Wer mit dem Boxsport den Aufstieg vom Hinterhof bis ins grelle Rampenlicht verbindet, etwa im Stile der Filmlegende „Rocky“, der ist mit dem Ambiente in der Stuttgarter Straße 106 in Fellbach sehr gut bedient. Inmitten eines Industriegebietes liegt hier im dritten Stock eines halb leer stehenden Bürokomplexes das Kong’s Gym. Drinnen im Gym mit dem großen Boxring, den Sandsäcken und Springseilen ist Schwarz die dominierende Farbe. Es riecht ein wenig nach Schweiß – und somit nach ehrlichem Sport.
Der junge Mann, um den sich hier oben bei täglich zwei Trainingseinheiten alles dreht, besitzt ein sehr freundliches, aufgeschlossenes Naturell. Weil er sich bereits für die anstehende Arbeit im Ring mit seinem Trainer Conny Mittermeier vorbereitet hat, lässt Simon Zachenhuber die geschnürten Boxhandschuhe einfach an, als er sich zum Gespräch auf einen Lkw-Reifen setzt. „Boxen ist ein schöner, präziser Sport, der sehr viel Disziplin erfordert“, sagt der 23-jährige Faustkämpfer, der aus Erding stammt, aber seit 2018 in Stuttgart lebt und in Fellbach trainiert: „Es ist ein bisschen wie in der Kunst. Jeder Boxer entwickelt seinen eigenen Stil.“
Zachenhuber mit großer Reichweite
Geht es nach dem Geschmack des Gespanns Zachenhuber und Mittermeier, zu dem sich noch der Sportmanager Klaus Kärcher gesellt, so soll möglichst bald ganz Sportdeutschland von dem druckvollen Boxstil des Blondschopfes Notiz nehmen. Für einen Mittelgewichtler (bis 72,5 Kilogramm) besitzt Zachenhuber eine beeindruckende Physis, mit seinen 1,85 Meter nutzt er seine Reichweiten-Vorteile und zermürbt den Gegner im Vorwärtsgang. 15 Kämpfe hat der bislang ungeschlagene Profi bereits absolviert, acht davon per K. o. gewonnen.
„Wir sind nicht auf den schnellen Erfolg aus, sondern wollen für Simon eine nachhaltige Karriere, die ihn bis an die Spitze bringt“, sagt Klaus Kärcher, der unter anderem Sven Hannawald, Anni Friesinger, Fabian Hambüchen und Magdalena Brzeska betreut hat. Am nächsten Samstag boxt Simon Zachenhuber in der Dortmunder Westfalenhalle. Dort tritt er unmittelbar vor dem Hauptkampf von Felix Sturm gegen den Ungarn Istvan Szili zum zweiten Duell gegen Maurice Morio an. Jenen Gegner, den er bereits Anfang Januar in einem sehenswerten Faustgefecht über zehn Runden besiegt hat – und sich so den IBF-Weltmeistergürtel der Junioren im Mittelgewicht sicherte.
Coach Mittermeier ist ein alter Hase
„Simon besitzt einen enormen Willen, viel Trainingsfleiß, ein gutes taktisches Gespür und eine wirkungsvolle Schlaghand“, sagt Conny Mittermeier, 60, der ein ganz alter Hase in der Boxbranche ist. Seit 30 Jahren arbeitet Mittermeier als Trainer, hat bekannte Größen wie Witali Tajbert, Juan Carlos Gomez, Marko Huck oder Tyron Zeuge betreut – und auch die fetten Jahren des Boxens erlebt. Die Zeiten, in denen sowohl die Öffentlich-Rechtlichen als auch RTL ihre Boxhelden Henry Maske, Axel Schulz, Sven Ottke, Regina Halmich, Luan Krasniqi oder die Klitschko-Brüder via TV mit großem Sport, viel Konfetti und Glamour zu Stars machten.
Boxen mit Niveau
Aktuell, darüber ist sich auch das Zachenhuber-Lager im Klaren, liegt das deutsche Boxen am Boden. Kein großer Sender überträgt Kämpfe live. Die Dortmunder Boxnacht etwa ist exklusiv bei Bild-TV zu sehen. „Als wir zusammenkamen, habe ich gesagt: Lasst uns loslegen – aber mit Niveau. Das Boxen braucht ein neues Gesicht“, sagt Klaus Kärcher. „Warum nicht Simon Zachenhuber?“, fragt sich der Manager, der bei Kämpfen mit der Karlsruher Fächer-Promotion zusammenarbeitet: „Nicht nur für mich ist Simon der sympathische Kerl von nebenan.“
Tatsächlich hat Zachenhuber, dessen jüngere Schwester Amelie mehrfache deutsche Jahrgangsmeisterin im Schwimmen ist, bereits abseits des Boxens einen beachtlichen Bekanntheitsgrad erreicht. Dies liegt daran, dass der 23-Jährige, der als Student in Wirtschaftsinformatik eingeschrieben ist, im Vorjahr bei der populären RTL-Show „Let’s Dance“ mitgemacht hat.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Das sind die Herausforderungen für Alexander Wehrle
„Meinem Trainer war das gar nicht recht, denn der will mich im Ring sehen“, sagt Simon Zachenhuber, für den es sechs Tage in der Woche nichts als Training und Regeneration gibt. „Nur der Sonntag ist mir heilig.“ Doch durch Corona war 2021 teils gar nicht an Boxkämpfe zu denken, also ging es auf die Tanzfläche. Mit Patricija Belousova kämpfte sich der Boxer über 13 Wochen bis ins Finale vor. Am Ende wurde das Paar Vierter.
Auch im Profiboxen, wo bereits eine einzige Niederlage eine Karriere ins Rutschen bringen kann, will sich Simon Zachenhuber nun einen Namen machen. „Mein Ziel ist der Weltmeistergürtel“, sagt er. „Und ich weiß, dass ich das draufhabe.“