Sindelfinger Biennale Die Abenteurerin und der Schultheiß

Das Stadtmuseum porträtiert Wilhelm Hörmann und Minna Moscherosch-Schmidt.

Stolz präsentiert Illja Widmann das Tagebuch des Schultes Hörmann. Foto: factum/A. Weise
Stolz präsentiert Illja Widmann das Tagebuch des Schultes Hörmann. Foto: factum/A. Weise

Sindelfingen - Minna Moscherosch-Schmidt lebte ein Leben, das den Rahmen aller Konventionen sprengte. Eine Schau im Sindelfinger Stadtmuseum in der Langen Straße zeigt nun den ungewöhnlichen Lebensweg dieser bemerkenswerten Frau, die ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus gewesen ist .

Mit gerade einmal 14 Jahre verließ sie 1880 ihre Heimatstadt Sindelfingen. Die junge Frau wollte eine Ausbildung machen und vor allem: etwas von der Welt sehen. Mit 20 wanderte sie nach Amerika aus und legte eine steile Karriere hin: als Tänzerin, Kostümbildnerin, Geschäftsfrau, Figurenmacherin, Autorin und zuletzt sogar als Dozentin an der Universität von Chicago. Und das mit einer achtjährigen Volksschulbildung. Nebenbei zog sie zwei Söhne groß und ernährte zeitweise die Familie allein, weil ihr Mann, ein Lateinlehrer, keine Arbeit in Amerika fand.

Minna Moscherosch wurde eine reiche Frau. Ihre Herkunft aus armen Sindelfinger Verhältnissen vergaß sie jedoch nie – und so spendete sie viel Geld für die Stadt, ermöglichte unter anderem den Bau eines Krankenhauses.

Der Schultes war ein Macher

Bei der Doppelschau im Museum steht eine weitere bedeutende Persönlichkeit der Stadt im Fokus: Wilhelm Hörmann, Sindelfinger Schultheiß von 1895 bis 1932. Er hat die einst rückständige Weberstadt in die Moderne geführt. Energisch trieb er die Verbesserung der Infrastruktur voran: er ließ ein Gaswerk bauen und neue Schulen, legte eine Kanalisation an, die Stadt erhielt eine elektrische Beleuchtung und nicht zuletzt machte er sich für die Ansiedlung von Daimler auf dem Flugfeld stark. Er war ein ungeduldiger Mann, stets dem Wohl der Stadt verpflichtet, sagt Illja Widmann, die Leiterin des Stadtmuseums, die im städtischen Archiv über Hörmann und Moscherosch-Schmidt geforscht hat.

Der großen Spenderin aus Amerika, die 1920 einen Besuch in ihrer Heimatstadt machte, war der Bürgermeister sehr verbunden. 1924 reiste er auf Einladung vom Moscherosch-Schmidt für einige Wochen nach Chicago. Seine Eindrücke hat er in einem Tagebuch niedergeschrieben. Persönliches Staunen über den Besuch in einem Selbstbedienungs-Restaurant hat er notiert genau wie die Eindrücke über die Persönlichkeit der Amerikaner: „Keiner bruttelt“. Den Blick des Bürgermeisters konnte er nicht ablegen. Wie die Straßen instand gehalten werden, schrieb er auf, und von Besuchen in einer Keksfabrik und einem automatisierten Schlachthof. Zur Eröffnung der Schau werden auch zwei Schauspieler in die Rollen von Moscherosch-Schmidt und Hörmann schlüpfen. Schüler des Goldberg-Gymnasium stellen einige Szenen dar.