Sindelfingen und Menteşe Mehr als ein Handschlag
Stärkere Bande zu demokratischen Kräften in der Türkei sind ein Gewinn – gerade vor dem Hintergrund türkisch-nationalistischer Umtriebe in Sindelfingen, meint Jan-Philipp Schlecht.
Stärkere Bande zu demokratischen Kräften in der Türkei sind ein Gewinn – gerade vor dem Hintergrund türkisch-nationalistischer Umtriebe in Sindelfingen, meint Jan-Philipp Schlecht.
Am Donnerstag unterschrieb Sindelfingens scheidender Oberbürgermeister Bernd Vöhringer die Absichtserklärung zu einer Städtepartnerschaft mit der türkischen Stadt Menteşe. Ein Neubeginn auf den letzten Metern seiner 24-jährigen Amtszeit. Was auf dem Papier nur nach einem bürokratischen Akt klingt, ist in Wahrheit ein politisches Signal von größerer Tragweite – für beide Seiten. Denn dort in der Provinz Muğla regiert Gonca Göksal Aras von der Partei CHP, jener kemalistisch-säkularen Oppositionspartei, die sich der autoritären Agenda Erdoğans in der Türkei entgegenstellt. Es ist ein Bekenntnis zur Demokratie – und es kommt genau zur rechten Zeit.
Die Verstrickung lokaler Akteure in das Netzwerk türkischer Nationalisten, Islamisten und Erdoğan-Treuer erreichte jüngst den OB-Wahlkampf. Schon zuvor löste die Verhaftung des Oppositionellen Ekrem Imamoglu in Istanbul auch in Sindelfingen eine kleine diplomatische Krise aus: Die Stadtverwaltung rang mit den türkischen Behörden um einen gemeinsamen Umgang mit diesem Akt der Despotie – und fand ihn nicht. Demzufolge blieben Vöhringer und Vertreter des Gemeinderats dem Fastenbrechen fern, das von offizieller Seite auf dem Sindelfinger Marktplatz organisiert worden war.
Die vertieften Recherchen unserer Redaktion zeigten dieser Tage erneut ein beunruhigendes Bild: Es reicht von Sympathiebekundungen für die rechtsextremen Grauen Wölfe bis hin zu Kooperationen mit Akteuren, die unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen. All das unter dem Deckmantel vermeintlicher „Vielfalt“. Vor diesem Hintergrund wird aus dem bürokratischen Anbandeln zweier Städte ein klares Statement. Es ist ein Ja zur offenen Gesellschaft, zur säkularen Ordnung, zur Gleichberechtigung. Gerade im Angesicht jener Kräfte, die das Gegenteil propagieren: autoritäre Männerbünde, religiösen Chauvinismus, ethnischen Nationalismus.
Die neue Partnerschaft mit Menteşe bietet Sindelfingen eine Chance zur politischen Hygiene. Denn während einzelne Mitglieder der türkischen Community in Sindelfingen mit Extremisten sympathisieren oder sich gar mit ihnen ablichten lassen, steht die CHP-Mehrheit in Menteşe für den anderen Weg: für eine Türkei, die plural, demokratisch und weltoffen sein will. Dass dort eine Frau das höchste Amt im Rathaus innehat, ist mehr als ein Randaspekt. Es ist das Symbol eines anderen Politikverständnisses: eines, das Frauen nicht aus dem öffentlichen Raum drängt, sondern sie darin stärkt.
Natürlich wird eine deutsch-türkische Städtepartnerschaft an den Missständen in der Türkei nicht viel ändern können. Sie wird nicht verhindern, dass weiterhin Wolfsgrüße auf Instagram gepostet werden. Aber sie kann einen Kontrapunkt setzen. Wenn Sindelfingen den Mut hat, diese Partnerschaft nicht nur feierlich zu unterzeichnen, sondern politisch mit Leben zu füllen, dann kann sie mehr sein als ein symbolischer Handschlag über 2000 Kilometer hinweg.
Denjenigen, die nun wieder unken, man dürfe nicht pauschalisieren: Stimmt. Man darf aber differenzieren – und genau das tut die Entscheidung für Menteşe. Sie macht deutlich, dass der Austausch mit der Türkei eben nicht heißt, sich mit Erdoğan und seinen Netzwerken gemein zu machen. Sondern dass es auch ein anderes, mutigeres, demokratischeres Gesicht der Türkei gibt. Wer Vielfalt ernst meint, muss genau dieses Gesicht stärken. Das Internationale Straßenfest in Sindelfingen bietet dafür die perfekte Bühne: ein friedliches, feierliches Miteinander der Kulturen. Extremismus und Nationalismus haben dort und zu allen anderen Anlässen in Sindelfingen keinen Platz.