Vor dem ehemaligen Domo-Kaufhaus (hinten im Bild), stand einst das Haus der jüdischen Familie Ullmann, deren Mitglieder fast alle dem NS-Regime zum Opfer fielen. Foto: Stefanie Schlecht
Bisher erinnern Gedenktafeln und Stelen an Sindelfingens NS-Vergangenheit. Unter der Leitung von Stadtarchivleiter Horst Zecha kommen nun Gunter Demnigs Stolpersteine hinzu. An drei Stellen wird der Künstler die ersten Mahnmale setzen – viele weitere sollen folgen.
Der Straßenverkehr wälzt sich achtlos dröhnend vorbei an der Kreuzung, wo die Ziegelstraße auf den Corbeil-Essonnes-Platz trifft. Genau hier stand einmal das Haus, in dem die jüdische Viehhändlerfamilie Ullmann gelebt hatte. Bis die Nazis die Mitglieder 1941 und 1942 deportierte.
Heute erinnern zwei flache Betonblöcke und eine kaum lesbare Metalltafel auf dem Boden vor dem ehemaligen Domo-Kaufhaus an die nahezu vollständig ausgelöschet Familie. Das Mahnmal war 2006 auf Initiative der Geschichtswerkstatt am Sindelfinger Goldberg-Gymnasium dort errichtet worden. „Unvergessen. Wir bitten um Vergebung“ steht auf einem handgeschriebenen und durchnässten Zettel, der mit Klebeband auf einem der Blöcke angebracht ist. Am Boden liegt ein trockener Kranz, in dem sich Zigarettenstummel ansammeln. Ein würdiges Gedenken sieht anders aus.
Für die Stolpersteine sind Patenschaften möglich
Genau das will Horst Zecha ändern. Der Sindelfinger Stadtarchivar und langjährige Kulturamtsleiter kümmert sich in Sindelfingen um die Umsetzung des Stolpersteine-Projekts, mit dem der Künstler Gunter Demnig seit 1996 an die Opfer der NS-Verbrechen erinnert. „Das geht zurück auf einen interfraktionellen Antrag aus dem Jahr 2020“, erzählt Zecha. Alle Fraktionen mit Ausnahme der AfD hatten damals zugestimmt, dass die Stadt sich an dem Kunst- und Gedenkprojekt engagiert, bei dem die Namen von NS-Opfern in Messingtafeln eingraviert und im Bordstein vor ihrem letzten frei gewählten Wohnort gesetzt werden.
Horst Zecha am Mahnmal für die Familie Ullmann Foto: Stefanie Schlecht
Zur Finanzierung der 120 Euro für einen Stolperstein, vor allem aber für deren Pflege, können Patenschaften übernommen werden. Laut Zecha haben sich bereits diverse Interessenten gefunden, darunter eine Lehrerin am Stiftsgymnasium.
„In der Verwaltung hatten wir uns überlegt, wie wir das Projekt in die bereits bestehende Erinnerungskultur einbauen können“, verweist Horst Zecha auf die vor 30 Jahren am Rathaus angebrachte Gedenktafel oder die bereits 1985 errichteten Stelen auf dem Alten Friedhof.
Am 22. Mai dieses Jahres sollen die ersten fünf Stolpersteine gesetzt werden, drei davon vor dem Domo, wo einst das Ehepaar Siegfried und Lili Ullmann und später ihr Schwager Emil Ullmann gelebt hatte. Die anderen beiden Stolpersteine sollen in der Uhlandstraße 25 an Wilhelm Brendle und in der Bahnhofstraße 31 an Karl Keinath erinnern. Beide waren wegen ihrer Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Deutschlands verhaftet und anschließend ins Konzentrationslager gesteckt worden.
Wenn Gunter Demnig am 22. Mai nach Sindelfingen kommt, um die Stolpersteine zu setzen, wird mit Jenny Ullmann eine Nachfahrin der Familienmitglieder vor Ort sein, denen Ende der 30er die Flucht nach England gelungen war. Bei den deportierten KPD-Mitgliedern hat Zecha noch keine Angehörigen finden können. Am Beispiel der beiden zeigt sich, wie aufwendig die Recherche zu den NS-Opfern sich gestaltet.
Bei der Forschungsarbeit hat sich viel getan
„Allerdings hat sich da in der Forschung einiges getan“, erzählt Zecha. Beispielsweise sei jetzt im Falle der Tötungsanstalt Grafeneck ein Großteil der dort ermordeten Menschen namentlich erfasst. Auch über die Gedenkstätte Nordbahnhof in Stuttgart lasse sich mittlerweile besser herausfinden, wer und wann von dort deportiert wurde.
Mehr als 40 Sindelfinger Holocaust-Opfer und über 50 ums Leben gekommene Zwangsarbeiter – sie alle sollen nach und nach einen Stolperstein bekommen. Jeweils am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, sollen die neu hinzugekommen Steine und damit die Opfer gewürdigt werden. „So wollen wir die Gedenkkultur am Leben halten“, sagt Zecha., der in seiner Funktion als Archivar an einem Geschichtsprojekt über Sindelfingen im 20. Jahrhundert arbeitet.
Meist gelinge es ihm dabei, einen wissenschaftlich-distanzierten Blick zu wahren. „Aber je älter ich werde, desto mehr geht mir das immer wieder nahe“, sagt er. Als Historiker sehr er mit Blick auf das Erstarken von Extremisten und Populisten aber auch genau darin Sinn in seiner Arbeit. „Es gibt Mechanismen in der Geschichte, die muss man beschreiben, weil sie offenbar Wiederholungsgefahr beinhalten“, sagt Zecha.
Internationale Gedenkaktion
Der erste Stein Das Stolpersteine-Projekt erinnert an die Opfer des NS-Regimes. Initiator ist der Künstler Gunter Demnig (Jahrgang 1947). Im Jahr 1996 setze er den ersten Stein in Berlin-Kreuzberg – damals noch illegalerweise. Seitdem hat er mehr als 116 000 Stolpersteine in über 1860 Kommunen in 31 europäischen Ländern gelegt. Die Stolpersteine gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt.
Im Kreis Böblingen Stolpersteine liegen unter anderem bereits in Böblingen, Holzgerlingen und Waldenbuch.