Sindelfingens Partnerstadt eröffnet Landesgartenschau Torgau präsentiert sich bärenstark

Was Bleibendes für die Kids und die Jugend: der neue Skaterpark. Foto: /Dannecker

Zum Blumenspektakel in Sindelfingens sächsischer Partnerstadt Torgau werden 400 000 Besucher erwartet. Die Gartenschaumacher setzen voll auf Nachhaltigkeit für ihre Bürgerinnen und Bürger.

Die Bären waren und sind immer schon das Wappentier von Torgau. Doch seit dem Wochenende präsentiert sich Sindelfingens Partnerstadt an der Elbe in Nordsachsen bärenstärker denn je. Am Samstag hat die 20 000 Einwohner große Renaissancestadt-Perle die neunte Sächsische Landesgartenschau in ihren Mauern eröffnet. Bei strahlendem Sonnenschein – Petrus sei Dank – kamen gleich mal 3000 Besucherinnen und Besucher zu dem Blumen- und Blütenspektakel. 400 000 sollen es bis zum Ende in 170 Landesgartenschau-Tagen werden.

 

Ja, die Blumen-, Pflanzen-, Gartenliebhaber: Sie werden auf ihre Kosten kommen. Das weitläufige Gelände ist voll davon. Hinzu kommen gut 13 000 Quadratmeter neue Wege im Stadtpark Glacis. 513 Bäume wurden angepflanzt und 10 000 Sträucher in die Erde gesetzt. Ein nachhaltiger „grüner Mehrwert“ für ihre Stadt, wie deren Oberbürgermeisterin Romina Barth (39) schwärmt. Die Landesgartenschau 2022 sei ein Quantensprung für die Lebensqualität in und um Torgau herum.

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Das zu erkennen, war der jüngsten Oberbürgermeisterin im Freistaat Sachsen nicht von Anfang an vergönnt. „Schuld“ an der „Laga“, wie sie nun stattfindet, ist eine Torgauer Bürgerin. Gartenschau-Fan Annemarie Ketzel-Hilpert, Mitglied im CDU-Ortsverband, nervte ihre 2015 gewählte CDU-Oberbürgermeisterin monatelang mit der Idee. Und das erfolgreich. Romina Barth, anfangs skeptisch, was so eine „Blümchenschau“ denn bringen soll, schwenkte um – um 180 Grad. Und sie machte ein Jahr später, wie Zeitgenossen berichten, das Ansinnen zu dem ihren.

Zur einen Tür raus, zur anderen wieder rein – hartnäckig

Vielleicht hat sich die junge Frau die Strategie der Initiatorin ja zu eigen gemacht. Jedenfalls bekannte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, die Torgauer Stadtchefin sei „hartnäckigst“ gewesen bei Verhandlungen mit Bund und Land. Sei sie auf ihrer Geld-Betteltour erfolglos zu einer Tür hinausgegangen, sei sie zur anderen wieder hereingekommen. „Die Romina war zäh bei ihrem Kampf um Zuschüsse“, lacht Edwin „Eddi“ Bendrin. Ein Ruheständler und Stadtoriginal, der es wissen muss. Der ehemalige Grünen- und heutige CDU-Stadtrat, im Berufsleben fürs gesamte Torgauer Grün verantwortlich, sagt: „Das ist doch immer so im Leben: Menschen, die nerven, gibt’s du lieber nach, als sie weiter ertragen zu müssen“, so der Mann, den man in Torgau stets in Birkenstock-Sandalen ohne Socken sieht. Auch, wenn’s draußen saukalt ist.

Fördermittel von 85 Prozent anzapfen können

In die Landesgartenschau Torgau sind knapp 28 Millionen Euro geflossen, davon 23,4 Millionen an Fördermitteln, also rund 85 Prozent. Ein Mitnahmeeffekt, wie man ihn auch im Schwäbischen kennt und mag. Das Delta zwischen Aufwand und Ertrag war für Torgau leistbar – und doch auch kein Pappenstiel. Denn das Luther-Kleinstädtchen mit dem Schloss und der riesigen Tradition hat ja keinen Daimler als Dukatenesel.

Apropos Esel. Im Streichelzoo auf dem Gartenschaugelände könnten sich die beiden Mini-Esel Rico und Alvaro neben Schaf Hans zu den Lieblingen bei den Kindern entwickeln. Vielleicht aber auch zwei Aras, zwei Alpakas oder drei Heidschnucken. Für Kinder ist in dem Zoo tierisch viel geboten, aber auch auf mehreren Spielplätzen, die neu gebaut worden sind und wie der große neue Skatepark dauerhaft erhalten bleiben. Die Nachhaltigkeit, die auf der Landesgartenschau in Torgau eingebaut worden ist, soll der Bürgerschaft dienen – insbesondere den Familien. Das soll einen Mehrwert für die gesamte Region schaffen, auch den Tourismus fördern. 800 Veranstaltungen auf der Konzertbühne und anderswo sollen Torgau bekannt machen – noch bekannter als bisher.

Die einst Maichinger Firma Ezel ist Generalunternehmer der Schau

Eine Firma hat sich dadurch auch noch bekannter gemacht – Ezel. Ezel? Richtig. Die saßen früher mal in Maichingen, bis sie einst „go East“ gezogen sind. Das Torgauer Bauunternehmen war bei der Gartenschau der lokale Generalunternehmer.

Sindelfinger erkennen eh einige Parallelen zu jener Gartenschau, die man 1990 im Sommerhofental ausgerichtet hat. Auch damals waren ein paar Tiere die Hauptattraktion bei Heerscharen von Familien. Die drei Bären Sindi, Torgi und Lothar, benannt nach dem damaligen Ministerpräsidenten Lothar Späth. Wenn deren „Bärenvater“ die drei pelzigen Babys mit der Milchflasche fütterte, herrschte vorm Gehege ein Gedränge wie in einer Sardinenbüchse. Das Gastgeschenk der Torgauer war Sindelfingen erst suspekt, dann willkommen. Und auch Torgau hatte was davon. Man hätte seinerzeit nicht gewusst, wohin mit dem Nachwuchs, wo doch Zirkusse als Abnehmer ausschieden.

Nächstes Jahr feiert Torgau sein 1050-Jahr-Jubiläum

Mittlerweile sind die drei von damals alle tot. Doch die drei aktuellen Bären von Torgau kann man im Bärengraben am Schloss bewundern – die jungen Geschwister Bea und Benno und die über 30-jährige Jette. Letztere verlässt ihre fußbodengeheizte Stallung aber nur noch bei gutem Wetter. Bleibt die alte Bärin am Leben, darf sie 2023 weiter im Blick der Besucher sein. Dann wird Torgau 1050 Jahre alt – und das nächste Stadtfest feiern.

Die Partnerschaft zwischen Sindelfingen und Torgau: ein steiniger Weg

Alles andere als einfach
 1986 beschloss der Sindelfinger Gemeinderat, dass er eine Partnerstadt in der DDR haben wollte. Anders als bei Sondrio oder Corbeil-Essonnes lagen schwere Steine im Weg. Das Ansinnen entwickelte sich zum Politikum. Höchste Stellen mussten kontaktiert werden auf der Ostseite von Mauer und Stacheldraht.

Keine Entscheidungskompetenz
 Torgau kristallisierte sich als Option heraus. Doch dessen damaliger Bürgermeister Horst Strähle musste mitteilen, dass SED und Regierung eine Städtepartnerschaft äußerst restriktiv handhabten. Auch die Stasi spionierte argwöhnisch mit.

Spät(h)er Durchbruch im Jahr 1987
 Der damalige Ministerpräsident Lothar Späth sprach 1987 den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker an, was den Durchbruch brachte. 1988 war der Vertrag signiert.

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