Als Bernd Vöhringer (CDU) bei der Gemeinderatssitzung am Dienstag um kurz nach 16 Uhr das Rednerpult im Maichinger Bürgerhaus anvisierte und ein Statement zum Tagesordnungspunkt „Wahl des Oberbürgermeisters/der Oberbürgermeisterin“ abgab, rechnete wohl kaum jemand im Saal damit, dass der seit 23 Jahren amtierende OB ankündigen wird, bei der Wahl am 11. Mai 2025 nicht mehr anzutreten.
Wie überraschend die Nachricht auch für die für gewöhnlich gut informierten Ratsmitglieder war, zeigt eine Abfrage unserer Zeitung am Tag danach. Selbst Vöhringers Parteikollegen aus der CDU hatten einen möglichen Verzicht des Amtsinhabers nicht auf dem Zettel, wie die Fraktionsvorsitzende Maike Stahl sagt: „Die Ankündigung, nicht erneut zu kandidieren, hat uns – wie viele andere auch – überrascht. Wir bedauern das, haben aber vollstes Verständnis.“
Vöhringers CDU rechnete nicht mit dem Abgang
Weil Vöhringer seiner Heimatstadt so lange gedient hätte, zollt die christdemokratische Fraktion dem Oberbürgermeister Respekt für den Entschluss: „Die Entscheidung zeugt von Größe. Knapp zweieinhalb Jahrzehnte stand er an der Spitze der Stadtverwaltung und hat in dieser Zeit sehr gute Arbeit geleistet. Dafür gebührt ihm großer Dank und Anerkennung. Gleiches gilt für seine Entscheidung, im Sinne seiner Worte ‚Demokratie lebt vom Wechsel’, mit der er ein verantwortungsvolles Zeichen setzt.“
Auch die SPD wurde offenbar kalt erwischt. „Die Ankündigung ist durchaus eine Überraschung. Wir haben in seiner Amtsführung in den letzten Monaten nichts erkennen können, das auf diesen Schritt hingewiesen hätte“, formuliert es SPD-Fraktionschef Axel Finkelnburg. Dass der Langzeit-OB Platz macht für ein neues Gesicht, werten die Sozialdemokraten als ehrenwert: „Demokratie lebt vom Wandel. Ein selbstbestimmter Abgang ist ein Geschenk in politischen Wahlämtern. Dass Herrn Vöhringer dies gelungen ist, nötigt uns Respekt ab.“
Grüne sind nicht unglücklich über den Entschluss
Nicht immer auf gleicher Wellenlänge wie der Oberbürgermeister funkten in den vergangenen Jahren die Grünen. Sie zeigen sich ebenso überrascht: „Das war für uns eine große Überraschung. Aufgrund der Auftritte in den vergangenen Wochen waren wir überzeugt, er würde seinen Wiederantritt verkünden.“ Sabine Kober macht trotz der Tatsache, dass sich Vöhringer „verdient gemacht hat für das Wohl Sindelfingens“ kein Hehl daraus, dass sich ihre Fraktion über den Wechsel im Rathaus freut: „Wir sind froh. Schon lange gibt es Mängel in seiner Amtsführung. So liegen zahllose Anträge auf Eis, Termine wurden oft verschoben oder aufgehoben, der Haushalt wurde nie pünktlich eingebracht.“
Aus der liberalen Ecke wird dem Rathauschef ebenfalls Anerkennung zuteil. „Ich habe großen Respekt vor seinen Überlegungen und seinem Demokratieverständnis“, sagt Dorothee Kadauke (Freie Wähler). Maximilian Reinhardt (FDP) schreibt: „Ich ziehe meinen Hut. Es verdient Respekt, selbstbestimmt und selbstbewusst auf eine erneute Kandidatur zu verzichten. Er wird einen besonderen Platz in unserer Stadtgeschichte einnehmen.“
Auch Linke-Plus-Stadtrat Richard Pitterle drückt seine Achtung aus: „Für diesen Schritt, sich aus dem Spiel herauszunehmen, zolle ich ihm meine Anerkennung, zumal ich von seiner Wiederwahl überzeugt war.“ Winfried Meffert (AfD) sagt: „Herr Vöhringer hat ein Gespür für ‚richtiges Timing’; nicht nur im Umgang mit kommunalen Aufgaben, soauch im Umgang mit ‚Freund und Gegner’ in der politischen Arena. Das zeichnet eine souveräne Persönlichkeit aus.“ Serdar Şevik vom Bündnis Vielfalt betont: „Seine Entscheidung, nicht mehr anzutreten, verdient großen Respekt. Damit beginnt eine spannende Zeit mit neuen Möglichkeiten.“
Bringt sich ein Stadtrat bereits in Stellung?
In einem Brief wendet sich Landrat Roland Bernhard direkt an den OB: „Mit der Ankündigung hast Du mich überrascht. Meine spontane Reaktion: Schade, dass so ein kluger und fähiger Kopf es nicht nochmal versucht. Beim zweiten Nachdenken habe ich Verständnis dafür. Du gehst aus einer Position der Stärke und auch Popularität.“ Aus der Nachbarstadt Böblingen, mit der es zuletzt zum Beispiel beim Thema Rappenbaumhallenbad auch Misstöne gab, sind anerkennende Worte zu hören: „Die Zusammenarbeit mit OB Vöhringer ist von Sachlichkeit, Vertraulichkeit und einem respektvollen Miteinander geprägt. Seine jahrzehntelange Erfahrung in der Kommunal- sowie Europapolitik hat unseren Austausch enorm bereichert, wofür ich ihm sehr dankbar bin“, so Böblingens OB Stefan Belz (Grüne).
Ohne den Amtsinhaber eröffnet sich nach langer Zeit ein offenes Rennen um den Chefsessel im Rathaus. Einige Fraktionen beginnen mit der Kandidatensuche. Nur ein Ratsmitglied wagt sich aus der Deckung: „Es ist kein Geheimnis, dass ich von vielen Seiten angesprochen wurde, ob ich mir eine Kandidatur vorstellen kann. Dieser Zuspruch ehrt mich, auch wenn meine persönliche Zukunftsplanung eine hauptamtliche Aufgabe in der Kommunalpolitik eigentlich nicht vorsah. Ich werde das sortieren und dann eine Entscheidung treffen“, erklärt FDP-Stadtrat Maximilian Reinhardt.
So wie CDU-Fraktionschefin Maike Stahl sagt („Wir schauen nun mit Spannung in die nächsten Wochen und Monate“), geht es nach dem Paukenschlag von Maichingen wohl vielen Leuten in Sindelfingen.
Wechsel an der Rathausspitze
Amtsantritt
2001 wurde Bernd Vöhringer als jüngster Oberbürgermeister Deutschlands ins Sindelfinger Rathaus gewählt. Er löste Joachim Rücker ab.
Wiederwahl
2009 und 2017 wurde Vöhringer im Amt des OB bestätigt. 2009 holte Vöhringer 91 Prozent, acht Jahre später sogar fast 94 Prozent der abgegebenen Stimmen. Die Wahlbeteiligung betrug aber jeweils um die 30 Prozent.
Nächste Wahl
Am 11. Mai 2025 wird in der 65 000-Einwohner-Stadt ein neues Stadtoberhaupt gewählt. Kandidaten können sich zwischen dem 14. Februar und dem 14. April für das Amt bewerben.