Schaustellerin Sina Rasch betreibt den Stand auf der Königstraße gemeinsam mit ihrer Mutter und Schausteller-Urgestein Gudrun Weeber. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Dubai-Schoko- und Matcha-Crêpes – Sina Rasch bringt Food-Trends auf den Stuttgarter Weihnachtsmarkt. Wie lebt und arbeitet es sich mit Mitte 30 im Schausteller-Business?
Sina Rasch ist ein waschechtes Schausteller-Gewächs. Seit sie 12 oder 13 Jahre alt ist, sind die Buden und Fahrgeschäfte auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt, dem Cannstatter Volksfest und auf Festen in ganz Deutschland ihr zweites Zuhause. Damit folgt Rasch einer langen Familientradition. Ihre Eltern Gudrun und Berti Weeber sind Teil der bekannten Zirkus- und Schausteller-Familie Weeber, die seit Jahrzehnten verschiedene Fahrgeschäfte, Stände und Festzelte auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt, dem Frühlingsfest, dem Cannstatter Volksfest und bei Festen in der Region und ganz Deutschland betreibt.
„In dem Jahr als ich geboren wurde, standen meine Eltern mit ihrem Stand das erste Mal auf dem Weihnachtsmarkt“, erzählt die heute 36-Jährige. Das war 1989. Seitdem hat sich viel getan. Mittlerweile betreibt Sina Rasch den Stand gemeinsam mit ihrer Mutter Gudrun Weeber, auf die das Geschäft auch angemeldet ist. Raschs Vater ist im vergangenen Jahr verstorben.
Frischer Wind für eine Stuttgarter Weihnachtsmarkt-Tradition
Das ursprüngliche Stand-Modell wurde im letzten Jahr durch ein neues ersetzt. In der „Weihnachtsstadt Stuttgart“ auf der Königstraße am Schlossplatz verkauft das Duo Weeber-Rasch gemeinsam mit seinem fünf- bis siebenköpfigen Team Waffeln, Glühwein und Crêpes in allen möglichen Variationen. Die Crêpes hatte die Familie vor einigen Jahren anstelle von Schokofrüchten ins Sortiment genommen – schon damals setzten sie damit einen Trend auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt – und waren auf dem Schlossplatz lange relativ allein mit dem Angebot.
Sina Rasch (re.) mit einer Kollegin bei der Zubereitung des Matcha-Crêpes. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone
Tochter Sina Rasch wird auch heute nicht müde, den Trends zu folgen und Jahr für Jahr frischen Wind in das Sortiment des Traditionsstandes zu bringen. Während sie letztes Jahr – zu Zeiten des Dubai-Schokoladen-Hypes – Crêpes mit der süßen Leckerei verkaufte, folgt sie in diesem Jahr dem Matcha-Trend. Über die Theke gehen am Stand nun Matcha-grüne Crêpes mit weißer Schokolade und Erdbeeren.
Dubai- und Matcha-Crêpes: Mit Trends das Traditionsgeschäft aufmischen
„Mein Mann hat mich letztes Jahr auf die Idee mit der Dubai-Schokolade gebracht und ich dachte mir dann, wir probieren das einfach mal aus“, erzählt Rasch. Mit Erfolg: Die Crêpes gingen weg wie warme Semmeln. Beim darauffolgenden Frühlingsfest habe Sina Rasch dann jedoch beobachtet, wie der Hype langsam nachließ. Eine neue Idee musste her. „Ich habe überlegt, was wir dieses Jahr Neues auf dem Weihnachtsmarkt anbieten können und weil Matcha ja grade sehr beliebt ist, probieren wir die Matcha-Crêpes aus.“ Auch die Crêpes mit dem Grüntee-Pulver kämen bei der Kundschaft gut an, so Rasch.
„Papa, wer übernimmt denn mal das Geschäft? – Ich?“
Die Schaustellerin verfolgt ihren Beruf mit Herzblut und großer Motivation – nicht nur auf dem Weihnachtsmarkt. Und das merkt man ihr an. Doch war das schon immer so? „Für mich war irgendwie von Anfang an klar, dass ich das Geschäft meiner Eltern einmal weiterführen will“, erzählt die 36-Jährige. Schon als kleines Mädchen habe sie ihrem Vater die Nachfolge vorgeschlagen und gefragt: „Papa, wer übernimmt denn mal das Geschäft? Ich?“. Und so kam es dann auch. „Es macht mir einfach Spaß, auf den verschiedenen Festen unterwegs zu sein. Man hat immer Abwechslung, der Job wird nie langweilig.“
Gleichzeitig muss Rasch gut organisiert sein, um Arbeit und Privatleben unter einen Hut zu bringen. Da verschwimmen schon auch mal die Grenzen. Gemeinsam mit ihrem Mann Dennis Rasch hat sie zwei kleine Kinder. Praktisch ist es da, dass auch ihr Mann Schausteller ist – er stammt aus einer der traditionsreichsten Schausteller-Familien in Hamburg und ist mit dem Business vertraut. Im Ländle arbeitet Dennis Rasch nun auch mit Schwiegermutter Gudrun Weeber zusammen.
Nicht von ungefähr haben sich Sina und ihr Mann auch bei einem Schausteller-Event kennengelernt. Doch wie lebt es sich mit Mitte 30 mit Kind und Kegel, wenn man ständig auf Veranstaltungen unterwegs ist?
Familienleben steht in der Weihnachtszeit hinten an
Das Ehepaar lebt mit den Kindern in Weinstadt im Rems-Murr-Kreis – von einem ausgewogenen Familienleben können sie während der Weihnachtszeit und auch in Zeiten des Frühlings- und Volksfests nur träumen. „Mein Mann ist über die Weihnachtszeit mit einem zweiten Stand auf dem Ludwigsburger Weihnachtsmarkt, währenddessen passt meine Mutter zuhause auf die Kinder auf“, erzählt Rasch. „Gerade jetzt in der Weihnachtsmarktzeit sehen wir uns nur abends kurz und sagen uns dann auch schon gute Nacht. Am nächsten Morgen geht es für uns beide zurück auf den Weihnachtsmarkt.“
Ansonsten achte die Familie aber darauf, so oft wie möglich auch in dieser Zeit zusammen zu sein. Falls die Kinder dennoch Betreuung brauchen, springt Mutter Gudrun ein. „Auf meine Mama kann ich mich in dem Fall immer verlassen“, sagt Sina Rasch.
„Der Weihnachtsmarkt und die anderen Feste sind unser Leben“
Großartige gemeinsame Freizeitaktivitäten fallen in der Weihnachtszeit jedoch flach. Auf die Frage, welchen Hobbys sie nachgeht, kommt die Antwort der Schaustellerin wie aus der Pistole geschossen: „Keinen“, sagt sie und lacht. „Dafür bleibt gar keine Zeit – der Weihnachtsmarkt und die anderen Feste sind tatsächlich mein Leben.“
Und das kann man wörtlich nehmen, denn für Rasch bedeutet der Weihnachtsmarkt mehr als nur tagein tagaus in der Bude stehen und Waffeln, Crêpes und Glühwein zu verkaufen. Das feste Team am Crêpes-Stand, darunter größtenteils Frauen, macht sich gemeinsam eine gute Zeit – und ist mittlerweile zu einer Art Weihnachtsmarkt-Familie zusammengewachsen. „Die meisten von ihnen kenne ich schon sehr lange, auch meine Stiefcousinen sind dabei – wir haben uns immer etwas zu erzählen und es gibt häufig was zu lachen – das ist einfach ein schönes Arbeiten.“
Das Team am Stand als kleine Weihnachtsmarkt-Familie
Wenn zwischendurch kurz Zeit für Pause ist, bleibt Sina Rasch trotzdem in Bewegung – denn es gibt immer etwas zu tun – und wenn es das Windeln-Besorgen für die Kinder ist. Haufenweise Waffeln und Crêpes verspeisen die Standinhaberin und ihr Team während der Marktzeit übrigens nicht – im Gegenteil. „Die Weihnachtsmarkt-Zeit ist immer so ein bisschen meine Diät-Zeit“, erzählt Sina Rasch und lacht. „Da läuft es meistens auf einen schnellen Snack aus dem Foodcourt in den Königsbau Passagen oder mal eine rote Wurst hinaus.“
Bleibt daneben noch Zeit für Weihnachtseinkäufe? Nicht wirklich, doch das ist auch nicht nötig, denn Familie Rasch weiß sich zu organisieren. „Unsere Kinder müssen ihren Wunschzettel schon im November abgeben“, sagt sie und lacht. „Die Geschenke liegen jetzt schon fertig verpackt im Keller und warten auf die Bescherung.“
Auszeit in der Stuttgarter Wilhelma oder dem Europa-Park
Eine Auszeit zwischen Weihnachtsmarkt, Frühlingsfest, Volksfest und weiteren Veranstaltungen über Stuttgart hinaus gönnt sich die junge Familie aber trotzdem. „Im Januar und Februar haben wir mehr oder weniger frei und machen dann unseren Familienurlaub“, erzählt die 36-Jährige. Lange währt diese Phase der Entspannung aber nicht – denn Mitte Februar winkt schon wieder die Faschingszeit, in der die Familie beim Umzug in der Innenstadt mit dem Crêpes-Stand vertreten ist.
Trotz allen Trubels hält Sina Rasch mit ihrer Familie an regelmäßigen Ritualen fest. „Wenn wir beispielsweise bei der Frühjahrs- und Herbstmess’ in Freiburg sind und schon früher mit dem Aufbau fertig werden, gehen wir vor der Eröffnung für einen Tag in den Europa-Park. In Stuttgart machen wir mit den Kindern immer mal wieder einen Ausflug in die Wilhelma“, erzählt die zweifache Mutter. „Wir schauen schon immer, dass wir zwischendrin gemeinsam etwas Schönes unternehmen. Das ist uns wichtig.“
Ob sich die Schaustellerin vorstellen kann, das Geschäft eines Tages an ihre Kinder zu übergeben? Das hänge davon ab, wie es der Branche in der Zukunft geht, sagt Rasch – und, davon, ob ihre Kinder überhaupt Lust darauf haben. „Wenn sie das gerne machen möchten, unterstützen wir sie dabei – aber sie können natürlich auch einen ganz anderen beruflichen Weg gehen. Sie sollen das tun, was sie glücklich macht und ihnen Spaß bereitet.“ Während Rasch sich selbst schon früh in der Welt der Schausteller gesehen hat, macht ihr Bruder beruflich etwas ganz anderes. So will es auch Sina Rasch bei ihren Kinder halten.
Über das Geschäft auf dem Weihnachtsmarkt kann sich die Familie in diesem Jahr nicht beklagen – es laufe gut. „Die Leute haben jedes Jahr wieder Lust darauf und das merkt man“, so Rasch. Gleichzeitig schlafe die Konkurrenz nicht. „Natürlich freut man sich jetzt nicht übermäßig, wenn neue Beschicker dazukommen. Das ist aber ja nicht unsere Entscheidung – darauf haben wir keinen Einfluss.“
Der nächste Trend für den Weihnachtsmarkt kommt bestimmt
Mit Blick in die Zukunft zeigt sich Sina Rasch dennoch optimistisch. Und auch rückblickend würde sie nichts anders machen. „Ich habe das vor allem während der Corona-Pandemie gemerkt, als wir nichts mehr machen durften: Die Feste und die damit verbundene Abwechslung haben mir gefehlt“, so die 36-Jährige.
Bis zum 23. Dezember ist die Schausteller-Familie mit ihrem Stand am Schlossplatz noch vertreten. „Zuhause sind wir dann irgendwann nachts um zwei Uhr“, sagt Rasch. Die Lust auf Weihnachten geht aber auch nach knapp vier Wochen Weihnachtsmarkt nonstop nicht verloren – zu Heiligabend ist die ganze Familie wieder vereint.
Was wohl der neueste Foodtrend im Jahr 2026 sein wird? Das steht noch in den Sternen, eines ist aber sicher: Schaustellerin Sina Rasch wird diese Frage für den nächsten Weihnachtsmarkt im Blick behalten.