Simon Schempp im Formtief Das zähe Comeback eines Biathlon-Weltmeisters

Von Jürgen Kemmner 

Beim Weltcup in Östersund versucht der 31-Jährige, zu alter Form zu finden.

Simon Schempp: Zurück in der Loipe, aber nicht in der Spur. Foto: Baumann
Simon Schempp: Zurück in der Loipe, aber nicht in der Spur. Foto: Baumann

Östersund - Das war zäh“, sagte Simon Schempp, „ich bin alles andere als zufrieden.“ Zäh. Dieses kurze Wörtchen beschreibt die Situation, in der der 31-Jährige aktuell steckt, ziemlich gut. Es geht nicht so wirklich voran, der Biathlet aus Uhingen kommt nicht richtig vom Fleck. Der Massenstart-Weltmeister von 2017 hatte sich im Januar dieses Jahres beim Weltcup in Oberhof eine freiwillige Pause verordnet, er fühlte sich körperlich wie mental ausgebrannt. Rien ne va plus, nichts geht mehr. Nun gab Simon Schempp in Östersund sein Weltcup-Comeback. Und das war ziemlich zäh.

In der Mixed-Staffel belegte das deutsche Team lediglich Rang sieben, Schempp musste fünfmal nachladen, auf der Strecke tat er sich schwer. Im Sprint am Sonntag zielte der Olympiazweite im Massenstart zwar deutlich besser, er musste nur einmal in die Strafrunde, doch in der Loipe spürte Schempp erneut ziemlich deutlich, dass er noch längst nicht der Athlet ist, der er 2017 und 2018 gewesen ist. Platz 32, für mehr reichte es nicht. Was ihn bestimmt mächtig ins Grübeln gebracht hat, war der Blick auf die Laufzeiten. Dort musste der Mann von der Skizunft Uhingen weit nach unten schauen, um seinen Namen zu lesen. Platz 45, im hinteren Mittelfeld. Weit entfernt von den eigenen Ansprüchen, die ein Biathlet nun mal mit sich trägt, wenn er jahrelang zu den Top Ten der Skijäger zählte und immer für einen Sieg infrage kam. „Es liegt noch eine Menge Arbeit vor mir“, sagte der Ex-Weltmeister, „akut beunruhigt bin ich nicht, aber es muss definitiv besser werden. Ich fühle mich sehr, sehr träge. Es fehlt noch viel nach vorne.“

Selbstvertrauen ist dahin

An diesem Mittwoch (16.15 Uhr/ZDF) im Einzel folgt die nächste Standortbestimmung. Dabei war Simon Schempp mit einer ordentlichen Portion Selbstvertrauen im Gepäck nach Mittelschweden angereist. Verletzungsfrei war er durch den Sommer gekommen, nachdem er zuvor eine gefühlte Ewigkeit von mysteriösen Rückenschmerzen geplagt worden war, die ihn fast zwei Winter lang physisch gebremst und psychisch zermürbt hatten. In den Trainingslagern hatte er sich in diesem Jahr endlich wieder befreit gefühlt bei den Einheiten, wenn er auf Skirollern die Berge hochgesprintet war.

Mit viel Spaß, Freude und neuem Elan hatte sich der viermalige Weltmeister in Richtung Comeback gearbeitet, dabei hatte er – sozusagen als Bestätigung für seine Mühen – sämtliche Titel bei den deutschen Meisterschaften auf Skirollern gewonnen. „Damit war nicht unbedingt zu rechnen“, erzählte er vor seinem Start in Östersund.

Liegend-Schießen trainiert

Der 18-malige Weltcup-Sieger konnte sich auf seinem Weg zurück in den Biathlon-Zirkus fast ausschließlich auf seinen Sport konzentrieren; Terminstress verspürte Schempp nicht, weil die Anfragen von Sponsoren und die Interview-Wünsche der Reporter selten geworden waren. „Wenn es nicht so läuft bei einem, schreit kein Hahn danach“, berichtete er. Der gebürtige Mutlanger, der seit Jahren in Ruhpolding lebt, bekam die nötigen Ruhephasen, die ein sensibler Sportler wie Schempp benötigt. „Im August“, erzählte er, „war mein Körper komplett erholt.“ Auch im Schießtraining, wo er sich auf die Liegend-Einheiten konzentriert hat, um noch zielgenauer und vor allem schneller zu werden, erkannte Schempp Fortschritte. Es schien alles zu passen für ein ordentliches Comeback.

Doch es wurde das genaue Gegenteil. Zäh. Mag sein, dass die knappe Erholungszeit zwischen Mixed-Staffel und Sprint dem Rückkehrer mehr zu schaffen gemacht hat als der Konkurrenz. Eine Erklärung, keine Ausrede. „Ich hoffe, dass das Training noch besser fruchtet und ich bald besser in Schuss komme“, meinte Schempp. Das Körperliche ist das eine, die Psyche das andere. Die nächste Lektion für Schempp lautet: Sich bloß nicht verrückt machen, wenn der Weg zurück in die Spitze nicht im Intercity-Tempo stattfindet, sondern lediglich mit der Geschwindigkeit eines Güterzuges.

Gut Ding hat bekanntlich Weile, und das große Saisonziel von Schempp sind ohnehin die Weltmeisterschaften Mitte Februar 2020 in Antholz. Der 31-Jährige hat noch ausreichend Zeit, sich dafür zu qualifizieren. „Ich muss deutlich besser werden. Aber ich wäre schon gerne dabei“, sagt Simon Schempp. Ein Spaziergang nach Südtirol dürfte es für den Routinier nicht werden, die Strecke nach Antholz könnte richtig zäh werden.