Das Dumme ist nur: Der gesunde Menschenverstand irrt. Er ist einer Vorstellungswelt verhaftet, in welcher der entwicklungsgeschichtlich 300 000 Jahre junge Homo sapiens das Maß alles Lebendigen ist, die Flora sich an ihm und seinen Fertigkeiten zu messen hat. Mag sein, dass die Rose besser riecht, das Efeu geschickter klettert, die Eiche länger lebt als der Mensch. Mag sein, dass er im Stammbaum organischen Lebens am Ende eines Seitenarms sitzt. Der Mensch sieht sich als Krönung der Schöpfung. Es folgen die Tiere und schließlich die Pflanzen. Ihnen sind die untersten Ränge zugewiesen. Mehr als ein Dahinvegetieren ist für sie offensichtlich nicht drin.
Jahrtausende galt dies als unumstößlich. Als Noah von Gott den Auftrag erhielt, einen Rest Leben vor der Sintflut zu bewahren, blieben Pflanzen außen vor. Nicht ein Grashalm gelangte an Bord der Arche.
Womit es dem Menschen lange Zeit auch nicht in den Sinn kam, Pflanzen könnten in ihrer wesentlich längeren Evolutionsgeschichte von zwei Milliarden Jahren Fähigkeiten herausgebildet haben, die seinen fünf Sinnen schwer zugänglich, ihnen sogar überlegen sind. Doch genau das ist der Fall.
In atemberaubendem Tempo attestiert die Wissenschaft Pflanzen, was Mensch und Tier vorbehalten schien: Seh-, Riech- und Tastvermögen, kommunikative Fähigkeiten, Wissen, ja sogar Intelligenz. Der Biologe und Philosoph Andreas Weber spricht von einer Quantenrevolution, Stefano Mancuso, Professor für Pflanzenkunde an der Universität Florenz und Leiter des Laboratorio Internazionale di Neurobiologia Vegetale, von einem Paradigmenwechsel.
Die menschliche Hybris hatte allerdings auch leichtes Spiel. Pflanzliches Wahrnehmungsvermögen ist schwer zu erkennen. Während der Mensch mit Augen, Ohren und Nase für Licht, Schall oder Düfte spezielle Sinnesorgane aufweist, empfängt die Pflanze Umweltsignale dezentral. Ob Wurzelspitzen, Stängel, Blätter oder Blüten, alle sind sie mit Rezeptoren bestückt. Und während beim Menschen das Gehirn von den Sinnesorganen aufgezeichnete Reize zentral auswertet, ist bei der Pflanze auch hierfür der gesamte Organismus zuständig. Als ein Zusammenspiel von Modulen kann man ihn sich vorstellen, wobei in jedem Modul sämtliche Fähigkeiten angelegt sind.
Evolutionsbiologen führen die fehlende Spezialisierung darauf zurück, dass Baum, Strauch oder Kraut nicht weglaufen können. Besäßen sie lebenswichtige Organe, könnten Fressfeinde sie mit einem Schlag töten. So aber können manche Pflanzen nach einer Attacke noch mit einem Sechstel ihres Körpers überleben. Wenn sie sich im Lauf von Jahrmillionen durchgesetzt haben und auf der Erde heute mehr als 95 Prozent der Biomasse stellen, dann nicht zuletzt deshalb.
Pflanzen können „sehen“
Die Rezeptoren sind es denn auch, die Pflanzen sehen lassen. Nicht, dass sie einen Hund von einer Katze unterscheiden könnten. Sie sehen nicht in Bildern. Aber sie erfassen Lichteinfall, Lichtqualität, ja sogar vom menschlichen Auge nicht wahrnehmbare ultraviolette oder infrarote Strahlen.
Gutes Sehen, also das exakte Erfassen optischer Signale, ist für die Pflanze von existenzieller Bedeutung. Licht ist Grundstoff ihres Energiehaushalts. Sie braucht es zur Fotosynthese, zur Gewinnung von Glukose und Sauerstoff aus Wasser und Kohlendioxid. Ohne Licht verhungert sie. Je nach von den Rezeptoren empfangenen Informationen, wächst eine Pflanze hierhin oder dorthin, schnell oder langsam, schießt in die Höhe oder bildet zusätzliche Wurzeln aus.
Nicht minder entwickelt ist der Geruchssinn. Pflanzen nehmen Duftstoffe wahr, und sie können diese von Wissenschaftlern als „äußerst flüchtige organische Verbindungen“ identifizierten Stoffe auch ausschütten, zu Kommunikationszwecken nutzen, auf dem Luftweg Botschaften versenden.
Hilferuf in Molekülform
Die Adressaten sind vielfältig. Zur Bestäubung benötigte Insekten zählen dazu. Per Luftpost erfahren sie, dass es für sie etwas zu holen gibt. Auch Nachbarpflanzen erhalten Nachrichten. Der in Florenz lehrende Pflanzenforscher Mancuso hat hierzu ein Experiment mit zwei Topfpflanzen derselben Spezies durchgeführt. Mancuso hat sie ein paar Meter voneinander entfernt aufgestellt. Die eine hat er gut versorgt. Der anderen hat er Wasser und Mineralien entzogen. Die Folge: Die darbende Pflanze sandte von ihren Entbehrungen kündende Botenstoffe aus, woraufhin die im Überfluss lebende Pflanze begann, mit Wasser und Nährstoffen zu haushalten und Vorräte anzulegen.
Nachgewiesen sind auch in Molekülform verpackte Hilferufe, ausgesandt von Pflanzen, die sich gegen Schädlinge wehren müssen. Ian Baldwin vom Max-Planck-Institut für chemische Ökologie hat solche Rufe bei der wild wachsenden Tabakpflanze registriert. Wird sie von den gefräßigen Raupen des Tabakschwärmers überfallen, erkennt sie die Angreifer anhand der Bisswunden und des von den Schädlingen hinterlassenen Speichels. Sie drosselt die Nikotinproduktion, stellt Duftstoffe her, die Wanzen anlocken, welche über die Raupen herfallen.
Mancuso geht davon aus, dass sich etwa 20 Duftstoffe in unterschiedlichen Kombinationen zu einer komplexen Pflanzensprache addieren. Sie zu entschlüsseln zählt zu den großen Herausforderungen, denen sich die Biologie zu stellen hat.
Und dann ist da noch ein hoch entwickelter Tastsinn, angesiedelt vornehmlich in der Wurzelspitze. Oder ist es ein siebter Sinn? Jedenfalls können Pflanzen nicht nur im Boden befindliche Hindernisse, Gift- oder Nährstoffe ertasten, denen es auszuweichen oder entgegenzuwachsen gilt. Sie können auch entfernte Wasser-, Nähr- oder Schadstoffvorkommen aufspüren und ihr Wachstum entsprechend steuern.
Fasziniert von solch umfassenden Fähigkeiten billigt Mancuso Pflanzen auch noch zu, was einst als menschliches Alleinstellungsmerkmal galt: Intelligenz. „Pflanzen wägen ab und treffen Entscheidungen, um adäquat auf ihre Umwelt zu reagieren“, argumentiert er. „Wenn das nicht Intelligenz ist, was dann?“
Daniel Chamovitz geht das zu weit. Der Leiter des israelischen Manna Centers für Pflanzenbiologie gesteht Pflanzen lediglich umfängliches Wissen zu. Sie nähmen ihre Umwelt intensiv wahr, wüssten, was in welcher Situation zu tun sei. Aber sie handelten gewissermaßen instinktiv, reflektierten nicht. Der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera ist der gleichen Ansicht: „Pflanzen sind ungemein sensitiv und darin Tieren vergleichbar“, stellt er fest. „Aber intelligent? Nein.“
Die Schweiz spricht Pflanzen Würde zu
Dass die Wissenschaft uneins ist, ob Pflanzen Intelligenz oder lediglich Wissen zuzusprechen ist, liegt nicht zuletzt daran, dass beides zur Charakterisierung eines Menschen gebraucht wird. So anschaulich das Pflanzen umgehängte Etikett „intelligent“ oder „wissend“ sein mag, es spielt auf ihn an, verweist aufs menschliche Gehirn, verleitet zu Fehlschlüssen über gänzlich anders geartetes pflanzliches Leben.
Gleich welches Prädikat man Pflanzen zugestehen mag, fest steht, sie verdienen Respekt. Oder verdienen sie gar noch mehr?
Die Schweiz ist zu diesem Schluss gelangt. Auf Empfehlung einer Ethikkommission hat sie ihnen die verfassungsrechtlich verbürgte Würde allen Lebens zuerkannt. Der Daseinssinn pflanzlicher Kreaturen erschöpfe sich nicht darin, den Menschen mit Sauerstoff und Nahrung zu versorgen, heißt es in der Begründung. Ein europaweiter Alleingang war das. Über die „Würde des Kopfsalats“ wurde gewitzelt. Höhnisch wurde gefragt, ob man nun nicht mehr Unkraut jäten dürfe. „Unsinn“, entgegneten Verfassungsjuristen. Es gehe nicht darum, das Jäten, Mähen, Schneiden, Pfropfen, Verzehren oder Erforschen von Pflanzen zu verbieten. Untersagt sei lediglich, Pflanzen aus reiner Willkür zu schädigen.
Manche Pflanzenfreunde gehen zu weit
Respekt empfiehlt sich umso mehr, als die Expedition ins Reich der Pflanzen erst am Anfang steht, pflanzliche Fähigkeiten bei weitem nicht abschließend erforscht sind. So hat Spela Petric kürzlich mit dem Nachweis überrascht, dass Pflanzen einen Spieltrieb besitzen. Zur Illustration hat die auch als Künstlerin zu Ehren gelangte slowenische Molekularbiologin ein Zeitraffer-Video erstellt. Es zeigt Gurkenpflanzen, deren Ranken von künstlicher Intelligenz bewegten Tischtennisbällen nachjagen, einer verspielten Katze ähnlich mal nach mal diesen, mal nach jenen greifen.
Schon das bisher Entdeckte beflügelt die Fantasie. Beseelt vom Wunsch des Einsseins mit der vom Menschen malträtierten Natur, attestieren Pflanzenfreundinnen und -freunde ihren Lieblingen humane Züge. Sie seien empfänglich für gutes Zureden, zärtliche Gesten, Musik (zumal für die Lieblingsmusik derer, die besagte Empfänglichkeit postulieren), ja für Gefühlsäußerungen schlechthin. Wissenschaftlich ist das nicht bewiesen. Vieles spricht dagegen. So ist ein wissenschaftlicher Nachweis, dass Pflanzen auf Klänge reagieren, bisher nicht erbracht.
„Eine Pflanze registriert uns Menschen nicht als Individuen, wir sind nur einer von vielen äußeren Faktoren, welche die Chancen einer Pflanze, zu überleben und sich fortzupflanzen, erhöhen oder mindern“, stellt Chamovitz nüchtern fest. Was Menschen freilich nicht hindere, ihre eigene Verfasstheit auf Pflanzen zu projizieren, etwa eine blühende Pflanze zu einer glücklichen zu erklären und eine verwelkte zu einer unglücklichen.
Als hätte sich die Hybris des Menschen in ihr Gegenteil verkehrt, wird Pflanzen da und dort gar moralische Überlegenheit attestiert. Der Mensch ist leider schlecht, die Pflanze Gott sei Dank gut, lautet dann das Credo.
Dabei gilt Charles Darwins Gesetz der Evolution auch in der Flora. Auch im Pflanzenreich tobt ein Verdrängungswettbewerb, aus dem das stärkere, das besser angepasste Geschöpf als Sieger hervorgeht. Zum Einsatz kommt, wie man jetzt weiß, umfängliches Know-how, wenn nicht Intelligenz.
Der wohl entscheidendste Punkt, in dem Pflanzen dem Menschen voraus sind, ist denn auch kein moralischer: Sie können auf der Erde auch ohne ihn überleben. Er kann es ohne sie nicht.