachte, meine Frau, die muss ich in der großen weiten Welt suchen.“ Gefunden hat er sie im Nachbarort Kohlstetten. Auch sie hat es vor vielen Jahren weggezogen, nach Zittau in Sachsen, wo sie Wirtschaftsingenieurin wurde und in der Immobilienbranche arbeitete. Heute hilft sie beim Verkauf der Backwaren mit. „Wir brennen für dasselbe“, sagt ihr Mann. „Es war nicht geplant, dass sie einsteigt, aber sie wollte das wirklich.“ Gemeinsam waren sie in Wien und in Barcelona, um sich Bäckereien und Cafés anzuschauen. Wie machen die das? Wie präsentieren die sich?
Glocker sagt, er sei immer bodenständig gewesen. Heute modelt er nur noch selten. Selbstbewusstsein zieht er aus dem Feedback der Bäckerei-Kunden. Wer zufrieden mit dem Service ist, kann eine Glocke am Ausgang läuten. Die Idee hat Glocker aus Amerika mitgebracht. „Dort werden Dienstleistungen wertgeschätzt.“
Schon sein Opa war Bäckermeister. Ihm gehörte ein Betrieb in der Stuttgarter Alexanderstraße. In den 60er Jahren kehrten die Großeltern in ihre Heimat auf der Alb zurück. In Gomadingen übernahmen sie eine Bäckerei mit Café und Tanzlokal. Simon Glockers Vater Klaus-Dieter war vor 25 Jahren Mitbegründer der Erzeugergemeinschaft Albkorn. 23 Landwirte, zehn Bäckereien, eine Brauerei und eine Mühle gehören ihr heute an. Sie verpflichten sich dazu, hochwertiges Mehl regional zu produzieren und zu verarbeiten.
Simon Glocker ist Mitglied bei den Food Rebellen, einem Netzwerk junger Unternehmer aus dem Raum Reutlingen/Tübingen, die das Besondere lieben, auf Qualität achten und sich gegenseitig unterstützen. Rebellisch mag es dem Vater vorgekommen sein, als der Sohn begann, die Bäckerei umzukrempeln.
Als er zurückkehrte, sah er den Betrieb mit anderen Augen. „Es gab keine Homepage, kein Facebook, keinen Instagram-Auftritt. Gefühlt habe ich an jeder Ecke was gesehen, was ich anpacken wollte.“ Er organisierte Backkurse im ehemaligen Saustall der Mühlenscheuer. Er entwarf ein neues Logo. „Mein Vater fragte oft: ,Ist das Arbeiten, was du da machst?‘“
Es gab stundenlange Diskussionen und Streitgespräche mit dem Vater. „Ideen durchzusetzen, das war mühsam.“ Simon wollte mit dem Kopf durch die Wand, der Vater bremste: „Du kannst nicht auf tausend Hochzeiten tanzen.“ Heute ist Simon Glocker dankbar dafür, dass die Eltern ihn geerdet haben. Der Vater, mittlerweile 66, erkennt an, was der Sohn erreicht hat. Der sagt, dass er nicht wachsen möchte um jeden Preis. 20 Filialen aufbauen? „Nein, es soll besonders bleiben.“
Simon Glocker steht jeden Morgen um vier in der Backstube. Er möchte nicht nur führen und verwalten, sondern den Teig in den Händen spüren. Er weigert sich, mittags Schnitzel anzubieten. Stattdessen gibt’s Röstbrote mit Avocado, Grillgemüse, Wacholderschinken oder Lachs.
Zur Bäckerei gehört ein kleiner Laden, der einen Beitrag zur Nahversorgung im Dorf leistet. Simon Glocker hat Tiefkühlpizza, Zigaretten und Coca-Cola aus dem Sortiment verbannt, setzt auf Regionales. Vater Klaus-Dieter war zuerst skeptisch, ob das dem Älbler reicht.
Der Älbler läutet oft die Glocke am Ausgang des Geschäfts. Wie in Amerika.