Zu Besuch bei einem Lager in Fellbach Sind Pfadfinder noch zeitgemäß?

Blätterschlacht im CVJM-Garten: Pfadfinder fühlen sich der Natur verbunden. Einer ihrer wichtigsten Grundsätze ist, die Umwelt zu schützen. Weitere Bilder finden Sie in unserer Bildergalerie. Foto: Pressefoto Horst Rudel/Horst Rudel

Stefan Raab, David Beckham, Bill Gates und die Queen waren bei den Pfadfindern. Sie sind die größte Jugendbewegung der Welt. Aber sind sie noch zeitgemäß?

Stuttgart - Sie sind Überlebenskünstler, Naturschützer, Wanderer und Abenteurer. Sie wissen, wie man ein Zelt aufbaut und Feuer im strömenden Regen macht. Und wie man essbare Pflanzen findet. Zeit für ein Liedchen am Lagerfeuer bleibt immer und für die gute Tat sowieso. Sie tragen Hemd und Halstuch voller Stolz als Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit. Pfadfinder gibt es seit mehr als 100 Jahren. Einmal Pfadfinder, immer Pfadfinder, heißt es. Man hat sofort Bilder im Kopf, sicherlich auch Klischees. Bleibt die Frage: Sind die Pfadis, wie sie sich selbst gerne nennen, noch angesagt in Zeiten, in denen sich Menschen hauptsächlich um sich selbst drehen und das Internet Regie führt im Leben junger Menschen? Zumindest äußerlich halten sie sich nicht an den Zeitgeist.

 

Nach Schätzungen sind mehr als 50 Millionen Kinder und Jugendliche aus 228 Ländern und Territorien Pfadfinder

Die Pfadfinderbewegung ist die größte Jugendbewegung der Welt. Nach Schätzungen sind mehr als 50 Millionen Kinder und Jugendliche aus 228 Ländern und Territorien Pfadfinder. 300 Millionen Menschen haben ihnen bis heute angehört, darunter Promis wie Stefan Raab oder David Beckham, Bill Gates und die Queen. In Deutschland haben sich mehr als 260 000 Menschen der Gemeinschaft angeschlossen. Es gibt eine Vielzahl an Gruppen mit verschiedenen religiösen und weltanschaulichen Hintergründen. Manche sind interkonfessionell, andere katholisch, evangelisch, moslemisch oder konfessionslos. Konservative Pfadfinder gibt es ebenso wie liberale. Was sie eint, ist die Pädagogik.

Wer sind die Menschen hinter den Zahlen? Eine gute Gelegenheit, das herauszufinden, ist der Besuch eines Pfadfinderlagers. Das Herbstlager des Fellbacher Stammes Beowulf etwa.

Alle sind gleichberechtigt in der Gruppe

Herbstlager, das klingt nach Zelten in ungezähmter Natur. Nach Fußmarsch raus aus der Zivilisation. Lagerfeuer-Romantik und Stockbrotbacken. Herbstlager 2.0 bedeutet: CVJM-Heim in Kirchheim/Teck. Die Heizung läuft, unterm Dach wartet ein Matratzenlager und am Morgen ein Frühstück wie bei Muttern. Es ist Samstag, 9 Uhr. Nebel überall, noch zieht es niemanden nach draußen. Übernachten unter freiem Himmel bei Temperaturen unter zehn Grad? „Das macht heute kaum noch jemand“, sagt Simon Forstner, ein 26-Jähriger mit punkiger Frisur und einem herzlichen Lächeln. Er ist einer der drei Stammesführer.

Auf dem Tisch steht Biomilch, die Teller sind leer gegessen. Acht Kinder sitzen fröhlich plappernd an der langen Tafel. Sie räumen gemeinsam ab und fegen Krümel zusammen. Alle sind gleichberechtigt in der Gruppe, erklärt Forstner. Und er sagt auch: Pfadfinden ist nicht weniger, als den Anspruch zu haben, die Welt ein bisschen besser zu verlassen, als man sie vorgefunden hat. Ganz so, wie es der Gründer der Pfadfinderbewegung, der Kriegsheld Robert Baden-Powell, sich gewünscht hat.

Pfadfinden ist eine Herzenssache

Für Tim Frey (28), den Stammesvorsitzenden, ist Pfadfinden eine Herzenssache. Seit 21 Jahren ist er dabei, widmet seine gesamte Freizeit der Gruppe. Sind Pfadfinder die besseren Menschen? „Puh. Vielleicht. Man lernt, anders mit der Natur umzugehen, ist früher selbstständiger. Letztlich hängt viel von der Persönlichkeit ab.“ Frey ist Maurer, er wirkt zupackend und gutmütig. Sein eindrucksvollstes Pfadfinder-Erlebnis? Wo soll er da anfangen? Bei den Vogesen vielleicht: Er war elf, mit dem Bus ging es zum Landeslager nach Frankreich. Die Gruppe wanderte los auf der Suche nach einem Schlafplatz in der Natur. Plötzlich stand die Armee vor ihnen, warnte vor Wilderern. Frey erinnert sich, wie nachts Schüsse fielen. Oder Finnland, 2008: unterwegs mit Axt, Angel und einem 35-Kilo-Rucksack, aber ohne Plan. Hallig Hooge. Eine Wanderung im Sturm. Niemand konnte aufrecht gehen. „Das sah schräg aus, buchstäblich.“ Frey lacht.

Das ist es, was für ihn das Pfadfinden ausmacht. Dieses sich Durchschlagen. Nicht wissen, aber fest glauben, dass alles gut gehen wird. Das Glück liegt für ihn jenseits materieller Zwänge. Pfadfinder fühlen sich der Natur verbunden – schon immer. „Fridays for Future“, es hätte auch ihre Bewegung sein können.

Wenig Ich, viel Wir

Eine Erkenntnis kommt an diesem Wochenende schnell: Von den Pfadfindern hört man wenig Ich, viel Wir. Alle sind höflich und hilfsbereit, jeder übernimmt Aufgaben. Die Fellbacher haben Nachhaltigkeit zum Thema des Herbstlagers auserkoren. Am Vorabend haben sie Geschlechterklischees aus dem Weg geräumt. Heute schenken sie ausgedienten Shirts ein neues Leben – sie schneiden und knoten daraus Taschen. Aus Altglas basteln sie Kerzenhalter. Und sie sprechen über Plastiktüten („Zu viel Müll“) und überlegen, woraus man Papier machen kann. „Elefantenkacke.“ Gelächter.

Fast alle Kinder tragen dunkelblaue Hemden, die ein bisschen zu groß wirken, und gelbe, gerollte Halstücher. Links auf dem Herzen prangt das Abzeichen des interkonfessionellen Bundesverbands, dem die Fellbacher angehören, eine gelbe Lilie. Bei manchen sind weitere Aufnäher angebracht, Erinnerungen an Treffen mit Gleichgesinnten. Seit ein paar Jahren werden die Hemden fair und nachhaltig produziert, erklärt Forstner. Er selbst trägt ein und dasselbe Hemd, seit er 13 ist. Auf der Rückseite steht „Save Lives“, sein Bekenntnis zur Seenotrettung Geflüchteter. Forstner geht regelmäßig auf Demos, manchmal in seiner Pfadfinderkluft. „Das ist es, was man bei den Pfadfindern lernt: für Dinge einzutreten. Nicht nur darüber nachzudenken, sondern aktiv zu werden und Ziele zu vertreten.“

Luka (12) sagt, dass er die Natur mag, „Playmobil aber auch“

Mittagszeit. Es gibt Linseneintopf. Die Kinder erzählen, wie sie zu den Beowulfs gekommen sind. Manche wurden hineingeboren in eine Pfadfinderfamilie wie die Zwillinge Jannik und Simon (9), die das Lager für ein Fußballturnier unterbrechen und beide in ihrer Freizeit tanzen. „Die Lager sind das Beste“, sagt Jannik. Mit der Axt umgehen, Feuer machen. Findet auch Hanna (9), der gefällt, dass „wir alles gemeinsam machen und mit der Natur zusammenleben“. Jeder von ihnen hat schon mal unter dem Sternenhimmel übernachtet, es ist für alle ein großes Abenteuer. Jannik lässt in der ersten Nacht immer sein Halstuch an. „Dann werden Träume wahr.“

Lesen Sie hier aus unserem Plus-Angebot: Aktion Friedenslicht der Pfadfinder

Luka (12) sagt, dass er die Natur mag, „Playmobil aber auch“. Und er sagt, dass er stolz darauf sei, die Kluft zu tragen. Das Halstuch wird dem Nachwuchs nicht einfach so überreicht. Wer dazugehören möchte, muss es sich erarbeiten. Die Jüngsten, die Wölflinge, bewähren sich in der Meute. Im Alter von elf bis 16 Jahren gehören sie zur Pfadfinderstufe, anschließend können sie als Ranger und Rover Verantwortung als Gruppenleiter übernehmen.

Probleme, begeisterungsfähige Kinder zu finden, haben die Beowulfs wie die meisten Stämme in Deutschland nicht. Sie später als Teenager oder junge Erwachsene in leitenden Funktionen zu halten, ist dagegen schwieriger. „Schule und Studium verlangen den jungen Leuten viel ab“, sagt Tim Frey. Zudem gebe es ein Überangebot an Vereinen und Aktivitäten. Marie, die mitten im Abiturstress steckt, käme trotzdem nicht auf die Idee, den Pfadis den Rücken zu kehren. Die 17-Jährige ist für die Wölflinge verantwortlich, nutzt das Pfadfinden neben Schwimmen und Handball zum Abschalten.

„Ich will hilfsbereit und rücksichtsvoll sein. Ich will den anderen achten.“

Ein- oder zweimal im Jahr zelebrieren die Neuen im Bunde ein Versprechen. Formulieren Sätze wie: „Ich will hilfsbereit und rücksichtsvoll sein. Ich will den anderen achten. Ich will kritisch sein und Verantwortung übernehmen. Ich will mich beherrschen, dem Frieden dienen und mich für die Gemeinschaft einsetzen, in der ich lebe.“ Das klingt erst mal altmodisch. Einerseits. Andererseits steht Wertevermittlung hoch im Kurs in einer Welt, in der vieles unsicher erscheint.

Im Garten des CVJM üben die Kinder das Aufbauen der typischen Pfadfinderzelte, Kohten genannt. Die Kinder knüpfen vier schwarze Baumwollplanen aneinander und ziehen sie an Stangen nach oben. Forstner fragt in die Runde: „Habt ihr gerochen, dass hier überall Schnittlauch wächst?“ Zum anschließenden Bäumebestimmen benutzt er ausnahmsweise sein Handy. Früher ist er mit einem dicken Buch losgezogen, jetzt hilft ihm eine App. Während die einen von Baum zu Baum ziehen, bauen die anderen einen Wasserfilter aus alten Plastikflaschen.

Weltweit die gleichen Ideale und Grundsätze

Pfadfinder teilen weltweit die gleichen Ideale und Grundsätze. Doch es gibt Kontroversen, wie das Weltpfadfindertreffen 2019 in West-Virginia/USA deutlich machte. 45 000 Jugendliche aus 150 Ländern trafen sich zum Austausch. Der Stuttgarter John Varsami war als ehrenamtlicher Helfer vor Ort und dokumentierte das Camp auf Instagram. Sein Eindruck: Klima- und Umweltschutz ist für manchen Pfadfinder ein Fremdwort. „Viele Jugendliche haben noch nie was von Mülltrennung gehört“, stellte der 36-Jährige fest. Er hat Berge von Papiertellern und Plastikbesteck fotografiert. Die Deutschen waren die Einzigen, die darauf bestanden, in ihren eigenen Baumwollzelten zu übernachten und nicht in den Plastikbehausungen der Amis.

Bis vor Kurzem waren die Boy Scouts of America ein reiner Jungenverband. Nach der Öffnung für homosexuelle Leiter und Mädchengruppen gab es massive Widerstände aus konservativen und kirchlichen Kreisen. Das Ende vom Lied: Die Mormonen zogen sich aus dem Verband zurück. John Varsami erzählt: „Beim Jamboree ließen sich 50 amerikanische Pfadfinder freiwillig von ihren Eltern abholen, weil sie nicht damit klarkamen, dass so viele Pfadfinderinnen im Lager waren.“

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