Wie hier 2024 mit Ex-OB Bernd Vöhringer (im Hintergrund) hätten die Veranstalter gerne auch dieses Jahr Offizielle der Stadt begrüßt. Foto: tefanie Schlecht
Das gemeinsame Fastenbrechen auf dem Sindelfinger Marktplatz ist abgesagt. Im Nachgang kritisieren die Veranstalter die Stadt, sie sende ein falsches Signal.
Wie viele Jahre zuvor hätte am Sonntag das gemeinsame Fastenbrechen (Iftar) auf dem Sindelfinger Marktplatz stattfinden sollen. Doch am Dienstagvormittag haben es die Veranstalter wegen hoher Sicherheitsauflagen abgesagt. Darüber hinaus bleibt die Veranstaltung ein großes Diskussionsthema.
Denn bereits einige Tage zuvor hatten die Stadtverwaltung mit Oberbürgermeister Markus Kleemann und der Gemeinderat erklärt, dem Fastenbrechen fernzubleiben. Der Grund: Zwei der drei Organisationsgruppen werden vom baden-württembergischen Verfassungsschutz beobachtet.
„Vertane Chance für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“
Dies kritisieren die Veranstalter nun gegenüber unserer Zeitung: Dass Stadtverwaltung und Gemeinderat ihre Teilnahme im Vorfeld abgesagt hätten, sei „eine vertane Chance für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wir nehmen die Entscheidung zur Kenntnis, sehen darin jedoch einen Bruch mit der bisherigen Praxis des vertrauensvollen Miteinanders.“ Es werde ein falsches Signal gesendet: „Wenn hunderte Ehrenamtliche einen Abend ermöglichen, an dem Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft an einem Tisch sitzen, ist das gelebte Integration. Sichtbare Anerkennung durch die Stadt fördert das Vertrauen.“
Bleibt die Frage: Verschließen sich Stadtverwaltung und Gemeinderat damit dem interkulturellem Dialog? Oder handeln sie konsequent, da zwei Organisatoren unter Beobachtung des Landesverfassungsschutzes stehen?
OB Markus Kleemann will trotz der Absage den Dialog suchen. Foto: Eibner-Pressefoto/Roger Bürke
Islamistische und türkisch-rechtsextremistische Bestrebungen
Im Verfassungsschutzbericht 2024 werden Milli Görüş und der Türk Federasyon vorgeworfen, mit Teilen ihrer Ideologien gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik zu verstoßen. Während Milli Görüş als Vertreterin eines radikalen Islamismus gilt, sieht der Nachrichtendienst im Sindelfinger Nationalen Verein Türkischer Arbeitnehmer einen Ableger des als türkisch-rechtsextremistisch eingestuften Dachverbands ADÜTDF. In Deutschland sind dessen Vertreter vor allem als „Graue Wölfe“ bekannt.
Auf die Frage unserer Zeitung, weshalb die Organisatoren nicht auf vom Verfassungsschutz beobachtete Vereine verzichteten, antwortet ein Vertreter: „Wir verstehen das Fastenbrechen als ein offenes Angebot an die gesamte Stadtgesellschaft. Der Kern liegt in der unvoreingenommenen Begegnung aller Bürgerinnen und Bürger. Eine selektive Auswahl der Teilnehmenden würde dem Grundgedanken der Inklusion widersprechen.“ Eine „systematische Ausgrenzung“ lehnen die Organisatoren ab.
Trotz der Beobachtung durch den Verfassungsschutz sehen sich die Iftar-Veranstalter als verfassungstreu. Der Sprecher des Trios, Arif Dursun, schreibt auf Anfrage: „Wir stehen fest auf dem Fundament unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung und des Grundgesetzes, welche die Basis für unser Handeln in Sindelfingen bilden.“
Gesprächsfaden soll nicht verloren gehen
Auch wenn dieses Jahr keine gemeinsame Veranstaltung stattfinden wird, unterstreicht die Stadt ihr Bestreben, weiterhin den Austausch mit den verschiedenen muslimischen Gruppen zu suchen: „Für OB Kleemann ist wichtig zu betonen, dass Sindelfingen zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht und zugleich auf Dialog setzt.“
Die drei Organisationen des Fastenbrechens betonen ihrerseits das Interesse – nicht aber ohne Kritik an der ablehnenden Haltung: „Unser Ziel ist eine Kooperation, die sich an konkreten Ergebnissen und dem praktischen Miteinander hier vor Ort orientiert. Wir erhoffen uns eine Rückkehr zu einem sachlichen Umgang, der auf gegenseitigem Respekt basiert und die religiöse sowie soziale Arbeit unserer Gemeinden für die Stadt Sindelfingen anerkennt.“
Am 15. April lädt OB Markus Kleemann zum interkulturellen Dialog ins Rathaus.
Extremistische Bestrebungen
Milli Görüş Der Bewegung Milli Görüş wird eine islamistische und antisemitische Ideologie und damit eine Haltung gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung vorgeworfen. Im Verfassungsschutz 2024 heißt es, Milli-Görüş wolle „die westliche ‚Ordnung des Unrechts’ durch eine islamische ‚Gerechte Ordnung’ ersetzen“.
Graue Wölfe Der Verfassungsschutz schreibt zur Ideologie der Grauen Wölfe: „Die türkisch-rechtsextremistische ‚Ülkücü’-Ideologie propagiert einen übersteigerten Nationalismus (...). Dabei nimmt Antisemitismus eine zentrale Rolle ein.“ Auch Armenier und Kurden würden herabgewürdigt. Der Verfassungsschutz sieht eine „menschenfeindlichen Ideologie“, die sich gegen „das friedliche Zusammenleben richtet“.